Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Blogger erobern Medien-Mainstream: Nachrichtendienst AFP will gute Quellen aus der „augmented humanity“ zitieren

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Während die ganze Medienwelt bis hin zur Wirtschaftspresse gestern gebannt auf die IFA Berlin blickte, und live im Netz den Ausführungen von Google-Chef Eric Schmidt zur „augmented humanity“ folgte, arbeitete ich gerade an meiner eigenen Definition zu diesem Begriff. de-bug hat die Debatte so aufgegriffen: Niemals verloren, niemals einsam, niemals gelangweilt.    

Greifen wir dieses Buzzword der „augmented humanity“ jenseits der Schirrmachers und Co. mal auf. Früher mussten junge kreative Schreiberlinge bei einer Lokalzeitung nachfragen, ob der Chef ihnen erlaubte, mal einen Artikel zu schreiben. Heute kann man Inhalte einfach ins Netz stellen, es muss sich nur wer dafür interessieren. 

Die Nachrichtenagentur AFP, die auch schon durch eher harsche Maßnahmen gegen die Meinungsfreiheit und Netzvielfalt auffiel, kündigt jetzt aber folgendes an: Wir zitieren künftig die Blogosphäre als Nachrichtenquelle, berichtet thenextweb. Das klingt revolutionär, ging aber im allgemeinen Medientaumel unter.

Ob es der Durchbruch für kreative und fleißige Blogger unterschiedlicher Genres sein wird, ist schwer zu beurteilen. Es ist aber ein logischer Schritt in die richtige Richtung.  Das klingt interessant. Ist es das auch?

Die Leserkommentare zeigen noch eine vorsichtige Erwartungshaltung. Zu oft  wurden kreative Himmelsstürmer enttäuscht,  von sich oder von dem Rest der Welt. Im Netz bleibt nicht viel übrig, außer ein paar Sekunden geteilte Aufmerksamkeit nebenbei. Blicklogger Dirk Elsner hat in seinem Beitrag die mentalen Aufs und Abs eines Tagebuchschreibers bereits beleuchtet, und kommt zu dem Ergebnis, es soll den integrativen Pluralismus befördern.

Wie schwierig es ist, einen alternativen professionellen Rahmen und Infrastruktur mit neuen Sender-Empfänger-Modellen auf die Beine zu stellen, zeigt sich etwa an Buzzriders, einem ambitionierten Lokalzeitungsprojekt 2.0, das aus der Sondierungsphase bislang nicht hinaus gekommen ist. Aber was nicht ist, das kann noch werden, berichtet förderland.de über den neuen Bürgerjournalismus und seine Protagonisten.

Was bedeutet diese Nachricht nun für die Wirtschaftsblogger, die ja nicht ohne weiteres rund um die Uhr einen hochwertigen oder bunt unterhaltsamen Nachrichtenstrauß produzieren können, weil sie nicht in der ersten Riege der asymetrischen Informationspyramide sitzen. Zweifellos: Wer das Ganze nur ziellos, hobbymäßig und mit mäßigem Aufwand betreibt, der wird kaum mit einem professionellen Nachrichtenstab konkurrieren können. 

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Ganze Heerscharen von Wissenschaftlern, Unternehmen, Medien und Auguren ziehen nämlich umsonst-und-kostenlos ihr professionelles „Datamining“ aus dem Web, und verkaufen es dann. Mir ist das klar, dass ich und andere all diesen stillen Wortverköstern kostenlose Steilvorlagen liefere. Aber die Freude an der Arbeit trübt es mir trotzdem nicht. Ich sehe die Herausforderung sportlich.

Beispiel Noa Bank, leider ein Fazit aus traurigem Anlass : Ich war der erste deutsche Berichterstatter, der bereits vor der Gründung differenziert über das Geschäftsmodell berichtet hatte. Und ich war vor Spiegel online und allen anderen auch der erste Berichterstatter, der seine Leser auf Social Banking 2.0 über das eingeleitet Insolvenzverfahren informiert hat.

Auch sonst gab es hier immer wieder was zu lesen, was anderswo vielleicht so nicht zu erfahren war. Das gilt auch für viele andere Blogs aus Wirtschaft und Finanzen, mit denen man zwar nicht unbedingt reich, aber erkenntnisreich wird. Als professioneller Journalist bin ich es natürlich gewohnt, rasch zu recherchieren, verdichten und zu schreiben. Dennoch könnte die Außenwahrnehmung für die Blogosphäre im Land der Bedenkenträger besser sein.

Es sind ja nicht nur Journalisten und PR-Leute aktiv. Da reifen unglaubliche Talente aus dem Nichts heran. Habe gestern zufällig mal auf dem Zementblog gestöbert, wo ein Hamburger Schüler aus der gymnasialen Oberstufe durchaus interessante Inhalte wie ein Praktikum in einem Beerdigungsinstitut postet. Vieles dort ist kurzweiliger, als den immer wieder gleichen Experten in den hierarchisch vordefinierten Lesezirkeln zu lauschen. 

Das ist nur ein Beispiel unter vielen. Nicht alles ist Gold, was glänzt, manchmal sind Postings auf den Blogs vorschnell und hibbelig, einmal mehr Nachdenken wäre oftmals gut. Aber die sozialen Klischees gegen die Blogosphäre sind längst verbraucht. Neues bricht sich seine Bahn.

Gerade in Deutschland denken viele immer noch: Hat der Blogger mit seiner kostbaren Zeit nichts besseres zu tun, also keinen ordentlichen Beruf erlernt oder eine Familie, um die er sich kümmern muss – oder ein Haus, dessen Dach heute noch in Ordnung gebracht werden müsste. Oder den Hund Gassi führen und dann vor der Glotze einschlafen. 

Doch, das haben viele, aber sie bloggen trotzdem mit hohem sozialen Kapitaleinsatz aus Leidenschaft, Offenheit und Neugier.  Natürlich verdienen die meisten ihr Geld anderswo. Der Traum vom schnellen Geld mit digitalen Inhalten erfüllt sich gerade jenseits des medialen Mainstreams für die meisten Blogger kaum. 

Aber es gibt ein wachsendes Publikum für andere Sichtweisen. Die Blogger wiederum können sich nur etablieren, wenn sie die Mentalität eines Leistungssportlers mit dem Herz eines Langstreckenläufers kombinieren, der sich seine Rennen immer wieder gut einteilen muss.

Ich selbst finde es neben dem Brot-und-Butter-Geschäft spannend, neue professionelle Wege jenseits der Einbahnstraßenkommunikation zu erkunden. Und das geht nun mal nur, indem man vom Empfänger zum Sender wird. Man oder frau (auch da gibt es viel Neues) muss nur seinem eigenen inneren Kompass vertrauen.

Was könnte sich für die hiesigen Wirtschafts- und Finanzblogger ändern, wenn sie sukzessive in die Nachrichtenkanäle der arrivierten Medienindustrie eingebunden würden?

Zum einen wird der Trend, dass Blogger  mit dem Medienmainstream kooperieren, kein Selbstläufer, denn man muss spannende Inhalte präsentieren, aber auch spezifische Themen posten, um von den relevanten Distributoren überhaupt wahr genommen zu werden.

Und wenn man oder frau einmal etabliert ist, besteht das Risiko, selbst als medialer Mainstream von der schnellebigen Community rasch wieder ins Nirwana ausgespuckt zu werden. 

Es gibt viele Gräben in oftmals ideologisch fundamentierten Weltbildern, die sich dem Schwarz-Weiß-Fernsehen verschrieben haben. Ich selbst habe gute Erfahrungen gemacht, die meisten Blogger im Bereich Wirtschaft und Finanzen sind sehr offen und undogmatisch. Das bereichert den Dialog, schafft kreative Reibung für neue Erkenntnisse.

Das Bloggerforum Wirtschaft, auf dem ich ja auch selbst aktiv bin, ist ein derartiges Netzwerk, das versucht, die unterschiedlichen Blickwinkel auf die jeweilige Nachrichtenlage in der Finanzwelt oder Wirtschaft auf hintergründige Art und Weise über eine zentrale Einstiegsseite zu präsentieren.

Das Sammelsurium der dort vertretenen Spezialisierungen ist groß. Aber, immerhin, es ist ein Anfang, der zeigt, dass die Schlagkraft der Blogosphäre wächst. Trotzdem braucht es keine Grüppchenbildung, von welcher Seite auch immer, um als Einzelner einen kreativen Sprengsatz zu zünden.

Es werden noch viele Menschen in der nachwachsenden digitalen Rohstoffgeneration derartige Konzepte entwickeln, die sich nach und nach in ihre Zielgruppen hinein tasten – und versuchen, diese mit spannenden Themen an sich zu binden.

Im Blogoscop sieht man mindestens so gut, wie in jener ersten Reihe, wo alle Plätze vorne schon besetzt sind, und klar ist, wer diese einnimmt.

Klar: Jeder kämpft im Social Network um ein Häppchen Aufmerksamkeit, wodurch nur die schnellsten, fundiertesten und besten überhaupt eine Chance auf öffentliche Wahrnehmung haben. Es herrscht ein knallharter Verdrängungswettbewerb, horizontal wie vertikal.

Aber dass einzelne Personen oder lose Social Media Formationen aus der bunten weiten Welt der Blogosphäre jetzt von Nachrichtenagenturen als kleine „Ich-AG-Ergänzungsverlage“ zu den klassischen Nachrichtenströmen wahr genommen werden und sich entfalten können, das ist die logische Folge eines viralen Evolutionsprogramms.

Die Ankündigung von AFP ist also zweifellos eine gute Nachricht, die in der Welt der großen Newsdesk sicherlich untergeht, aber doch ein Nährboden für das künftige Wachstum von alternativen Sichtweisen auf die volatile Welt darstellt.

Vielleicht landen ja irgendwann sogar Videos auf dem Youtube-Kanal von AFP, worüber sich Google-Chef Eric Schmidt freuen würde. Und dann hätte er aus Nutzersicht deutlich mehr zu erzählen auf der nächsten IFA, als sich die immer neuen Vorwürfe anzuhören, es handle sich bei dem Suchmaschinenkonzern am Ende doch nur um eine Datenkrake.

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Written by lochmaier

September 8, 2010 um 6:19 am

Veröffentlicht in Uncategorized

4 Antworten

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  1. Bei der NOA Insolvenz waren Sie fast der Erste – nur Tagesgeld News konnte vorab durch Exklusivinformationen der BaFin schon 2h vor der offiziellen Bekanntgabe über die Insolvenz berichten 😉

    Tagesgeld News

    September 8, 2010 at 6:38 am

    • Na klar, sehen wir das Ganze doch sportlich. Ich hatte den Gerichtssprecher zuerst am Telefon. Am besten wir machen einen öffentlichen Schauprozess, wer von uns der erste war, dann kriegen wir neue Blogleser wie Thilo Sarrazin!

      lochmaier

      September 8, 2010 at 6:54 am

  2. Sehr schöne Darstellung der Befindlichkeiten der Wirtschaftsblogosphäre. Kann ich gut unterschreiben.
    Man braucht schon eine ordentliche Portion Spaß und Leidenschaft, wenn man nebenbei einen Blog betreibt. Das geht dann natürlich zu Lasten anderer Freizeitbeschäftigungen. Der eine golft halt gern, der andere schaut Fußball oder sitzt mit Kollegen an der Hotelbar.
    Übrigens dass Blogs mit den etablierten Medien konkurrieren wollen, gehört zu den Mythen der Medien. Im Blick Log habe ich einmal vor einigen Tagen das Selbstverständnis des Blick Logs zu formulieren:
    http://www.blicklog.com/2010/09/05/was-ein-blog-auch-soll-integrativen-pluralismus-frdern/
    Schönen Abend
    dels

    dels

    September 8, 2010 at 6:38 pm

  3. @blicklog – Das ist der Punkt, die Wirtschafts- und Finanzblogger haben das nie behauptet, die Medien zu ersetzen, kenne jedenfalls keinen, der sich für so exklusiv hält. Die Medien könnten aber alternative Sichtweisen besser integrieren, wollen aber typisch deutsch nicht ohne Not innovativ sein. So verdienen eben Blogger und Journalisten kein Geld im Netz, oder?

    Lothar Lochmaier

    September 9, 2010 at 7:05 am


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