Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Noa Bank: Das Großreinemachen gegen hohe Gebühr hält an – Ökobanken grenzen sich scharf ab

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Wenn ein Sturm plötzlich das Dach eines Hauses abdeckt, wird man beim Aufräumen nicht alle Ziegel in unversehrter Form wieder finden, um das Anwesen wieder wie vorher herzurichten. Wem das zu rätselhaft klingt, nochmal in einfachen Worten: Ich habe inzwischen im weiteren Umfeld der Noa Bank weiter recherchiert und Hintergrundgespräche geführt.

Leider kann ich namentlich derzeit niemanden nennen, denn es handelt sich um ein schwebendes Verfahren, bei dem sich gelegentlich die Rollen zwischen Beklagten und Kläger auf diffuse Art und Weise vermischen, was für Außenstehende die Informationssichtung und -bewertung erheblich erschwert. 

Stelle mich trotzdem wagemutig dieser Aufgabe: Im Moment lässt sich folgendes sagen: So wie es aussieht, war ein Mix aus Managementfehlern und zu früh gezogenen Bafin-Bremsen der Auslöser für den Totalabsturz der Noa Bank. Offensichtlich standen zudem – das ist die tragische Note – durchaus seriöse Investoren bereit, um die Eigenkapitalbasis des Unternehmens zu erhöhen, die aber die Finanzaufsicht Bafin nach einigen Managementverwirrungen und -irrungen (aus teils verständlichen) Gründen nicht mehr bereit war zu akzeptieren.

Gegen den Vorwurf, es habe sich bei Noa Bank und Noa Factoring um „dubiose“ bzw. gar „kriminelle“ Motive der Geldverschleierung bzw. Geldentnahme gehandelt, spricht die – allerdings amtlicherseits noch unbestätigte – Tatsache, dass einer der Gründer, Francois Jozic, bis zuletzt versucht habe, die Bank zu retten. Zur Not auch mit eigenem privatem Kapital. 

Jozic selbst steht derzeit für eine offizielle Stellungnahme nicht zur Verfügung. Ein anderer Insider, der nicht namentlich zitiert werden möchte, trifft jedoch die überraschende Aussage: „Wenn es die negativen Presseberichte auf Basis unzureichender Fakten im April nicht gegeben hätte, könnte die Noa Bank heute noch existieren“.

So aber seien Investoren verschreckt und verunsichert worden. Dies wäre eine unter mehreren denkbaren Sichtweisen. Am Ende bleibt auch aus Sicht der Anleger und Firmenkunden (Noa Factoring) nur ein immenser Flurschaden zu beklagen. Denn die Ermittlungen und die Abwicklung der insolventen Bank einschließlich Factoring-Tochter verschlingen eine größere Millionensumme (was nicht heißen soll, dass dies nicht notwendig sei).

Dabei handelt es sich um Gelder aus der „Verhandlungsmasse“ der beiden Insolvenzverfahren, das nun andere Begünstigte möglicherweise vorrangig erhalten, die den Prozess gegen Gebühr „moderieren“,  die jetzt Unternehmensteile (zu sehr günstigen Konditionen) aufkaufen, oder jene, die als Wirtschaftsprüfer und Insolvenzverwalter nun umfangreiche Prüfverfahren gestartet haben oder starten mussten.

Fest steht im Moment somit nur eines: Der Abwicklungsprozess schmälert am Ende die „Restrendite“ der betroffenen Anleger, gerade auch von jenen, die einen Betrag über der gesetzlichen Einlagensicherung von 50.000 Euro angelegt haben. Dabei handelt es sich jedoch um eine begrenzte Anzahl von rund 100 Personen.

Auch die Gründer der Noa Bank haben sicherlich einige gravierende Managementfehler gemacht, ebenso wie es an Branchenexpertise bei der einen oder anderen Stelle im Firmengeflecht gefehlt haben dürfte, um ein nachhaltiges Geschäftsmodell zwischen „Ethikverankerung“ und den besten „Schnäppchenzinsen“ auf längere Sicht zu etablieren.

Geldströme lokal wie global sinnvoll zu organisieren, und dabei Gewinnstreben und moralische Postulate kongruent zu halten, das war in diesem Fall ein zu hoch gesteckter Anspruch. Jetzt wehren sich vor allem die führenden Ökobanken dagegen, mit der Noa Bank in einen Topf geworfen zu werden, was sich am Beispiel von zwei Artikeln im Handelsblatt bzw. Financial Times Deutschland illustrieren lässt.

Siehe dazu auch mit Blickrichtung des Institutes for Social Banking  in Bochum den längeren Gastbeitrag „Warum die Arche Noa gekentert ist“ von Katharina Beck auf karmakonsum, die sich dem schwierigen Versuch stellt – und deshalb ausdrücklich um weitere auch kontoverse Kommentare bittet – das Scheitern der Noa Bank aus Sicht der am Markt bereits seit Jahrzehnten präsenten Ökobanken = Social Banks der ersten Generation aufzuarbeiten.

Es gibt jedoch viele Seiten einer denkbaren Medaille. Auch Newcomer haben ihre Berechtigung, sofern sie ihr Geschäftsmodell solide und behutsam vorwärts treiben. Gelingt dies nicht, so werden etablierte Spieler immer darauf verweisen, einen Erfahrungsvorsprung zu besitzen.

So verweise ich beispielsweise noch einmal auf meinen Weblogeintrag vom 27. November 2009 „Friendly Fire“: Öko- und Genossenschaftsbanken beäugen (zu) autonome Anleger misstrauisch“. Dort kann man die ganze kontroverse Bandbreite dieser Diskussion um eine weltanschauliche, ethisch-moralische und gleichzeitig aufgeschlossen-moderne (bis hin mit neuen Marketingversätzen versehene) Fundamentierung des Bankgeschäftes a la Social Banking (1.0 und 2.0) im Ansatz erahnen.

Es wird aber keiner für sich ein moralisch verbrieftes Recht auf den Begriff „Social Banking“ beanspruchen können, weder die erste Generation der „Social Banks“, also die Öko- oder Genosschenschaftsbanken, noch die neue Generation der Internetbanken 2.0, die dieses Etikett sprachlich neu besetzt haben, um daraus den hippen Trend „Social Banking“ (= Social Media, Online-Banking plus Web 2.0) zu generieren.  Wer von uns ohne Tadel ist, der werfe den ersten Sargnagel.

Wer meine letzten Einträge zur Noa Bank genauer gelesen hat (und vielleicht auch das Buch dazu), dem fiel das unterschiedliche Kundensegment in der Zielgruppenansprache auf. Sprich, Ökobanken und eine Noa Bank haben nicht in den gleichen Revieren gefischt, das wird gelegentlich übersehen. Darüber sollte man jetzt umso mehr nachdenken. 

Wir bilanzieren: Ein Newcomer ist auch ohne eine Verschwörungstheorie an sich und der Umwelt gescheitert. Im Moment fehlen einerseits die in einigen Medienberichten immer wieder angedeuteten ganz konkreten Belege für ein „dubioses“ bzw. „kriminelles“ Vorgehen zur Noa Bank, aber die Prüfverfahren laufen noch.

Insider erkennen auch an: Das Modell war prinzipiell durchaus erfolgversprechend, die Umsetzung mangelhaft bis schwierig, wobei es neben internen Fehlern auch externe Widerstände gab.

Das kurze Leben der Noa Bank war ganz so, wie es das Internetzeitalter mit seinen zahlreichen Unwägbarkeiten und Schwankungsanfälligkeiten in der „liquiden und flüchtigen Moderne“ kennzeichnet. Der letzte Vorhang ist noch nicht gefallen. Zu Häme und Spott, gegen wen auch immer, besteht indes kein Grund. Denn wir sind alle ein Bestandteil von „Social Banks“, ob wir es wollen oder nicht.

 

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Written by lochmaier

September 3, 2010 um 6:18 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

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