Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Stuttgart21: Wenn Bürgerbeteiligung 2.0 den Geldstaat neu erfindet

with 3 comments

Die Debatte um „Stuttgart 21“, den neuen, ein „paar“ Milliarden Euro teuren Stuttgarter Hauptbahnhof, sie tobt auch im Internet, berichtet die Tageszeitung Welt.

Dies ist auch Ausdruck von wachsendem Frust, bei dem sich ein gewisser Teil der Bürger die Frage stellt, ob der Staat vernünftig mit dem Geld seiner Gefolgschaft umgeht, und in welche sinnvollen oder unsinnigen Projekte er dies investiert.

Es gibt eine eigene Live-Webcam, es wird getwittert, die Protestler verabreden sich über SMS, Twitter, Facebook und andere mobile Kanäle. Einige Politiker befürchten sogar, dass die Kritiker im Netz massiv in der Überzahl seine. Oh je, eine an sich politisch unverdächtige Generation probt neue Spielregeln der Bürgerbeteiligung, und ein ganzes Land versteht nur noch Bahnhof. 

Es sind ja alles andere als Dummköpfe, die sich da auf den Straßen gegen das Projekt versammeln, und die jetzt immer mehr eigene Communities gründen, wie auf Facebook „Kein Stuttgart21„. Da kommt die geballte Informationskraft der Twitter-Seite „Stuttgart21„, in der einige außerfahrplanmäßige Verspätungen gemeldet werden, nur wie ein laues Lüftchen daher. Abfahrt verpasst, möchte man da den planerischen S21-Schaffnern zurufen.

Unter den Protestlern ist auch der Schauspieler Walter Sittler, den der Berliner Tagesspiegel hier etwas ausführlicher portraitiert.  Die Süddeutsche Zeitung zitiert ihn mit den Worten „Weitermachen ist Sturheit“ – und der Stern titelt in einem Interview mit dem Schauspieler „Kalte Wut nach innen“

Wie wärs mit einem Blick nach Großbritannien, wo die Bürgerbeteiligung teilweise ein bisschen weiter fortgeschritten ist, als in Deutschland, wo es manchen reicht, eine zentrale Verwaltungsnummer 115 einzuführen. Kein Anschluss unter dieser Nummer, nicht nur für die Generation Y, das steht heute schon fest.

Dabei könnte man doch auch auf das intelligente Internet zurück greifen. Im englischen Königreich gibt es dazu erste Ansätze. Darüber gibt der Erfinder des world wide webs, Tim Berners-Lee, in einem Interview mit den VDI nachrichten Auskunft – ein kurzer Auszug, der die Potenziale der virtuellen Bürgerbeteiligung 2.0 gerade mit Blick auf die öffentliche Verwaltung und das Ausgabenmanagement aufzeigt:

VDI nachrichten: Wie lässt sich das auf die Managebarkeit von Wirtschaft, Ökologie oder Politik übertragen. Lässt sich mit dem semantischen Web das Vakuum füllen, das entsteht, wenn den Verantwortlichen Kompetenzen und Fakten fehlen?

Schon die existierenden Werkzeuge für das semantische Web sind nützlich genug, um in Nachhaltigkeit einzusteigen. Beispielsweise im Bereich Politik: Vor etwa einem Jahr hat mich der damalige Premierminister Gordon Brown gefragt, was Großbritannien im Web tun soll und ich habe ihm vor allem eins geraten: Stellen Sie Ihre Daten ins Netz. Er hat zugestimmt und seitdem können Bürger nicht nur die Seiten der Regierung im Netz besuchen, sondern haben auch Zugriff beispielsweise auf Haushaltsdaten. Heute kann jeder Interessierte in Großbritannien sehen, wie ein Ministerialbeamter seine Projekte finanziert und in welchen Gremien er sitzt. Nach den jüngsten Wahlen hat die neue Regierung diesen Kurs fortgeführt und sie stellte die sogenannten Coins-Daten ins Netz, eine Datenbank der Ausgaben des Finanzministeriums. Nun sind solche Daten für fiskalische Laien nur schwer zu verstehen. Genau hier kommt das semantische Web ins Spiel. Die Londoner Tageszeitung „The Guardian“ nahm die Daten, verknüpfte sie mit einer Auswertungs- und Darstellungssoftware und stellte das Ganze als einfachen Service auf ihre Webseite. So entstehen neue nützliche Anwendungen, weil die Daten vom Werkzeug getrennt sind. Die Regierung musste den Bürgerservice nicht selbst bauen, sondern es kam ein Dritter, hier „The Guardian“, sah in dem Service eine gute Ergänzung seines Geschäftsmodells, und veredelte die Daten. Und natürlich sind diese Werkzeuge universal anwendbar. Sie warten nur darauf, mit weiteren Daten gefüttert zu werden.

VDI nachrichten: Wie können diese Werkzeuge Politiker, Unternehmer oder Bürger dabei unterstützen, effektiver zu arbeiten?

In zwei Bereichen. Und wenn wir in zehn Jahren zurückblicken, wird es interessant sein zu sehen, welche die dominantere war. Zum einen wird immer mehr Transparenz gefordert. Beide britische Regierungen haben sich für die Datenfreigabe eingesetzt, weil sie rechenschaftspflichtig für die Bevölkerung sein wollen. Sie wollen, dass das Volk sieht, was die Regierung tut, wie sie das Geld einsetzt. Die Regierung sagt: „Beschwert Euch nicht gleich, sondern verfolgt erst einmal, was wir tun.“ Das macht Regieren effizienter, da sich die Leute mit den entsprechenden Themen selbst auseinandersetzen.

Im zweiten Sektor geht es um Empfehlung und Erfahrung. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einer Abteilung der Regierung und Sie versuchen, eine Entscheidung zu treffen. Momentan haben Sie nur Zugriff auf die Daten Ihrer eigenen Abteilung. Wie gut wäre es, in dieser Situation zu wissen, wie die Franzosen oder Schweden in einer ähnlichen Lage entschieden haben! Heute muss ein Beamter diese Daten umständlich und langwierig anfordern. Und das heißt meistens, dass Sie Ihre Hypothese nicht testen, Ihre Aktionen nicht simulieren und Sie sich nicht über ähnliche Erfahrungen informieren. Wenn die Informationen aber öffentlich zugänglich wären, können Sie die Erfahrungen Ihrer Nachbarn integrieren.

Quelle: VDI nachrichten

Nun wollen wir diese britischen Ansätze natürlich nicht gleich unisono in den Himmel loben. Aber es zeigt: Wenn der Staat seine Bürger nicht produktiv in den Geldkreislauf einbindet, dann werden sich im Netz nicht nur alternative Protestformen anbahnen, sondern auch neue Lebensentwürfe manifestieren, die sich schließlich immer mehr Raum verschaffen.

Das aber wäre nun im Gegensatz zum oftmals wenig kreativen Mitteleinsatz in der öffentlichen Verwaltung eine ausgesprochen gute Nachricht. Welche Ansätze es bezogen auf das Geld mit Blick auf den Staat im Sinne der Bürgerbeteiligung 2.0 sonst noch gibt, das beleuchte ich übrigens auch in meinem Buch „Die Bank sind wir„.  Auch zwischen den Zeilen zu lesen, empfiehlt sich.     

Advertisements

Written by lochmaier

August 29, 2010 um 8:38 am

Veröffentlicht in Uncategorized

3 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] dem gestrigen Bericht auf Social Banking 2.0 über das Vorhaben „Stuttgart21“ wird die Internetcommunity nun erneut Zeitzeuge in Livebildern zu einer fragwürdigen […]

  2. […] Stuttgart 21: Wenn Bürger Beteiligung den Geldstaat neu erfindet […]

  3. […] Es stellt sich natürlich die Frage, ob das Ganze mehr als eine hippe Modeerscheinung darstellt, von finanziell nicht ganz so ressourcenschwachen Young Urban Professonials mit dem leicht trendig angehauchten Y-Gen? Das greift wohl etwas zu kurz, denn viele normale und sogar gut situierte Bürger wollen wissen, was der Staat mit dem Geld anfängt, siehe meinen Eintrag zu Stuttgart21: Wenn Bürgerbeteiligung den Geldstaat neu erfindet […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: