Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Noa Bank: Das große Aufräumen hat begonnen…

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Es sollte der große mediale öffentliche Auftritt des Firmengründers Francois Jozic werden. Er schien kaum ein Jahr nach seinem fulminanten Start seine Ziele erreicht zu haben, mit einer Medienkampagne, die den Nerv traf, in der Zeit der „Post-Finanzkrisen-Ära“. 

Es ist die Ära der durch andersartige Werbekampagnen „redesignten“ unter dem Label „back to the roots“ neu und doch gleichwohl wieder bodenständig verorteten Bankenmarken, die auch die auf Honorarberatung spezialisierte Quirin Bank in der kommenden Woche mit einer großen medialen Begleitorchestrierung zur besten Tageschau-Zeit starten wird, wie es hier auf diesem Weblog nachgelesen werden kann.  Doch wer nach den Sternen greift, kann auch scheitern. Das gilt zwar nicht für die Quirin Bank, traf jedoch auf die Noa Bank zu.

Mehr Transparenz, Mitbestimmung und bitte keine Spekulation, diese vom charismatisch-unkonventionell angehauchten „Banker zum Anfassen“ Francois Jozic lancierten Botschaften verfingen zunächst neben den attraktiven Zinsen für Tages- und Festgeldanlagen. Und der Newcomer schien plötzlich auch in der Top-Welt der Banken von den Mitspielern in den gläsernen Banktürmen als kreativer Außenseiter akzeptiert zu werden.

Die Rede ist von der Handelsblatt-Jahrestagung Banken im Umbruch, die Anfang September in Frankfurt stattfinden wird.

Spulen wir das Band aber etwas weiter zurück: Wer die Medienresonanz zur Noa Bank in der Vergangenheit genau unter die Lupe nahm, dem fiel auf, dass die Verlage durchaus variable und teils unterschiedliche Positionen zum Newcomer einnahmen. Das Handelsblatt und einige damit verbundene Publikationen etwa, sie legten die Zwischentöne bei der Noa Bank auf einen „kreativen Zerstörer“, der den etablierten Instituten mit frischen Ideen einheizte.

Die Auffassungen in der Öffentlichkeit gingen indes weit auseinander. Auch und gerade in den Medien zeigte sich im Frühjahr zusehends ein bipolares Stimmungsbild, das sich – etwas grob gestrickt – in glühende Anhänger und eifrige Gegner der Noa Bank auffächerte.  Nun findet die Handelsblatt-Konferenz ohne Francois Jozic statt.

Sein Platz in der Podiumsdiskussion am 09. September mit führenden Bankvertretern aus der Chefetage, wie Uwe Fröhlich (BVR), Stefan Jütte (Postbank), Ben Tellings (Ing-Diba) und Alexander Wüst (KSK Köln), bleibt verwaist.

Dabei wäre es gerade jetzt so spannend mit Francois Jozic über die folgenden Themen  zu diskutieren: Banken im Umbruch – sind wir aus dem Gröbsten raus? – Märkte im Umbruch – Landesbanken im Umbruch – Privatkundengeschäft im Umbruch – Unternehmens-Finanzierung im Umbruch.

Für die 15.000 Anleger und die Unternehmenskunden der Noa Bank bleibt indes nur ein schaler Beigeschmack. Social Banking 2.0 berichtete ausführlich über den Aufstieg und Fall eines Hoffnungsträgers.

Das Internet hat indes ein langes Gedächtnis. Im Google-Cache lässt sich die Teilnahme von Francois Jozic an der Handelsblatt-Konferenz „Banken im Umbruch“ noch nachvollziehen. Es bleibt im Nachhinein betrachtet ein ungewollter Begleitakkord zum Scheitern in eigener Mission. Wohl gemerkt, es geht hier nicht darum, den Veranstalter oder das Handelsblatt dafür zu kritisieren, dass sie den Gründer der Noa Bank mit auf das exklusive Teilnehmerpodium gesetzt haben.

Relevant ist etwas anderes, nämlich der Umstand, dass Jozic sich es zutraute, sich auf Augenhöhe mit der etablierten Bankenszene zu messen. Es bleibt nun jedem Leser überlassen, dies zu deuten. Fakt ist, es wird nichts aus dem spannenden Kräftemessen vor der großen öffentlichen Kulisse. Francois Jozic und die Bafin haben den Stecker gezogen.

Der meines Wissens einzige längere öffentlich dokumentierte Auftritt bleibt somit jener von der Cebit im März dieses Jahres, eine Podiumsdiskussion, an der auch ich selbst teilgenommen habe. Der Business-Talk am Rande der großen Computermesse, bei der das Leitthema Bits und Bits allmählich durch (auch geschäftliche) soziale Netzwerke abgelöst wird, drehte sich um den Finanzsektor und das vielen gelegentlich rätselhafte Web 2.0.

Vertreten waren Kimmo Best, Pressesprecher / Leiter Externe Kommunikation, SEB AG; Boris Janek, Manager Online Marketing + Strategie, VR NetWorld GmbH; Francois Jozic, Gründer & Vorsitzender des Beirates, noa bank GmbH & Co KG; Matthias Kroener, Vorstand, FIDOR BANK AG und Lothar Lochmaier, Autor und Journalist, der Autor dieses Weblogs Social Banking 2.0.

Die damalige spannende und teils kontroverse Diskussion ist vom Veranstalter in voller Länge dokumentiert, man kann sich das Video (herunter scrollen weiter unten bis zur Veranstaltung „Finance 2.0“, dann öffnet sich das Bild- und Tondokument) hier ansehen: 

http://webciety.de/?page_id=2703

Ein Satz von Francois Jozic aus der aufschlussreichen Podiumsdiskussion blieb sinngemäß bei mir so haften: „Es ist nicht mein Geld, das ich bei der Noa Bank verwalte“. Wir werden im Zuge der laufenden Ermittlungen und Recherchen sehen, ob sich dieser hohe moralische Einspruch nach Beginn der großen Aufräumarbeiten noch ansatzweise einlösen und halten lässt.

Andererseits wird auch ersichtlich, dass zahlreiche Verlagshäuser, die jetzt die Noa Bank medial hart unter Beschuss nehmen, zuvor mit dafür verantwortlich waren, den Hype erst in die breite Masse zu befördern. Oder anders ausgedrückt: Der Medienbetrieb unterscheidet sich vom Optionsgeschäft an der Börse oftmals nur unwesentlich. 

Man konnte sich nie sicher sein, aufgrund der Vorgeschichte der Noa Bank, die Social Banking 2.0 bereits im Januar den Lesern kritisch zur Diskussion stellte, wie die Sache ausgehen würde. Ebensowenig schien, gegen den medialen Einheitsbrei gebürstet, als die Stimmung sich drehte, eine „Vorabverteilung“ des Newcomers auf Basis nicht wirklich gesicherter Fakten angebracht.

So bekam die mediale Geschichte rund um die Noas erst recht ihren Drive, als sich Fakten und Spekulationen auf diffuse Art und Weise vermischten. Es ist wie beim Optionsgeschäft: Zuerst werden die Kurse künstlich hoch gepusht, und dann machen die Akteure zweimal Kasse, zunächst mit einem medialen „Call“ – und hernach mit einem „Put„. Insofern gibt es immer mehrere Versionen um die aktuellen Geschehnisse, bei denen der Leser wahlweise „long“ oder „short“ gehen kann.

Unterdessen beginnt neben den Aufräumarbeiten auch die Geschäftemacherei, pardon, ein geschäftstüchtiges Verhalten setzt ein. Denn schließlich ist das Leid der einen das Glück der anderen. Im Klartext: Einige Rechtsanwaltskanzleien  bieten mit eigenen Homepages bereits rechtliche Hilfestellungen für geschädigte Kunden und Unternehmen (Factoring-Unternehmen und Kreditnehmer) an.

Dafür verlangen die Kanzleien teils nicht unerhebliche Gebühren, um in den Pool der Interessenten aufgenommen zu werden. Ohne Erfolgsgarantie versteht sich. Auf der Internet-Plattform aspect-online.de findet sich dazu mit Blick auf die betroffenen Privatanleger ein ganz aufschlussreicher Kommentar: Ben Fischer, BaFin-Pressesprecher ergänzt zu dem Ablauf der Entschädigung: “Dazu braucht man in der Regel keinen Rechtsanwalt.”

Für betroffene Privatanleger sieht es so aus, dass die Einlagen im Rahmen der gesetzlichen Sicherung bis 50.000 Euro geschützt sein dürften. Einige wenige Anleger dürften auch mehr angelegt haben. Allerdings ist der gesetzliche Schutz nicht unumstritten. Der Focus titelt heute: Wie Angela Merkel Sparer hinters Licht führt.

 Wie dem auch sei – mehr aktuelle Infos dazu gibt es auf dem kostenlosen Forum „Noa Bank Foren City„. [Dort kann man übrigens auf einer Unterseite ein Werbebanner der Commerzbank zur „Kundencharta“ anklicken, über die ich erst gestern auf diesem Weblog berichtet habe] Zu den Folgen für die Betroffenen klärt auch das Finanzportal biallo.de auf:

Anleger müssen dann binnen eines Jahres nach Unterrichtung über den Entschädigungsfall ihren Anspruch schriftlich anmelden. Nach Ablauf dieser Frist ist der Anspruch verfallen. Sobald ein Anleger seinen Anspruch anmeldet, muss die Entschädigungseinrichtung ihn unverzüglich prüfen. Ordnungsgemäße Ansprüche auf Einlagenrückgewähr sind laut Gesetz spätestens 20 Arbeitstage nach der Feststellung des Entschädigungsfalls zu erfüllen.

Quelle: biallo.de

Die Aussichten für die betroffenen Firmen sind natürlich wesentlich komplexer zu beurteilen, und hier ist anwaltliche Unterstützung vielleicht sogar ein Muss. Zum Abschluss deshalb der Versuch, jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei zur Noa Bank (und jenseits von Parteinahme) etwas erhellendes zur Frage beitragen, was das Besondere an deren  – natürlich nicht ausschließlich Web 2.0-basiertem – Ansatz  ist oder war.

Auf meinem Weblog gibt es dazu folgenden Kommentar zum Scheitern der Noa Bank:

„Schade eigentlich, denn das Konzept der transparenten Geldvergabe hatte schon etwas für sich. Nach ethischen oder ökologischen Gesichtspunkten agierende Banken gibt es ja noch einige in Deutschland aber nur die noa bank gab ihren Anlegern die Möglichkeit, zu entscheiden, in welche Themen ihr Geld investiert werden soll. Mal schauen, wann eine neue oder andere Bank diese Idee wieder aufgreift.“

Quelle: www.tagesgeld.info

Wohl gemerkt, es geht in diesem Zusammenhang nicht darum, die Seriösität des Firmenkonstrukts Noa Bank/Factoring zu thematisieren oder diese gar zu verteidigen, da gab es (mindestens) gravierende Managementfehler, die noch ein großes Nachspiel haben werden – sondern es gilt, einige grundsätzliche Besonderheiten jenseits der (zu) hohen Zinsen für die Anleger heraus zu streichen, von denen sich offenbar einige Kunden angezogen fühlten.

Wer die Unterschiede in der Anlage der Business-Strategie (jenseits der fatalen Integration von Noa Factoring in das neue Firmenkonstrukt) zwischen unterschiedlichen neuen Spielern – unter anderem einer Noa Bank – genauer untersuchen möchte, der sollte sich das Buch „Die Bank sind wir“ anschauen. Ich weiß, das klingt nach Eigenlob, aber es steckt einige Arbeit darin, damit auch professionelle Akteure sich mit neuen Ansätzen in der Zielgruppensegmentierung auseinandersetzen. Die wichtigsten Details habe ich bereits in einem früheren Eintrag zusammen gefasst.

Und hier liegt sicherlich ein positiver Nachhall zum Ende der Noa Bank, denn einige Elemente werden möglicherweise in die Zukunft der „Banken im Umbruch“ einfließen, wie sie die eingangs erwähnte Handelsblatt-Jahrestagung aufzeigen soll.

Denn die Revolution und das disruptive Geschäftsmodell ist der Kunde selbst. Das aber wird eine Sisyphos-Arbeit sein, den Stein der kollektiven Anlegerintelligenz den Berg hinauf zu rollen – und diese neue Philosophie zwischen Bank und Kunde auf Augehöhe, das heißt auf seriöse Art und Weise in der Branche zu verankern.

Dazu schreibt der Privatanleger:

Die Wahlmöglichkeit ist in der Tat etwas, dem man als Bankkunde nachweinen darf. Der Beweis, dass sie auch Teil des Geschäftsmodells einer profitabel wirtschaftenden Bank sein kann, steht aber noch aus. Ich habe meine Zweifel, weil es dadurch halt deutlich schwerer wird, dass Geldangebot und Kreditnachfrage zusammenkommen. Aber vielleicht gibt es ja eine Lösung für dieses Problem.  

Quelle: der-privatanleger.de

Nachtrag (25.08., 15.52 h): Soeben teilt die zuständige Behörde Bafin folgendes mit:

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat am Mittwoch, dem 25. August 2010, den Entschädigungsfall für die noa bank GmbH & Co. KG festgestellt, da das Institut nicht mehr in der Lage war, sämtliche Einlagen seiner Kunden zurückzuzahlen.

Mehr Infos dazu aus Anlegersicht gibt es auf den Internetseiten der Bafin

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Written by lochmaier

August 25, 2010 um 7:38 am

Veröffentlicht in Uncategorized

5 Antworten

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  1. Wie ich schon vor 1 Woche vermutet habe hat sich nun die Kanzlerin (bzw. das Bundesfinanzministerium zu ihrer „Sicherheit“ gegenüber dem Sparer gemeldet – und zwar können Anleger nicht auf den Merkel Rettungsschirm hoffen.

    Denn dieser galt nur für die Finanzkrise – und mit der hat die NOA Bank mitnichten nicht einmal im aller weitesten Sinne etwas zu tun.

    Die offizielle Meldung muss ich noch mal raussuchen…

    Tagesgeld News

    August 25, 2010 at 9:24 am

  2. […] Social Banking 2.0: Noa Bank: Das große Aufräumen hat begonnen… […]

  3. […] die Verbraucher. Mehr Details zu den jüngsten Entwicklungen gibt dieser längere Beitrag „Das große Aufräumen hat begonnen“ auf Social Banking […]

  4. Danke für den Beitrag, der viele wichtige Aspekte der Diskussion (und des Hypes) um die Noa Bank noch einmal gut zusammenfasst. Und jetzt ist sogar schon der Entschädigungsfall da – war tatsächlich ein Bankenleben im Zeitraffer…

    Holger

    August 25, 2010 at 4:41 pm

  5. Dr. Horst Siegfried Werner hat über die Rechte und Ansprüche geschädigter Kapitalanleger zusammen mit Dr. Machunsky ein heute noch sehr aktuelles und hilfreiches Buch über die Anleger-Ansprüche geschrieben.

    Alfred Bastian

    Januar 31, 2011 at 6:55 am


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