Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Noa Bank: Interpretationen und Schlussfolgerungen zum Scheitern

with 2 comments

Das Rätselraten um die Gründe und Ursachen zum spektakulären Ende der Noa Bank in den Medien hält an (siehe die letzten Berichte auf diesem Weblog Social Banking 2.0). Auch Nachrichtensender n-tv versucht sich in der Ursachenforschung – Ausführliches dazu lässt sich im Interview mit den Finanzexperten Martin Faust bzw. Silke Riedel nachlesen.

Interessant in der Analyse dieser Kommentare ist zum einen, dass die Experten das Ende der Noa Bank kaum als Ende von „Social Banking“ ansehen. Im Gegenteil, schaut man sich die jüngsten Presseberichte an, so wird sogar deutlich, dass insbesondere die Öko- und Ethikbanken weiterhin kräftig an Marktanteilen zulegen, So spricht etwa die Berliner Zeitung gar vom „Boom der grünen Banken„.

Es sollte jedoch bei der Analyse nicht außer Acht gelassen werden, dass die Noa Bank gar keine Bank war, die unmittelbar diesem Marktsegment zugerechnet werden kann oder konnte. Sie warb vor allem mit ihren Marketingslogans Transparenz, Spekulationsfreiheit und Krediten an die „Realwirtschaft“. 

Das Etikett „ethische Bank“ haben insbesondere die Medien der Noa Bank umgehängt, und der Newcomer wehrte sich gegen dieses positive Marketingetikett natürlich nicht, da es und natürlich auch die Medien davon profitierten, weil „green banking“ gerade nach der Finanzkrise ein attraktives Kriterium darstellt, was die Neugier der Leser und Geldanleger weckt. 

Dass die Medien jetzt aber in der Nachbetrachtung zur Noa Bank undifferenziert alle Kunden und Marktsegmente in einen Topf werfen, dieser Umstand wird ersichtlich, wer sich die Zielgruppenanalyse meiner Publikation „Die Bank sind wir“ genauer anschaut (zur Noa Bank siehe Seite 93ff). 

Sorry für die Eigenwerbung, aber da steckt auch viel Arbeit drin. Denn ich spreche ja nicht umsonst von klassischen Ansätzen beim Social Banking – und von neuen, sehr unterschiedlich ausgerichteten internetbasierten Konzepten der Ausrichtung „2.0“, die ein deutlich anderes Klientel ansprechen – und die sich in ganz unterschiedliche evolutionäre Ansätze auffächern.

Kurzum: Es lohnt sich, die von mir in der Publikation präsentierten sozio-ökonomischen und sozio-demographischen Daten (auch zur Noa Bank) noch einmal genauer anzuschauen… 

Das Klientel der Noa Bank bestand zum einen tatsächlich aus „Zinsjägern“, also Menschen, die einfach auf den besten Zinssatz beim Tages- oder Festgeld achten, und hier immer wieder von Anbieter zu Anbieter springen. Dieser Gruppe allerdings, wie Experte Martin Faust dies tut, zu unterstellen, dass sie jetzt selbst schuld sei, wenn sie ihr Geld bei der Noa Bank angelegt hätten, das klingt etwas herablassend und zynisch.

Letztlich handelt es sich bei den Anlegern der Noa Bank nämlich um ein gesamt gesellschaftliches Phänomen, denn es sucht zu viel Kapital nach möglichst Rendite trächtigen Anlageformen, und diese wachsenden Ansprüche können nur auf dem Rücken von „Schuldnern“ (auch aus ärmeren Ländern) befriedigt werden.

Insofern ist „Geld“, wie ich es in meinem Weblog immer wieder beschrieben habe, per se eine „asoziale“ Ressource, die ein Machtgefälle zwischen Geber und Nehmer erzeugt oder sogar vertieft. Aber mit diesem nüchternen Befund müssen wir uns jenseits von einer vorschnell proklamierten „höheren Moral“ allesamt auseinandersetzen.    

Wenn private Anleger nach dem besten Anbieter Ausschau halten, so sollte man ihnen also nicht gleich pauschal das (niedere) Motiv „Geldgier“ unterstellen. Das ist in diesem Marktsegment nun wirklich kaum der Fall, wenn es um Renditen geht, die knapp über der Inflationsrate liegen. Hier sollten die Experten etwas mehr Augenmaß walten lassen.

Zurück zur Interpretation: Einige Auszüge aus meinem Buchprojekt zeigen die Besonderheiten des Geschäftsmodells der Noa Bank auf, das meines Erachtens ein durchaus Erfolgversprechendes darstellt(e), wenn es seriös und konsequent realisiert wird oder worden wäre – ich bin mir sicher, es wird weitere Nachahmer finden, und auch konventionelle Banken werden davon lernen.  

Hier also einige exklusive Auszüge mit Stand vom Februar 2010 zur Zielgruppenanalyse der Noa Bank –  das ich auch deshalb publiziere, um mit fundierterem Material zur Aufhellung der aktuellen Geschehnisse beizutragen:

Weitere sozioökonomische und soziodemografische Merkmale deuten darauf hin, dass die Verteilung der Kundengruppen bei Noa Bank sich sowohl altersmäßig als auch vom sozialen Status aus betrachtet durch alle gesellschaftlichen Gruppen und Schichten hindurchzieht.

Die größte Kundengruppe stellen Angestellte dar (31 Prozent), gefolgt von Selbstständigen, Freiberuflern, Beamten und Arbeitern, wobei 38 Prozent der Kunden keine Angaben zu ihrem Beruf machten. Geografisch gesehen stammt die größte Kundengruppe aus Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern, Hessen und Baden-Württemberg. Die östlichen Bundesländer weisen demgegenüber einen niedrigeren Anteil aus.

Die Anleger und Kreditnehmer der Noa Bank lassen sich durch unterschiedliche Interessenkoalitionen kennzeichnen. Einerseits spielen günstige Konditionen für Tagesgelder und Festzinsanlagen eine Rolle, wobei das Institut davon profitiert, sich unter die besten Anbieter einzureihen. Daneben gibt es eine Gruppe von vor allem jüngeren Kunden – überwiegend Studenten –, die das kostenlose Girokonto nutzen.

Von großer Bedeutung bei der Wahl dieser Alternative ist jedoch auch der Umstand, dass die Noa Bank solche Kunden anzieht, die keinerlei spekulative Elemente mit ihrem Geld beabsichtigen, indem sie einerseits ihre Anlage zu marktüblichen Spitzenkonditionen in Tages- oder Festgeldern tätigen. Andererseits spielt ein „gutes Bauchgefühl“ bei der Investition eine Rolle, und zwar in der Form, dass die Anlage als Kredit direkt in kleine und mittelständische Unternehmen fließt.

Dies soll einen produktiven Kapitalkreislauf erzeugen, der eine undogmatische Sichtweise des nachhaltigen Wirtschaftens darstellt. Hierfür stehen den Anlegern die vier Themenbereiche Planet, Nähe, Leben und Kultur zur Verfügung.

Das ergänzende Produkt „Citizen Genussschein“ soll für den Anleger eine jährliche Rendite von 5,5 Prozent erbringen, birgt allerdings als eine Form der direkten Unternehmensbeteiligung an der Noa Bank das Risiko eines Totalverlusts der Einlage mit sich. Die direkte Form der Anlage in einen Genusschein setzt somit einen deutlich höheren Identifikationseffekt mit den Zielen des Unternehmens voraus sowie eine genauere Prüfung des wirtschaftlichen Umfelds, in dem das Institut agiert.

Die von der Noa Bank für die Kreditvergabe vorgegebenen Bereiche Kultur und Leben scheinen dabei für die Anleger bzw. privaten Investoren nur von nachrangiger Bedeutung zu sein. Diese Schlussfolgerung lässt sich jedenfalls anhand der von den Nutzern angegebenen Präferenzen ziehen. Am wichtigsten erscheint für die Anleger, mit ihrer Einlage direkt in ihrer örtlichen Umgebung sinnvolle Projekte bzw. Unternehmen zu fördern.

Der Bereich Kultur als investiver Wirtschaftszweig fristet in Deutschland hingegen ein Nischendasein. Er wird zwar prinzipiell als nützlich angesehen, aber nicht unbedingt als gesellschaftlich notwendig betrachtet, was sich in den Präferenzen der Anleger widerzuspiegeln scheint. Ebenso scheint die Oberkategorie „Leben“ für viele Menschen eine zu abstrakte Kategorie zu sein, um sich mit eigenen Ideen und Vorschlägen gezielt einzubringen.

Die im Zielkorridor zwischen Wellness, Lifestyle und Gesundheit angesiedelten Kreditprojekte dürften gerade für die wenig dogmatische Kundenklientel der Noa-Bank-Anleger keine allzu große Anziehungskraft ausüben. Einschränkend bleibt festzuhalten, dass letztlich allein das Geldinstitut die Darlehen an die Betriebe vergibt, wodurch die Fragen offen bleiben, welche Kriterien die Noa Bank an die Kreditnehmer anlegt und aus welchen Kanälen sich die Darlehensvergabe speist.

Quelle und Copyrights: Social Banking 2.0/Die Bank sind wir

Auf Deutschlandradio Kultur findet sich übrigens noch eine interessante Rezension meines Buches, das sich durchaus lohnt anzuhören. Denn es beleuchtet ja auch die Chancen und Grenzen der „Finanzdemokratie 2.0“. Im sechsten Kapitel beleuchte ich dessen Perspektiven zwischen Mythos und Realität. Ein Zitat dazu:

Zumindest ist es Ausdruck einer „Graswurzel-Bewegung“ von unten, die aktiv Einfluss nehmen möchte auf die bislang von oben verordneten Spielregeln in der großen Finanzwelt. Das Beispiel von kreativen Bürgerfinanzierungen könnte – sofern sich Städte und Kommunen dieses Stilmittels nicht nur bedienen, um Haushaltsschulden zu verringern – durchaus Schule machen, nicht staatlich von oben als „Community Banking“ verordnet, sondern von einer politisch unverdächtigen Basis initiiert. Es zeigt, dass Social Banking sich jenseits von etablierten Bankstrukturen und staatlicher Einflussnahme auf produktive Weise weiter entfalten kann. Neues bahnt sich irgendwann seinen Lauf.

Quelle und Copyrights: Social Banking 2.0/Die Bank sind wir

Die Einlösung dieses hohen moralisch-ethischen Anspruchs sehe ich dennoch in meiner Publikation zurückhaltend bis kritisch. Es werden möglicherweise weitere Enttäuschungen, wie es auch das Scheitern der Noa Bank verdeutlicht, nachkommen.

Andererseits: Es wird trotzdem zahlreiche innovative Ansätze insbesondere mit neuen internetbasierten Formen von „Social Banking 2.0“ geben, die sich freilich noch bewähren müssen. Und das ist doch zum Ende dieses Beitrags eine positive Nachricht. Neues und vielleicht Besseres bricht sich irgendwann seinen Lauf.

Dass wir uns mit größeren Einschnitten in unserem Koordinatensystem konfrontiert sehen, das wird auch in einer weiteren Rezension vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF aktuell) deutlich, wenn die (aufgeklärten) Menschen die Geschicke der Finanzökonomie in finanziellen Fragen künftig stärker beeinflussen:

Die Finanzkrise hat nicht nur reiche Menschen erschüttert. Auch viele Menschen der Mittel- und Unterschicht haben das Vertrauen in die Banken verloren. Der Ausweg heißt „Social Banking“: Kreditplattformen im Internet bringen Kredit- und Kreditgeber direkt in Kontakt.

[,,,] Der Autor vermittelt in seinem Buch Grundlegendes zur Geschichte der Banken, der Kredite und finanzieller Netzwerke. Darüber hinaus informiert er hintergründig über das Social Banking und seine verschiedenen Erscheinungsformen, seine Entstehungsgeschichte und den Bedeutungswandel. Für Lochmaier sind Partizipation, Mitbestimmung und Transparenz die zentralen Argumente für das Social Banking im Web 2.0.

Quelle: zdf.de

Das „Cluetrain-Manifest“ aus dem Jahr 1999 stellt immerhin eine Art Verkehrsregelwerk dar, wie eine künftig von den Spielregeln des Internets geprägte Wachstumsökonomie aussehen könnte. Es beinhaltet 95 Thesen, die sich in abgewandelter Form auch auf eine reorganisierte Bankenlandschaft beziehen ließen.

 

Advertisements

Written by lochmaier

August 20, 2010 um 2:59 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

2 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] Social Banking 2.0: Noa Bank: Interpretationen und Schlussfolgerungen zum Scheitern […]

  2. […] der Zielgruppensegmentierung auseinandersetzen. Die wichtigsten Details habe ich bereits in einem früheren Eintrag zusammen […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: