Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Die Bank sind wir: Siemens gründet eigene Bank

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Wer sich von staatlicher Finanzaufsicht oder politischen Gipfelereignissen wie dem G20-Gipfel mit Blick auf die Regulierung der Finanzmärkte und Banken irgend einen kreativen Vorstoß erwartet hatte, der dürfte nun endgültig auf dem Boden der Tatsachen angekommen sein.

Wer sich andererseits mit meiner Publikation „Die Bank sind wir“ etwas eingehender beschäftigt hat, der wird feststellen, dass sich in diesem Jahrzehnt trotzdem einiges ändern wird in der Bankenwelt. Das Motto lautet demzufolge nicht mehr: „Wir (die Bank) sind die Bank“, sondern umgekehrt, die Kundenbedürfnisse stehen (wieder) im Vordergrund.

So überrascht diese Meldung kaum noch: Siemens gründet jetzt eine eigene Bank  – und nimmt die Chancen-Risiko-Balance auch stärker in die eigenen Hände, statt blindlings den nicht immer nachvollziehbaren Regeln und der Eigendynamik der Finanzmärkte zu vertrauen. Ein Zitat aus dem Hause Siemens dazu:

Die Verwerfungen der Finanzkrise haben Siemens‘ Vertrauen in den Bankensektor offenbar tief erschüttert. „Wir haben vor einiger Zeit eine Banklizenz beantragt“, sagte Finanzvorstand Joe Kaeser der „Süddeutschen Zeitung“. Er hoffe, diese in nächster Zeit von der Bankenaufsicht BaFin zu erhalten. 

Quelle: Spiegel online

Das vollständige Interview gibt es hier online bei der Süddeutschen Zeitung. Hier ein kleiner Auszug aus dem Frage-Antwort-Reigen:

SZ: Noch größere Probleme gibt es um Siemens herum, bei den Banken. Macht Ihnen das Sorgen?

Kaeser: Nein, nicht mehr, aber ich hatte in den turbulenten Wochen nach der Lehman-Pleite auch Tage und Nächte, wo ich unter anderem wegen der Werthaltigkeit unserer Sicherungsderivate die Luft anhielt. Vor drei Jahren kam ich noch nicht einmal auf die Idee, mir Sorgen zu machen, wo wir zum Beispiel unsere Liquidität anlegen, mit wem wir Währungs- oder Zinssicherungsgeschäfte machen. Nach den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre sehe ich hier realen Handlungsbedarf, unabhängig davon, wer im Rahmen der gesamten Finanzmarktturbulenzen Opfer oder Täter war. Man kann im heutigen, in Teilen immer noch intransparenten regulatorischen Umfeld in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn Banken in Schwierigkeiten geraten. Dabei ist es dann irrelevant, wer es verschuldet hat. Darauf wollten wir reagieren.

SZ: Was wollen Sie tun?

Kaeser: Wir haben vor einiger Zeit eine Banklizenz beantragt. Wir hoffen, dass die Bafin die Lizenz in nächster Zeit erteilt.

SZ: Wozu eine Banklizenz?

Kaeser: Wir wollen damit kein Retailgeschäft betreiben, wie mancher Wettbewerber. Stattdessen könnten wir in erster Linie das Produktspektrum unserer Financial Services im Bereich der Absatzfinanzierung mit Unternehmenskunden erweitern. Zudem könnten wir auch bei der Bundesbank selbst Einlagen platzieren und uns zusätzliche Finanzierungsquellen erschließen. Unsere Liquidität liegt derzeit bei fast neun Milliarden Euro, dafür brauchen wir insbesondere sichere Anlagemöglichkeiten. Das könnten wir in Zukunft eben dann selbst mitgestalten. Es ist ja auch wirklich kein Hexenwerk.

SZ: Da werden die Banken aber weinen, wenn sie einen Kunden wie Siemens verlieren.

Kaeser: Naja, so viel Geschäft ist das auch wieder nicht, und keine verlässliche Bank wird deshalb Siemens als Kunden verlieren.

Quelle: sueddeutsche.de

Man sollte das Thema beim genauen Lesen also einerseits nicht überbewerten. Bei Siemens kamen in den letzten Jahren auch zahlreiche hausgemachte Probleme auf die Chefagenda. Dass Siemens ein eigenes „Geldinstitut“ gründet, ist auch nicht die große Revolution gegen die Banken.

Aber Konzerne wie Siemens oder auch Bosch haben reagiert. Sie nehmen das Risikomanagement wieder stärker in die eigenen Hände – und schaffen sich parallel dazu neue Spieloptionen. Und damit sind wir bei einer Passage meines Buches angelangt, bei der man (s. Seite 82) quasi zwischen den Zeilen folgendes lesen kann: 

Noch erscheint vielen Menschen der Gedanke als reine Zukunftsmusik, die Bank als zentrale Mittlerinstanz zwischen Parteien und Interessengruppen komplett auszuschalten, etwa bei der Veräußerung von Unternehmen, bei Börsengängen oder bei der Wahl der passenden Unternehmensfinanzierung.    

Oder anders ausgedrückt: (Die eigene) Leistung muss sich für die Betriebe und Kunden auch lohnen, gerade bei der Wahl des Finanzpartners. Unternehmen wissen, was Kundenorientierung bedeutet. Vertrauen muss nicht nur erworben und gehalten, sondern auch fortlaufend unter Beweis gestellt werden.

Ansonsten lautet das Motto: Eigenkontrolle des Chancen- und Risikomanagement erscheint zumindest aus Sicht mancher Big Player die bessere Option, als jemandem zu vertrauen, der dieses durch sein Bemühen nicht fortlaufend rechtfertigen kann.

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Written by lochmaier

Juni 28, 2010 um 9:54 am

Veröffentlicht in Uncategorized

4 Antworten

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  1. […] Konzentration im Bankensektor ist dies sicher von Vorteil. Interessant ist dazu auch der Artikel Die Bank sind wir: Siemens gründet eigene Bank von Lothar Lochmaier. Am Markt kommt die Meldung gut an. Die Siemens-Aktie gewinnt derzeit 1,7 […]

  2. Für Siemens ist der Schritt nicht so groß, wie er in den Medien gemacht wird. Mit Siemens Financial Services sind sie schon lange am Kapitalmarkt unterwegs:
    http://finance.siemens.com/financialservices/ger/ueber_uns/Seiten/ueber_uns.aspx

    40Stunden

    Juni 28, 2010 at 4:30 pm

  3. […] am Gemeinwohl orientierten „Bürgerbank“ oder einer „Wirtschaftsbank“ (siehe Siemens und Co.) widmen – oder aber neue Geschäftsmodelle von Peer-to-Peer-Banking weiter […]

    • Das es funktionieren kann hat die C&A Bank ja schon gezeigt. Für die Big Player ist sicherlich auch die Utopie, dass Sie vom Staat gerettet werden aufgrund der Gößenvorteile eine Systemrelevanz entsteht.

      Heinemann,Joel

      März 2, 2011 at 3:28 pm


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