Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

ZEW: Social Banking ist mehr als eine Modeerscheinung

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In einem Interview in den VDI nachrichten bewertet ein Unternehmensberater die Zukunftsperspektiven von „Community Banking“ wie folgt:

Zusammenfassend denke ich, dass sich das Zeitfenster, in dem sich die jungen Firmen als ernsthafte Wettbewerber hätten etablieren können, schon wieder schließt. Ihr Geschäftsmodell ist lediglich vom Zeitgeist getrieben.

Quelle: VDI nachrichten

Diesem Befund, dass es sich bei Community bzw. Social Banking der zweiten (auch internetbasierten Generation) um eine Modeerscheinung handelt, dem widersprechen jedoch sogar die Finanzmarktexperten selbst.  

Zu diesen Schlußfolgerung gelangt jedenfalls eine aktuelle Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim unter 236 Experten aus dem Finanzsektor im Rahmen des monatlichen ZEW Finanzmarkttests.

Die Ergebnisse zeigen, dass wir es mit einem nachhaltigen Paradigmenwandel jenseits von rein Zeitgeist getriebenen Modeerscheinungen zu tun haben. Banken, die laut ZEW ihre Geschäftsstrategie an sozialen, ethischen und ökologischen Zielen ausrichten, werden ihren Marktanteil in Deutschland weiter steigern. Dies geht vor allem auf das verstärkte Interesse der Öffentlichkeit an sozialen und ökologischen Themen zurück.

Ein weiterer Grund ist die Verunsicherung der Bankkunden aufgrund der Bankenkrise und das daraus resultierende Misstrauen gegenüber der Anlagestrategie traditioneller Banken. Bereits in den vergangenen Jahren haben Social Banks hohe Wachstumsraten erzielt und ihren Marktanteil ausgebaut.

Nach Ansicht von rund 43 Prozent der vom ZEW befragten Experten ist dieser Trend nachhaltig und wird auch in den kommenden Jahren anhalten. Eine Minderheit von gut einem Drittel der Experten ist dagegen der Meinung, dass Social Banking nur ein kurzfristiges Phänomen darstellt. Weniger als ein Viertel der Experten geben keine Einschätzung zu den Zukunftsaussichten sozialer Banken ab.

Der wichtigste Grund für die wachsende Bedeutung des Social Banking ist laut Angaben vom ZEW das erhöhte Misstrauen der Kunden gegenüber den Kreditinstituten. Mehr als 80 Prozent der Experten sind der Meinung, dass soziale Banken davon in den vergangenen Jahren profitiert haben. Sie konnten verunsicherte Kunden anderer Institute anziehen. Auch das verstärkte Interesse der Kunden an sozialen und ökologischen Themen ist für rund zwei Drittel der befragten Experten ein wichtiger Erfolgsfaktor des Social Banking.

Ferner sind die Experten der Ansicht, dass das Vertrauen der Kunden in soziale Banken, die gute Reputation dieser Institute sowie ihre hohe Transparenz die Expansion dieses Geschäftsmodells begünstigen. Nach Dafürhalten der Finanzmarktexperten gehen soziale Banken darüber hinaus geringere Risiken ein, da sie nachhaltiger investieren.

Trotz des sichtbaren Erfolgs sozialer Banken sind rund 43 Prozent der Experten skeptisch, dass auch andere Banken in Zukunft ihre Strategie und ihre Produkte stärker an ethisch-ökologischen oder sozialen Zielen ausrichten werden. Dies liegt den Experten zufolge daran, dass ethisch und ökologisch motivierte Produkte häufig eine geringe Rendite abwerfen und unattraktiv für preissensitive Kunden sind. Im Gegensatz dazu halten es 57 Prozent der Experten für wahrscheinlich, dass andere Banken dem Beispiel der Social Banks folgen werden und in der Zukunft ebenfalls ihre Geschäftsmodelle stärker an ethisch-ökologischen oder sozialen Kriterien ausrichten werden.

> Wer diese Ergebnisse nüchtern bilanziert, wird feststellen, dass wir vor einem größeren Wandel und Umbruch stehen. In einem weiteren Artikel der VDI nachrichten „Liquide dank vieler Cents und Grips en masse“ lässt sich die ungefähre Dimension des Wandels erahnen, der sich aus unterschiedlichen Strömungen speist, die sich allmählich zu einem größeren Gesamtbild verdichten. 

Wie ist die Reaktion der Banken? Das beleuchtet eine aktuelle Studie von msgGillardon und dem Handelsblatt mit dem Titel banking insight – Vertrauen aufbauen: Emotionalisierung als Schlüssel zum Erfolg im Retail-Banking“:

Die Zögerlichen: 50% der Banken haben Standardisierung und Emotionalisierung als Erfolgsfaktoren erkannt, zögern aber noch mit der Umsetzung in der Bankpraxis.

Die sachlichen Standardisierer: 22% der Banken geben sich immer noch möglichst sachlich in der Kundenansprache und bieten ihren Kunden möglichst viele Standardprodukte.

Die Bank der 2000er Jahre: 10% der Banken sind in der Zeit „stehen geblieben“. Den Trend zur emotionalen Bank haben sie noch nicht erkannt.

Quelle: msgGillardon

Fazit: Es darf weiter trefflich darüber spekuliert werden, worin die (glaubwürdige) „Emotionalisierung“ von gängigen Bankprodukten künftig bestehen könnte. So bleibt in der oben erwähnten 36-seitigen Studie von msgGillardon der sinnvolle Einsatz von „Social Media“ als Bindeglied (Stichwort: Transparenz und Partizipation) zwischen Kunden und Bank praktisch ausgeblendet.

Eine „Emotionalisierung“ von Bankprodukten kann m.E. nur auf Augenhöhe mit dem Kunden gelingen (bottom-up statt top-down). Substanzielle Verbesserungen in der „Beratungsqualität“ wird es zudem nur geben, wenn nicht nur formal Kundenbeiräte in den Bankgremien am Tisch sitzen, sondern der Kunde den Gestaltungsprozess einer Bank tatsächlich aktiv mit beeinflussen kann.

Neue Wege und gute Ideen sind dazu gefragt. Mit griffigen Schlagworten und viel Marketingblendwerk allein wird es keine krisenfeste und innovative „Bank der Zukunft“ geben, die sich das Reizwort „Kundenorientierung“ tatsächlich ganz oben auf die Chefagenda schreibt.

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Written by lochmaier

Juni 23, 2010 um 7:16 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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