Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Vermögensverwaltung 2.0: Wenn der Nutzer zum Fondsmanager aufsteigt

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Morgen geht die neue Plattform www.investtor.de offiziell in den Live-Betrieb. Dies soll keine Werbung sein, sondern der passende Anlass, sich mit einem neuen Geschäftsmodell „Vermögensverwaltung 2.0“ zu beschäftigen.

Der Betreiber ist der unabhängige Vermögensverwalter TOP Vermögen AG, der sich mit einem so genannten „Mitmachfonds“ ein zusätzliches Standbein auftun will. Einen ersten ausführlichen Einblick in das Modell gewinnt man in einem längeren Fachbeitrag bei Extra Funds:

http://www.extra-funds.de/downloads/Livebook/extramagazin_juni_2010/

Worin besteht nun der so genannte Mitmachfonds (INVESTTOR Aktien Global). Die Anleger des weltweit anlegenden Aktienfonds  können selbst über eine anonyme Abstimmungsplattform mitbestimmen, welche Aktien aus einem vorgegebenen Aktienuniversum (200 Werte) in den Fonds erworben bzw. verkauft werden.

Dahinter steckt die auch von der Wissenschaft immer stärker thematisierte Frage, inwieweit das „Wissen-der-Vielen“ bei komplexen adaptiven sozialen Systemen zu richtigen Einschätzungen kommt, angelehnt an den Vorreiter Michael Mauboussin.

Er ist  Chief Investment Strategist bei Legg Mason Capital Management, hat zahlreiche Bücher geschrieben, hier kann man mehr zu seiner Vita erfahren. An dieser Stelle will ich die Übertragbarkeit der Thesen von Mauboussin generell bzw. auf das Geschäftsmodell von investtor bezogen nicht bewerten. Hier kann man sich aber ein längeres Videointerview ansehen.

Statt einer Grundsatzdebatte um epochale amerikanische Visionen und die deutsche Gründlichkeit  erst einmal mehr Details – das Ziel von Investtor: Den Index durch aktives sich selbst organisierendes Management zu schlagen. Mehr dazu gibt es hier auf einer Präsentation. Auch auf Facebook bzw. Twitter ist das Unternehmen bereits präsent:

http://de-de.facebook.com/INVESTTOR#!/INVESTTOR?v=info

http://twitter.com/INVESTTOR

Hier gibt es Antworten der Macher auf die wichtigsten Fragen:
http://www.investtor.de/qa/ 
Zum Beispiel: Die Managementgebühr beträgt bis zu 1,25%, hiervon werden bis zu 0,4% an Bonifikation für die besten Teilnehmer ausgeschüttet. Gegenüber Social Banking 2.0 erläutert einer der Initiatoren Michael Thaler noch weitere Details zur Vermarktungsstrategie:
Der Fonds startet mit einem Volumen von € 1,2 Mio. und ca. 30 Initialinvestoren. „Wir rechnen damit, bis Jahresende ca. 2.000 Anleger (Mindestanlage € 4.000) gewinnen zu können über Kooperationen mit Investmentclubs (Gemeinsam Geld anlegen), Direktbanken und Plattformen wie z.B. Sharewise & Fidor Bank“, skizziert Michael Thaler.
Die Zielmarke für Ende 2011 sind 4.000 Anleger bei einer definierten Zielgruppe in Deutschland von ca. 1,5 Mio. Personen. Selbst tragen soll das Projekt sich dann ab einem Fondsvolumen von ca. 10 Mio. Euro. 
Die Zielgruppe sind insbesondere Anleger mit Investmentfonds-Erfahrung, die jedoch die aufwändige Selektion von Einzelaktien scheuen – gleichzeitig jedoch offen für aktive Wissensnetzwerke sind, um gemeinsam in mittelfristigem Zeithorizont bei der Geldanlage zu profitieren. Die Erwartung zum sukzessiven „Roll out“ der sich quasi selbst organiserenden Fondsverwaltung klingt nicht zu ambitioniert, dennoch bleiben gewisse Unwägbarkeiten.
Nun aber zur eigentlichen „Preisfrage“: Ist das der geschickte Marketingschachzug eines Vermögensverwalters, der das finanzielle Mitmachweb dazu nutzt, um über virales Marketing auf sich aufmerksam zu machen. Oder steckt deutlich mehr dahinter? Wir werden sehen… denn es steckt immerhin einige konzeptionelle Arbeit hinter einem derartigen Projekt, um es in dieser Form an den Start zu bringen.

Zweifellos: Immerhin ließe sich die bankenzentrierte Wertschöpfungskette auch bei der relativ standardisierten (gelegentlich auch ineffizienten und teuren) Vermögensverwaltung aufbrechen. Insofern also gäbes es „Business-Potenziale“ zum Anzapfen.

Jedoch habe ich schon des öfteren in diesem Weblog aufgezeigt, dass die Schwarmintelligenz gerade in der kapitalmarktorientierten Geldanlage kein Selbstläufer – und keine einfach zu generierende Ressource darstellt.

Wer mein Buch „Die Bank sind wir“ aufmerksam gelesen hat, findet in dem Kapitel über den Tradingspezialisten Ayondo zahlreiche indirekte Querverweise (Kap. 4 und 5), wo die Chancen, aber auch die Hürden und Fallstricke liegen. In diesem Zusammenhang ganz interessant sind einige Anregungen, die in der weiter führenden „Gedankenbrücke“ vom Weblog Valuation in Germany zu meinem Buchprojekt angedeutet sind:

Normative bzw. kulturelle Dimensionen individuellen sozialen Kapitals sind: Vertrauen, generalisiertes Vertrauen und Vertrauen in Institutionen; weiterhin Einstellungen zu ethischen Fragen wie z.B. Toleranz, Kriminalitätsfurcht, gegenseitige Hilfeleistungen, Solidarität, Zusammengehörigkeitsgefühle oder Demokratie. Diese Einstellungen erleichtern die Zusammenarbeit und Kooperation.  Menschen, die sich gemeinschaftsbezogene Einstellungen zu Eigen gemacht haben, sind eher bereit, selbst eine Vorleistung zu erbringen, weil sie darauf vertrauen, dass andere dies honorieren und nicht ausnützen. Sollte dieses Vertrauen nicht enttäuscht werden, trägt eine  kooperative Herangehensweise mittel- und langfristig zur Senkung von Transaktionskosten bei. An dieser Stelle lässt sich die Theorie des Sozialkapitals sogar mit den Gedanken von R.H. COASE verknüpfen und auf das Social Banking beziehen. … Wie Vertrauen entsteht und welchen Einfluss soziale Netzwerke auf rationales Handeln von Individuen haben, sind zentrale mikropolitische Fragestellungen der Theorie des sozialen Kapitals.

Quelle: Valuation in Germany

Nun stellt sich die Frage, inwieweit wir es jedoch mit Blick auf das Agieren in einer kapitalmarktorientierten Struktur bei den finanziellen sozialen Netzwerken überhaupt mit einer Art von „Wertegemeinschaft“ zu tun haben – außer dem Interesse gemeinsam profitable Geschäfte zu machen, was sich aber als brüchige Ressource erweisen kann. Letztlich ist dies noch konzeptionelles Neuland. 

Die Idee ist nur zu verführerisch – von der „Regelstrecke“ (hierarchisch) zum rückkoppelnden „Regelkreis“. Warum ich bisher die Systemtheorie mit Blick auf finanzielle „soziale Netzwerke“ jedoch eher meide? Weil der Regelkreis (noch) zu viele Kurzschlüsse hat.

In der Systemtheorie wird Wirtschaft als ein Kommunikationssystem begriffen. Und die Teilnehmer an dieser Kommunikation (Individuen wie Organisationen oder auch der Staat) werden als Beobachter konzeptualisiert, die jeweils sehr unterschiedlich beschreiben, erklären und bewerten können, was sie beobachten oder auch nicht beobachten. Kein Beobachter kann für sich beanspruchen, einen Zugang zur „objektiven Wahrheit“ zu haben.

Quelle: Valuation in Germany

Somit wird sich in der Praxis noch erweisen müssen, ob die Schwarmintelligenz tatsächlich ,so wie das Managementteam von investtor dies anpeilt, funktionieren kann – beim dezentralen und nutzerbasierten Fondsmanagement.

Ein ambitioniertes, spannendes und viel versprechendes Experiment ist investtor aber allemal, das man sich unbedingt genauer ansehen – und beim weiteren organischen Wachstum fortlaufend beobachten sollte.

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Written by lochmaier

Juni 14, 2010 um 7:27 am

Veröffentlicht in Uncategorized

3 Antworten

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  1. wieso sollte die masse besser sein als 9 von 10 fondsmanager die denn markt ebenfalls nicht schlagen ?

    stefan klaus

    Juni 15, 2010 at 8:39 pm

  2. […] Hier geht es zum Artikel von Lothar Lochmaier. […]

  3. […] weiteren Bericht zum Start des Fonds hat Lothar Lochmaier verfasst: Unter Vermögensverwaltung 2.0: Wenn der Nutzer zum Fondsmanager aufsteigt schaut er gewohnt sachkundig auf den Neueinsteiger und sucht Antworten auf die wichtigsten […]


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