Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Joint Venture Islamic Finance & Social Banking? Interview mit Michael Gassner

with one comment

Seine Publikation schließt ein für westliche Gemüter immer noch recht fremdartiges Verständnis der arabischen Finanzwelt  auf – zusammen mit Philipp Wackerbeck veröffentlichte er den Buchtitel „Islamic Finance. Islam-gerechte Finanzanlagen und Finanzierungen“, erschienen im Bank-Verlag Medien in der zweiten Auflage. Die Rede ist von Michael Gassner. Er lebt in Zürich.

Dipl.-Kfm. Michael Gassner ist zum einen ehrenamtlich damit beauftragt, die Zertifizierung islamischer Finanzprodukte für den Zentralrat der Muslime in Deutschland e. V. zu koordinieren, und steht diesbezüglich als Ansprechpartner für die Finanzindustrie zur Verfügung. Auch hauptberuflich ist er im Bankwesen tätig.

Zudem ist er Mitglied des Shari‘a Boards der Bosna Bank International in Sarajevo, des Editorial Boards des „International Journal of Islamic and Middle Eastern Finance and Management“ sowie im Advisory Board des Dow Jones Islamic Index Newsletter.

All dies sind nun wirklich genug Gründe, ihn einmal etwas genauer zur denkbaren Verbindung zwischen Islamic und Social Banking und der Peer-to-Peer basierten Vermögensanlage zu befragen: 

Social Banking 2.0: Welchen geschäftlichen und gesellschaftlichen Reifegrad hat Islamic Banking in Deutschland erreicht?

Michael Gassner: Gesellschaftlich nimmt die Anerkennung für Islamic finance zu, sowohl vor als auch besonders nach der Krise. Die Bundesbank war Gastgeber einer Konferenz des Islamic Financial Services Board zu Regulierungsfragen international, und die BAFIN hatte sich selbst als Veranstalter bemüht im letzten Oktober und hierbei öffentlich klar erklärt, einer Islamischen Bankgründung in Deutschland offen gegenüberzustehen und eine helfende Hand zu reichen. Dies steht im Gegensatz zum geschäftlichen Reifegrad: Das Angebot steht trotz 4 Millionen Muslimen faktisch bei Null. Das Marktpotenzial wäre dabei aber durchaus mit den Retailbanken in den Vereinigten Arabischen Emiraten von der Marktgrösse her zu vergleichen.

Social Banking 2.0:  Wo liegen Chancen und Hindernisse bei der Akzeptanz aber auch der  Seriösität der Geschäftsmodelle?

Michael Gassner: Die Seriosität des Islamic finance wurde gerade in Deutschland in Verruf gebracht. Sogenannte Türkische Holdings im grauen, unregulierten Kapitalmarkt führten zu schweren Verlusten in zahllosen türkischen Haushalten. Dies gerade auch mit Berufung auf den Islam, was es nur umso perfider machte.

Daher ist es wichtig, Angebote zu schaffen, die ehrlich und anständig aufgebaut sind und neben der formalen Anforderungen auch noch den Sinn und die Absicht des islamischen Finanzwesens repräsentieren.

Social Banking 2.0: Gäbe es Schnittstellen zwischen Social Banking und Islamic Banking, wo könnten die Dienstleistungen von Banken und Investoren grenzüberschreitend fusionieren?

Michael Gassner: Islamic Banking soll immer sozial und nachhaltig sein. Der faire Umgang mit Schuldnern und die Teilhabe und die Vergabe von haftenden Eigenkapital für Unternehmen ist dabei wichtig. Der Vorrang der Verschuldung vor der Stärkung des Eigenkapitals ist gerade in Deutschland ein grosser Fehler und trotz der Krise ist hier noch immer kein Umdenken in Gang gekommen. Dies sehe ich mit allergrösster Sorge. Wieviele Arbeitsplätze müssen noch vernichtet werden?

Ebenso spannend für Deutschland wäre eine Fusion von Islamic finance und dem ursprünglichen Genossenschaftswesen. Der Sparkassensektor war ja bereits in den 1960ern Vorbild für die Islamic Banking Bewegung Mit Ghamr in Ägypten. Und im 19. Jahrhundert waren die Genossenschaftsbanken diejenigen, die um „Financial Inclusion“, sprich die um die Einbindung von aus dem herkömmlichen Finanzsektor ausgeschlossenen Personengruppen besorgt waren. Der Finanzsektor kann einen wesentlichen Beitrag zur faktischen Integration der Menschen leisten.

Social Banking 2.0: Wie sieht es mit Peer-to-Peer-basierten Geschäftsmodellen in der Kreditvergabe oder Geldanlage aus, räumen Sie diesen im arabischsprachigen Raum gewisse Chancen ein?

Michael Gassner: P2P finde ich eine besonders interessante Variante des Finanzwesens. In arabischen Ländern findet diese „offline“ statt, indem Familienmitglieder und Verwandte vorzugsweise finanziert werden. Vielfach ist die Finanzierung über Banken, z.B. Hauskauf in Saudi-Arabien noch am Anfang – erst kürzlich wurden hierzu Gesetze erlassen. P2P wird daher meines Erachtens zuerst in Gesellschaften mit hoher Internetdichte und gleichzeitg fragmentierten Familienstrukturen Erfolg haben und hierbei schrittweise das Geschäftsmodell Bank neu definieren helfen. In einigen Jahren kann es dann auch stärker in arabischen Gesellschaften Fuss fassen, beispielsweise wenn durch einen Escrow Agenten nachgewiesen wird, dass die eigene Familie bereist 50 % finanziert hat, die restlichen 50 % online zu syndizieren, oder die eigene Familie Garantien ausspricht.

Social Banking 2.0: Und noch eine persönliche Frage: Wie ist es als Banker in Saudi-Arabien  zu arbeiten, gegenüber dem deutschsprachigen Kulturkreis – ist dort etwa der Umgang mit Geld ein ganz anderer als bei uns?

Michael Gassner: Ich habe knapp drei Jahre für Bank AlJazira in Saudi-Arabien gearbeitet und bin nun hauptberuflich für eine Schweizer Privatbank im Bereich Islamic finance tätig. Die Zeit in Saudi-Arabien war sehr lehrreich, auch konnte ich viele negative Vorurteile (die auch bei mir bestanden) keineswegs bestätigt finden. Die Menschen sind gastfreundlich und grosszügig im Umgang mit Geld. Die extensive Besuchskultur (im Gegensatz zur Kneipenkultur) zwischen und innerhalb der Familien erfordert aber bereits grosse Wohnungen selbst für frisch verheiratete Berufsanfänger. Diese Anforderungen und der Wunsch nach grossen Autos führen zu einer beängstigenden Konsum- und Leben auf Pump Kultur, nicht zuletzt auch importiert aus den USA. Dies wird unausweichlich zu erheblichen sozialen Problemen führen. Auch der islamische Umgang mit Geld muss gelernt werden…

Interview: Lothar Lochmaier

Advertisements

Written by lochmaier

Juni 7, 2010 um 7:22 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. Islamic Finance ist weit davon entfernt „ethisch“ im Sinne von „sozial und nachhaltig“ zu sein. Auch hat es keine lange Tradition. Seit den 70er Jahren wird Islamic Banking/Finance von ultrakonservativen, der Muslim Brotherhood nahestehenden Muslimen gepuscht. Es hat zwei Ziele: Einerseits sollen moderate Muslime gezwungen werden, sich in allen Lebensbereichen dem islamistischen Diktum zu beugen, selbt ihr eigenens Vermögen soll sich ihrer Kontrolle entziehen. Die Entscheidungshoheit der Scharia-Boards über jede Anlageform ist der beste Garant für die weitere Finanzierung eines radikalen Islam. Verankert im Islamic Finance ist nämlich „Zakat“, eine Almosengabe, deren Regeln ausdrücklich die Finanzierung des Jihad, des bewaffneten Kampfes, erlauben und empfehlen.
    Zum anderen wird im Westen mit viel Geld gelockt, um die Behörden von der Attraktivität des Islamic Finance zu überzeugen. Werden dessen Grundregeln akzeptiert und institutionalisiert, haben wir in Deutschland ein Stück Scharia-„Rechtsprechung“ eingeführt. Damit hätten die Islamisten (und mit ihnen der Konvertit Gassner) einen weiteren Teilerfolg auf ihrem Weg erzielt. Die Scharia hat nicht im Entferntesten im Sinn, den Menschenrechten entsprechend „sozial und nachhaltig“ zu sein.
    Bitte seien Sie sich der politischen Ziele des Islam bewußt und übernehemne Sie nicht ungeprüfte Aussagen. Es empfiehlt sich sehr, den Koran zu lesen und sich selbst ein Bild zu machen!
    Eine weitere Bemerkung: Im Koran wird nicht von Zins gesrochen, sondern das arabische Wort wird allgemein mit Wucher übersetzt. Das Zinsverbot war auch unter islamischen Gelehrten sehr umstritten, bis sich die Ultrakonservativen durchgesetzt haben. Den endgültigen Sieg hat die Übersetzung als Zins tatsächlich durch die „Gelehrten“ der Muslim Brotherhood erlangt.

    Wieschoen

    Juni 7, 2010 at 10:40 am


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: