Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Noa Bank: Wenn die Orientierung im Mediendschungel verloren geht… hilft nur Woody Allen

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Das Bankmagazin widmet in der Maiausgabe recht ausführlich und prominent auf der Titelseite platziert eine ganze Geschichte der Noa Bank, was zeigt, dass das neue Institut mittlerweile auch bei den etablierten Spielern und den Top-Managern auf dem Managementradar auftaucht – aber bilden Sie sich lieber selbst Ihre freie Meinung zur Geschichte „Neuling sorgt für Wirbel“: 

http://www.noabank.de/download/presse/20100501_Bankmagazin_01.pdf

Für Journalisten ist das Thema derzeit eines, das man angesichts der Dichotomie am liebsten mit der Kneifzange anfassen würde. Soll ein Topschreiber dran gesetzt werden, oder doch lieber ein unbeschriebenes Blatt? Umso mehr Respekt verdienen jene Menschen der schreibenden Zunft, die sich einen differenzierten Blick zu eigen machen.

Ganz am Ende des durchaus lesenswerten Beitrags einer freien Journalistin in einem komplexen Handlungsgemenge ist übrigens auch das Weblog Social Banking 2.0 als Referenzquelle für das Zitat eines Branchenbeobachters aufgeführt. Das ergänzende Interview vom Bankmagazin dazu mit dem Gründer der Noa Bank Francois Jozic kann man sich hier anschauen:

http://www.noabank.de/download/presse/20100501_Bankmagazin_02.pdf

Auch die FAZ widmet dem neuen Mitspieler in der heutigen Ausgabe einen Beitrag (online kostenpflichtig, aber hier auf der Homepage der Noa Bank verfügbar): „Noa Bank sucht dringend nach Kreditnehmern“ – Die Aufmachung verspricht allerdings in einer zwar augenfälligen, aber angesichts der derzeit brisanten Stimmungslage etwas gewöhnungsbedürfigen Analogie nichts Gutes:

„Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“, fragt Mackie Messer in der Dreigroschenoper. Eine Antwort kann ihm François Jozic geben. Der Belgier, Jahrgang 1973, hat vor sechs Monaten die in Deutschland tätige Noa Bank gegründet.

Quelle: FAZ

Sicherlich ist derzeit das Gros der Medien bemüht, die Orientierung gegenüber einer Schwarz-Weiß-Malerei zur Noa Bank nicht allzu sehr aus den Augen zu verlieren. Aber das ist schwierig, wie ich es schon mal in einem früheren Beitrag zum Thema „Wie das Mitmachweb die Bankbilanzen bedroht (oder auch bereichert) – und anhand der Analogie zum Literaten Fernando Pessoa (der wahre Anarchist wird Banker) beleuchtet habe – und das war eine durchaus ernsthafte Betrachtung, aber lesen Sie doch selbst nochmals nach.  

Fazit: Nun ja, ist das Glas nun halb leer oder halb voll? Die Schwierigkeit besteht zweifellos darin, jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei in einer emotional und teils ideologisierten Debatte überhaupt fundierte Bewertungen zur Arbeit des Newcomers Noa Bank vorzunehmen.

Dies gilt umso mehr aufgrund der in den Medien und auch auf diesem Weblog intensiv diskutierten Vorgeschichte zum Firmengeflecht und der Integration von Factoringdienstleister Quorum, einer Kritik, der der Newcomer nur durch ein über längere Zeit hinweg konsistentes Geschäftsgebaren den Wind aus den Segeln nehmen kann.  

Deshalb mein Vorschlag: Geben wir dem Neuen jenseits von überzogener Euphorie und einem darnieder schmetternden Bankenbashing doch erstmal die Anlaufzeit, die er braucht, um sich am Markt erfolgreich zu beweisen, ja er muss sogar die Nagelprobe antreten, ob die Noas das Etikett „Social Banker“ der zweiten Generation tatsächlich zu Recht reklamieren. 

Denn insbesondere die gegenüber dem raschen Erfolg im Anwerben von Kundeneinlagen deutlich schleppendere Kreditvergabe stellt im derzeit schwierigen Umfeld der Finanzbranche – aber auch der Unternehmen – eine Sisyphosarbeit (nicht nur) für die Noa Bank dar. Dieser gordische Knoten wird sicherlich nicht einfach aufzulösen sein. Mit dieser Herausforderung steht der Neuling aber keineswegs allein. 

Und sicherlich hat das zwischen traditioneller Geschäftsbank und den Nachhaltigkeitsinstituten postierte Geldhaus  noch eine härtere Wegstrecke mit gewissen Rückschlägen vor sich, wobei der hohe Anspruch an die eigenen Ziele der (vollständigen) Spekulationsfreiheit und Transparenz erst mittelfristig „annäherungsweise“ realisierbar sein dürfte.

Umso mehr Sinn macht es, dass eine innovative Bank im Zweifel über internetbasierte Stimmverfahren vor der Kreditvergabe bei ihren Kunden nachfragt, ob sie denn in dieses oder jene Projekt „investieren“ wollen. 

Dann gäbe es eine Mehrheitsentscheidung, die freilich auch die Minderheit in der praktizierten Finanzdemokratie 2.0 mittragen müsste. Die wäre freilich für alle Beteiligten ziemlich anstrengend, und einfache Patentrezepte für das „Black- oder Whitelisting“ von sauberen grünen Krediten wird es nicht geben.  

Aber das globale Schachbrett der Banken- und Wirtschaftskrise zeigt, angefangen von Griechenland, über die allgemeine Staatsverschuldung, bis hin zur nächsten verbrieften Spekulationsblase. Wir alle sind gefordert, neu über unseren Umgang mit Geld nachzudenken, wollen wir die Herausforderungen für die Zukunft bestehen.

Insofern ist Partizipation der Verbraucher an den Finanzmärkten keine Frage der Freiwilligkeit, sie wird ohnehin in unterschiedlichen Varianten kommen, und das Internet wird das globale Amphitheater sein, in dem künftige „soziale“ Verteilungsfragen rund ums Geld von Beteiligung bis zum Protest neu ausgehandelt – oder produktiv mit Hilfe der kollektiven Schwarmintelligenz gesteuert und bewältigt werden. Ob diese schwierige Gratwanderung gelingen kann?   

Halten wir fest: Zu hoch gesteckte Vergleiche mit einer rein „grünen Nachhaltigkeitsbank“ wie bei der GLS Bank oder Triodos der Fall, sie gehen an der Realität vorbei. Kurzum: Nicht nur die Noa Bank trägt gewisse innere Widersprüche in sich, die ganze Gesellschaft tut dies ebenso. Hand aufs Herz: Gibt es jemanden unter den Lesern, der sein ganzes Leben lang ausschließlich „grüne Investments“ getätigt hat?  

Übrigens: Einen Kredit aufzunehmen, ist für niemand eine wirklich erotische Angelegenheit, weder für die Bank selbst, die das Risiko und die Chancen exakt einschätzen muss, will heißen, anhand von aufwendigen manuellen Managementmethoden eruieren und fortlaufend zu überprüfen hat. 

Und auch der Kreditnehmer muss letztlich darauf vertrauen, dass „seine Rechnung“ nicht nur mit der Bank, sondern auch bei seinen Kunden irgendwann aufgeht, so dass alle Beteiligten von dem Deal gleichermaßen profitieren – und am Ende keine roten sondern schwarze Zahlen heraus kommen.  

Es erfordert zweifellos einen gewissen Mut seitens der Noa Bank, hier die Details von einzelnen Krediten auf der Homepage öffentlich zu platzieren, eine Transparenz, die ja derzeit viele Branchenbeobachter immer wieder einfordern. Kurzum: Die Noa Bank muss sich an ihren hoch gesteckten Zielen messen lassen, wohingegen so manch anderer Spieler lieber hinter den Kulissen wirken mag. 

Womit wir beim ersten Satz in der Einleitung meines in der kommenden Woche erscheinenden Buches „Die Bank sind wir“ wären. Der da lautet: Selbst die sicherste Bank ist eine unsichere Angelegenheit. Das ist nicht neu. Es existieren also, so illusionslos sich diese Erkenntnis derzeit auch anhören mag, in dieser Welt (fast) nur Scheinsicherheiten.

Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille: Social Banking wird zur neuen Gemeinschaftswährung. Und der „Common Banker“ rückt zum gegenüber der Gesellschaft verantwortlichen Sachwalter von „Gemeinschaftsgütern“ auf. Doch die raue Wirklichkeit scheint eine andere zu sein.

Oder wie es der mit einer gehörigen Prise an schwarzem Humor ausgestattete Filmregisseur Woody Allen vor kurzem anlässlich der Filmfestspiele in Cannes im Interview mit Spiegel online zu seinem neuen Film „Der große Unbekannte Fremde“ so ausdrückte: Allen antwortete auf die Frage, wie er denn zum Tode stehe: „Ich bin total dagegen.“ Und seine Beziehung dazu habe sich auch über die Jahre nicht verändert.  Hier die Preview zu dem neuen Film des Meisters:

So ähnlich wie bei der verführerischen Liaison zwischen alterndem Mann und der jungen attraktiven Frau ist es auch zwischen Bank und Kunde. Oftmals läuft Mann der Vergangenheit hinterher, wenn er dem Traum der ewigen Jugend allzu sehr nachhängt…

So bleibt uns mit der Anlehnung an den großen Filmguru Woody Allen nur eines zu bemerken, nämlich dass ein Geldinstitut (hoffentlich) nicht mit dem Tode handelt. Trotzdem ist es immer ein Teufelspakt, mit einem Zahlungsversprechen auf etwas, was wir noch nicht klar vor uns sehen.

Gehen wir also davon aus, dass die Bank der Zukunft nicht nur reine Wetten auf eine nicht mehr existente Zukunftsvision (zu einträglichen Provisionen) mit (oder besser gesagt gegen) uns abschließt. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern viel Erfolg beim Geldanlegen und dem richtigen Timing für das Stop-Loss-and-Go.

P.S. Ein interessantes Update, das die Substanz von Vorwürfen gegenüber der Noa Bank genauer unter die Lupe nimmt, gibt Matthias Schwenk hier auf Carta:

http://carta.info/27768/noa-bank-in-der-kritik-ein-klaerungsversuch/

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Written by lochmaier

Mai 19, 2010 um 6:27 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

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