Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Maybrit Illner trifft Josef Ackermann: Deutsche Bank-Chef zelebriert Social Media

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Wer sich am vergangenen Donnerstag abend die Mühe machte, beim ZDF und bei Maybrit Illner vorbei zu schauen, der wurde Zeuge eines historischen Auftritts. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann stand fast eine Stunde lang Rede und Antwort zu Fragen rund um die Bankenkrise, Griechenlands Zahlungs-Black-out, der Staatsverschuldung – bis hin zur Eurokrise.

Hier gibt es das Video in voller Länge, was sich angesichts der derzeit angespannten Situation durchaus lohnt:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1043366/Retten-wir-den-Euro-oder-die-Spekulanten#/beitrag/video/1043366/Retten-wir-den-Euro-oder-die-Spekulanten 

Die Liste der Medienkritiken zu der Diskussion ist lang – auf die Aspekte betreffs der Geschäftsfelder der Deutschen Bank gehe ich jetzt aufgrund der vielen weiteren Analysen nicht weiter an – hier stellt Spiegel online die Frage: Wer ist Josef Ackermann? – eine Frage, auf die ich später noch zurückomme:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,694801,00.html

Dabei spielt Ackermann immer mal wieder eine andere Rolle: Er ist das wohl meistbeachtete Orakel für die Finanzbranche im Land, er tritt als Berater auf, der bei der Rettung von Krisenbanken wie der Hypo Real Estate zwischen Politik und Bankenwirtschaft vermittelt. Und er muss beständig als Buhmann für die gesamte Branche herhalten. Das Foto vom Mannesmann-Prozess, bei dem er den Fotografen mit breitem Grinsen ein Victory-Zeichen entgegenstreckte, hat sich den Deutschen ins Gehirn gefressen. Sein Millionengehalt tut ein Übriges.

Interessant ist aber eher dieser Passus hier:

Denn die Entwicklung in den beiden anderen großen Bereichen – dem Privat- und Firmenkundengeschäft sowie der Vermögensverwaltung – lässt zu wünschen übrig. Auch Ackermann weiß das. Deshalb wies er bei Vorlage der Dreimonatszahlen auch ausdrücklich auf die wirtschaftlichen Unsicherheiten hin, die die Geschäfte dieses Jahr begleiten.

Quelle: Spiegel online

Auch der Blicklog widmet sich der Diskussion:

http://www.blicklog.com/2010/05/14/ackermann-besttigt-griechenlanduntersttzung-indirekt-als-bankenhilfe-und-setzt-sich-mit-bankingbashing-klischees-auseinander/

Illner fährt die ganze Bandbreite der aktuellen Bankingbashing-Klischees gegen Ackermann auf, der wie so oft in den vergangenen 24 Monaten, mal wieder den Kopf für die Branche hinhält. Das macht er einmal mehr ausgesprochen souverän, sachlich und vor allem ohne Ausflüchte. Sogar zu mehrfachen Applaus rafft sich das Publikum auf. Das Interview bestätigt aber auch die Defizite in der öffentlichen Wahrnehmung vieler Aktivitäten auf den Finanzmärkten. Und diese Wahrnehmungsdefizite kann nicht allein der ständig den Kopf hinhaltende Josef Ackermann ändern.

Quelle: Blicklog

Kommen wir noch zu dem für mich spannenden Aspekt, den ich darin sehe, dass sich der Chef der größten deutschen Bank auf das Terrain von Social Media begeben hat. Das mag auf den ersten Blick verwirrend klingen, Deutsche Bank und Social Media?

In gewisser Weise ja, denn Märkte sind per Definition Gespräche, und auf die hat sich Josef Ackermann zweifellos in der Fernsehdiskussion eingelassen. Er beantwortete Fragen der Zuschauer zu seiner Bank, er erklärte ruhig die Zusammenhänge auf den Finanzmärkten – und wich clever und geschickt einigen Fettnäpfchen aus, die die Moderation ihm bereitet hatte.

Der Knackpunkt aber war diese Zuschauerfrage nach 45 Minuten hier:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1043796/Zuschauerfrage-zu-Investmentbankern#/beitrag/video/1043796/Zuschauerfrage-zu-Investmentbankern

Oder hier auf dem Youtube-Kanal der Sendung anzuschauen:

http://www.youtube.com/user/maybritillner#p/a/F6245ACF3E7BC0BF/2/eGOc0FjQjJ4

Hier nun die Zuschauerfrage von Patrick Held:

Frage: Wenn ein Investmentbanker in einem halben Jahr soviel Geld verdienen könne, wie ein Durchschnittsbürger nicht einmal in seinem ganzen Leben – wo bliebe da der positive Anreiz, Risiko zu vermeiden, wenn man seine Schäfchen so schnell ins Trockene bringen könne?

Gute Frage – hier die Reposte von Josef Ackermann: Die Vergütungsstruktur sei bereits gestreckt worden, und orientiere sich am Risiko – statt an rein kurzfristigen Boni – außerdem sei jeder begabte junge Mensch eingeladen, selbst Banker zu werden, denn da es wenige qualifizierte Top-Banker gebe, könnten diese dem Markt ihre Bedingungen praktisch aufdiktieren, ähnlich wie beim Sport oder Showbusiness.

Da war sie – die historische Stunde von Social Media. Der Chef der Deutschen Bank spielte den Ball über „die jungen Leute“ elegant an die ganze Gesellschaft zurück: Kommt und werdet Investmentbanker! Gäbe es mehr davon, so Josef Ackermann in einer eleganten Kehrtwendung, dann würden die Gehälter des Einzelnen sinken, je mehr Menschen sich also für diesen Weg entschieden (Er ergänzte noch: ein Beruf, der allerdings mit dem reinen Champagnertrinken wenig gemein habe). 

Das saß. Wer will dem nicht zustimmen? Josef Ackermann nahm die Spielbälle elegant auf, und spielte sie wieder zurück an Wirtschaft und Gesellschaft. Das kann man durchaus elegant orchestrierte „Social Media Kommunikation auf Augenhöhe mit dem Kunden“ nennen.

Die Hinwendung zum offeneren Dialog mit dem Bürger erfolgt allerdings nicht ganz freiwillig. Neben den zahlreichen Imageschäden, die der Deutschen Bank von verschiedenen Seiten drohen, lahmt das Private Banking und die Vermögensverwaltung. Auch das Firmenkundengeschäft könnte besser gehen.  

So erscheint die Flucht nach vorne, um aus Gesprächen (wieder mehr) neue Märkte zu machen, mit Hilfe von „Social Media“, also einen kritisch-konstruktiven Dialog mit Millionen von Zuschauern zu suchen, abgesehen von der Eurokrise durchaus nachvollziehbar. Sicherlich – man hat sich in der Chefetage auch seitens der PR-Strategen diesen gewagten Schritt in der Deutschen Bank wohl genauestens überlegt und die Wirkungen voraus kalkuliert (einschließlich dem kritischen Medienecho).

Abschließend möchte ich nun meinerseits die oben aufgeworfene Frage beantworten: Wer ist Josef Ackermann? Dazu habe ich mir seine Dissertation aus dem Jahr 1977 vollständig ausgedruckt. Die liest sich sehr spannend und ist quasi hoch aktuell, das Thema: Der Einfluß des Geldes auf das reale Wirtschaftsgeschehen – eine theoretische Analyse. 

Ich zitiere Josef Ackermann aus der Schlußbemerkung (S. 149 oben):

„Unsere Untersuchung hat ergeben, dass die Versuche zur Überwindung der Dichotomie, welche das Geld als ein zusätzliches Gut einführen, das neben und parallel zu den Waren angeboten und nachgefragt wird, Scheinlösungen darstellen, da sie von der Zahlungsfunktion des Geldes abstrahieren.“

Und ganz am Ende der Doktorarbeit bilanziert der Deutsche-Bank-Chef die Forschungsergebnisse mit Blick auf die arbeitsteilige Wirtschaft wie folgt (S. 151):

Das Geld dient vor allem als Zahlungsmittel, während der Wertaufbewahrungsfunktion eine marginale Bedeutung zukommt.

– Die Anerkennung der Zahlungsfunktion des Geldes erfordert die Konstruktion eines zeitlich strukturierten Modells.

– Die Kassenhaltung im Haushaltssektor stellt eine Residualgröße dar und unterliegt nicht dem Nutzenkalkül. Sie kann daher nicht in eine Portfolioanalyse integriert werden.

…..  

Noch Fragen? Hier haben sich auch einige Blogger mit dem Thesen bzw. der Arbeit auseinander gesetzt:

http://blog.zeitenwende.ch/hansruedi-ramsauer/der-denkfehler-des-josef-ackermann/

http://www.weissgarnix.de/2009/04/14/doktor-joe-und-die-schwerkraft/

Es möge über die unterschiedlichen Kanäle im Netz über „Social Media“ eine rege inhaltliche Diskussion zustande kommen, jenseits von sozialen Klischees, wie es der Blicklog zurecht moniert, und jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei – bzw. plumpem Bankenbashing.

Andererseits wird uns „business as usual“, wenn wir die Wertschöpfungsketten in der Finanzindustrie weiter so wie bislang ins Nirwana treiben, auch nicht der Lösung von existenziellen Problemen näher bringen….wer hier die allein selig machende Lösung hat, der werfe den ersten Stein.

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Written by lochmaier

Mai 15, 2010 um 8:09 am

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3 Antworten

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  3. interessant war der passus über die ENtschuldung DEr dritten welt. Antwort: „Dann würde es mir ergehen wie Herrhausen.“ ….. Diesen Passus sollte jeder paar Mal sehen. Insbesondere sollte man über die Hintergründe des Herrhausen-Attentant Recherchieren….

    an O´nymus

    Mai 30, 2010 at 10:51 pm


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