Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Euro-Krise und Rating-Agenturen: Zukunft zwischen Heilsbringer, Sündenbock und Krisentreiber?

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Das ganze Leben ist ein Fußballspiel und dauert mehr als 90 Minuten – so auch vergangene Nacht, als die Europäische Union die Kuh der drohenden Eurowertvernichtung gerade noch vom Eis gezogen hat. Doch der Burgfriede zwischen Politik und Finanzmärkten ist einstweilen trügerisch.

In einem Gastartikel auf Spiegel online widmet sich Ökonom Thomas Straubhaar dem Thema Ratingagenturen – und kommt zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass es nicht gut ist, wenn die Fußballspieler direkt den Schiedsrichter damit beauftragen, das Spiel zu leiten.

Soweit so gut. Normalerweise beteiligt sich dieses Weblog nicht an der oberflächlichen Diskussion um die Fremd- und Selbstregulierung einer ganzen Branche. Warum? Ganz einfach, ich setze eher auf neue Geschäftsmodelle, die freilich erst in Ansätzen erkennbar sind.

Und da stach mir doch ein Satz in dem Kommentar des Professors für Volkswirtschaft an der Universität Hamburg und Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) ins Auge. Der lautet so:

Besser – und längst überfällig – wäre es jedoch, die Rating-Agenturen endlich von ihrem nahezu hochrichterlichen Ross der Unfehlbarkeit herunterzuholen. Sie sollten zu ganz normalen Mitspielern auf dem Parkett der Finanzmärkte degradiert werden. Mit anderen Worten: Banken, Anleger und andere Marktakteure sollten die Rating-Agenturen einfach nicht zu ernst nehmen. Denn deren Meinung ist nur eine von vielen.

Quelle: Spiegel online

Ein interessanter Kommentar. Denn allein die Agenturen zum Sündenbock und Krisentreiber abzustempeln, das führt auch nicht unbedingt weiter. Es lenkt sogar von den konkreten Lösungsoptionen ab, wenn man angesichts des derzeit kritischen Szenarios sich vordergründig betrachtet nur damit begnügte, ein europäisches Pendant zu den amerikanisch dominierten Ratingagenturen ins Leben zu rufen.  

Und da gilt es die Informationshierarchie entlang der gesamten Wertschöpfungskette in der „Finanzindustrie“ zu dehierarchisieren und zu dezentralisieren.Wie das funktionieren kann, ohne neue unrealistische Konzepte ins Leben zu rufen? Kommentare dazu sind gerne erwünscht.

Auch die Wochenzeitung die „ZEIT“ legt die Hand in die Wunde:

Theoretisch würden die Ratingagenturen die Werte der Aktiva deutlich machen, sagte André Orléan, Forschungsdirektor des Instituts CNRS und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Pariser Börsenaufsicht AMF. «Doch sie sind nicht unabhängig. Sie sind auch nicht autonom» von Marktinteressen. Die Ratingagenturen gäben den Marktschwankungen sogar noch mehr Widerhall. «Sie sind gleichzeitig Richter und Partei.» Man brauche für die Bestimmung von Börsenwerten Institutionen mit dem «Blick von außen». 

Quelle: zeit.de

Auch einige Wirtschaftsblogs widmen sich dem Thema, so stellt etwa „Wirtschaftsblase“ die Frage, wem die Rating-Agenturen eigentlich gehören:

Ist es eine konzentrierte Aktion um den Fokus von den Problemen in den USA auf Europa zu richten? Denn allein die Verschuldung des Staates Kalifornien ist um einiges höher als Griechenland und trotzdem hat die USA ein Tripple A (höchste Kreditwürdigkeit) und Griechenland nur noch einen Ramschstatus. Das ist nicht verwunderlich, so Dirk Müller, wenn man überlegt wem die Rating- Agenturen eigentlich gehören.

Quelle: Wirtschaftsblase.de

In der allerorts lärmenden Medienschlacht den Überblick zu behalten, wer welche Gerüchte aus welchen Motiven in die breite Öffentlichkeit streut, fällt derzeit schwer. Die Sachargumente gehen nicht selten dabei unter – berichtet auch der Blicklog  jenseits simpler Schuldzuweisungen. 

Und erst wenn sich der Nebel allmählich lichtet, werden wir wohl etwas tiefer in die Lösungsdiskussion einsteigen können. Als da wären: Der Staat sollte als öffentlicher Verwalter von Finanzen den Finger auch in die eigenen Wunden legen – und sein Geld sinnvoll „anlegen“. Diese Frage sollten sich derzeit viele stellen, was es bedeutet, verantwortlich mit den ihnen anvertrauten Finanzen umzugehen.

Die richtigen Stellschrauben zur Bewältigung einer  Staatschuld, die allein in Deutschland bei rund 1,7 Billionen Euro liegt, sind noch nicht einmal im Ansatz diskutiert und umgesetzt. Es gilt einerseits, menschliche Arbeit vernünftig zu entlohnen und nur mit dem notwendigen Maß zu belasten, und andererseits den Fokus jenseits einer Spekulationsmaschinerie auf die produktiven Gebiete in Wirtschaft und Gesellschaft zu richten.

Es wäre natürlich schön, wenn die Finanzmärkte einen Blick mehr auf die Existenzgrundlagen unserer modernen Gesellschaft richten würden. Der „ehrwürdige Kaufmann“ ist kein Luxusprodukt einer Überflussgesellschaft, sondern wird bald eine dringliche Notwendigkeit sein, um unser System überhaupt in einer sozialen Balance zu halten.  

Dazu sollten sowohl die Akteure an den Finanzmärkten als auch der Staat ihren Beitrag leisten. Vermeintlich simpel und schlüssig klingende Patentrezepte und Schuldzuweisungen werden uns dem Ziel indes kaum näher bringen, den Menschen als einzig systemrelevante Ressource im Finanz- und Wirtschaftssystem wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Neue Wege sind gefragt, die alten Trampelpfade haben ausgedient.

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Written by lochmaier

Mai 10, 2010 um 6:46 am

Veröffentlicht in Uncategorized

2 Antworten

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  1. Guten Tag Herr Lochmaier,

    können Sie die neuen Geschäftsmodelle, die Sie erst in Ansätzen für erkennbar halten, benennen?

    Viele Grüße
    Andreas Buschmeier

    Andreas Buschmeier

    Mai 10, 2010 at 1:17 pm

    • Hallo Herr Buschmeier,

      im Prinzip geht es um neue Geschäftsmodelle, die weit über das gängige Argument von mehr Transparenz hinausgehen, dezentrale und verteilte Wertschöpfungsketten, mit hohem Partizipationsgrad, aber auch einem soliden Chancen-Risikomanagement. Hört sich etwas theoretisch an – sorry, dass jetzt eine Werbeeinblendung kommt, aber in meinem Buch „Die Bank sind wir“ beleuchte ich einige der neuen und spannenden Ansätze. Um jedoch in globaler Hinsicht zu einer Neubewertung der Finanzmärkte zu gelangen entlang der wirtschaftlichen „Produktivlinien“, wird es zusätzliche Einschnitte in die Geldverteilung, Steuergerechtigkeit, bis hin zur Fremd- und Selbstkontrolle von Finanzmarktakteuren erfordern. Nur, meist lernt man erst, wenn man mit dem Kopf richtig gegen die Wand gelaufen ist, und wir vertagen im Moment angesichts der Euro-Krise die Folgekosten auf die Zukunft.

      Was „Ratingagenturen 2.0“ selbst angeht, so plädiere ich ebenso für eine dezentralere Steuerung und Herabstufung der Bedeutung. Aber dazu muss man natürlich tief in die Wertschöpfungskette bis hin zu den Eigentumsverhältnissen eingreifen, siehe etwa den heutigen Kommentar von Nouriel Roubini im Handelsblatt, dem ich aber nicht voll umfänglich zustimme, da mir einige Rezepte doch zu plakativ aufgesetzt sind, denn die Banken werden wohl in ihrer Systemlogik kaum dazu übergehen, sich selbst „zu zerschlagen“ und in appetitlichere Häppchen zu zerlegen – aber machen Sie sich selbst ein Bild, es ist zumindest gut, dass hier eine hoffentlich weiterführende Diskussion zustande kommt. Siehe:
      http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken-versicherungen/finanzreform-die-banken-muessen-sich-selbst-zerschlagen;2577665

      lochmaier

      Mai 10, 2010 at 1:33 pm


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