Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Marx’sche Mehrwerttheorie reloaded: Honorarberatung zwischen Mythos und realer Marktdurchdringung

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Presseportal.ch berichtet heute:

Seit heute ist die Nettobank AG mit Sitz in Gossau SG online. Die Bank verfolgt die konsequente Umsetzung einer ePrivate Banking-Strategie. Sie verwendet bewusst das Internet als zentrale Schnittstelle zum Anleger und verzichtet auf persönliche Beratung. Die Anlagestrategie wird mittels indexnahen kostengünstigen Lösungen umgesetzt. Die Nettobank AG ist eine 100%-ige Tochtergesellschaft der Wegelin & Co. AG.

Immer mehr Anlegerinnen und Anleger suchen eine elektronische Lösung für die Verwaltung ihres Vermögens. Sie sind bereit, für ein effizientes und kostengünstiges Dienstleistungspaket auf persönliche Kundenberatung vor Ort zu verzichten. Diesen klar abgegrenzten Bedürfnissen begegnet die neu gegründete Nettobank AG. Die Eckpfeiler ihrer Strategie sind kostengünstige und einfache Mandatslösungen, die ausschliesslich online angeboten werden.

Mehr Infos gibt es hier: http://www.presseportal.ch/de/pm/100009387/100602503/wegelin_co_privatbankiers

Wer sich auf den Internetseiten der neuen Wegelin-Banktochter „Nettobank“ umsieht, entdeckt rasch, dass das Geschäfts- und Gebührenmodell doch einige kleine Besonderheiten aufweist:

https://www.nettobank.ch/produkte-und-gebuehren/gebuehrenmodelle

Die Produkte sind in unterschiedliche (Risiko)-Klassen gestaffelt, es dominieren indexbasierte Anlagenformen, und die fixen Gebühren sind pauschal mit 0,75 % des Depotwertes pro Jahr bemessen. Nun kommt der Clou: Das von dem Schweizer Vordenker Konrad Hummler und seinen Mitstreitern ins Leben gerufene Konzept stellt den Begriff der „Mehrwertgebühr“ in den Mittelpunkt der Erfolgsbeteiligung seines Institutes:

Mehrwertgebühr:  15% auf dem Wertzuwachs des Kontos/Depots (bereinigt um Zu- und Abflüsse), basierend auf dem Höchststand innerhalb eines Kalenderjahres. Zurücksetzung des Höchststands zu Beginn jedes Kalenderjahres auf den Endwert des Vorjahres. Es gibt eine monatliche Abrechnung und Belastung.
Quelle: nettobank.ch
Nun ja, ich spare mir jetzt den historischen Exkurs in die geschichtliche Mehrwerttheorie a la Marx und Co. Wichtig scheint hier ja nur, dass der Kunde was von der Bank hat. Interessant ist der Ansatz auch deshalb, weil er die klassische Form der „gehobenen“ Vermögensverwaltung mit modernen Formen des E-Bankings verknüpft. Es braucht nur drei Schritte. Das ist sicher in punkto Benutzerfreundlichkeit  noch nicht das Ende der Fahnenstange, aber ein erster Anfang scheint gemacht.
Wie sieht es in Deutschland mit der Honorarberatung aus? Nun ja, es gibt die Quirin Bank, die sich ziemlich allein auf weiter Flur abmüht, dem Thema die notwendige Marktdurchdringung zu verleihen. Das klappt – ganz vereinfacht ausgedrückt – noch nicht so gut, dass mehr Geld reinkommt, als für teure Werbekampagnen ausgegeben wird, was aber wichtig scheint, um in der Fläche die notwendige Akzeptanz zu erreichen.
Auch die Kunden zögern bei der Honorarberatung, denn sie wollen natürlich sehen, was das für Produkte sind, die die Berater ihnen empfehlen. Erst an zweiter Stelle folgt die Rückfrage nach dem „Gebührenmodell“. Es zeigt sich wieder einmal der Paradigmenwandel in der Bankenbranche. Mehr Transparenz bedeutet nicht einfach, auf ein weitgehend provisionsunabhängiges Geschäftsmodell umzusatteln.
Das reicht nicht aus.
Was der Kunde wirklich möchte, ist neben Transparenz (im Geschäfts- und Gebührenmodell) mehr Mitwirkung und aktive Einflussnahme. Oder aber er hat das Gefühl, da nimmt ihm jemand wirklich etwas ab, außer sein Geld (also die Verantwortung, aber zum Vorteil beider Seiten).
Hier liegt das revolutionäre Potential von „Social Banking“, wenn die bisherige Informationshierarchie zwischen „all wissendem Berater“ und „unmündigem Kunde“ aufgebrochen wird.
Mal ehrlich: Welche Bank wünscht sich schon, dass dieser evolutionäre Schritt wirklich geschieht?  Spannend scheint der von der Nettobank gewählte Ansatz, mehr oder minder auf die direkte Beratung zu verzichten, aber schon. Noch einmal ein Zitat aus der obigen Presseinfo:
 
Christian Hafner, Verwaltungsratspräsident der Nettobank AG und geschäftsführender Teilhaber von Wegelin & Co. Privatbankiers: „Für Anleger, die ein sicheres Gefühl für ihren Risikoappetit haben und auf die persönliche Beratung verzichten möchten, ist das ePrivate Banking-Angebot eine attraktive Alternative. Wegelin & Co. stellt seit je den Kunden ins Zentrum, alle anderen Überlegungen sind sekundär. Dieser Grundsatz gilt ebenso für die Nettobank.“   
 
Nun ja, wie ist es denn um Ihren „sicheren Risikoappetit ganz ohne Berater“ (ein wirklich schwieriger Drahtseilakt in diesen Zeiten) bestellt – Sicherheit und Risiko, meist scheitert der, der beides gleichzeitig will. Dennoch: Ist das der künftige Königsweg für die Honorarberatung, dass sie auch im gehobenen Vermögensmanagement ohne Berater auskommt? 
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Written by lochmaier

April 29, 2010 um 1:57 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

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  1. Lieber Herr Lochmaier,

    hier meldet sich die quirin bank aus Berlin: wir finden, dass wir eigentlich einen guten Job machen: 6.000 Kunden und 1,6 Milliarden Assets under Management. Mal ehrlich: Kennen Sie eine Bank, die in drei Jahren so schnell gewachsen ist?

    Und was die teueren Werbekampagnen angeht: ach, was wäre ich froh, wenn ich die Budgets einer Commerzbank oder einer Deutschen Bank hätte.

    Aber toll, wenn unsere Kampagnen so wirken als wären sie teuer! Dann haben wir ja offenbar irgendwas richtig gemacht.

    Herzliche Grüße von der ersten Honorarberaterbank Deutschlands!

    Kathrin Kleinjung

    April 30, 2010 at 10:42 am


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