Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Staat, Kirche und Geld: Wie sich die „Scheinmoral“ produktiv bewältigen lässt

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Es scheint eine gute Nachricht zu sein, die Menschen vertrauten den Banken wider, insbesondere den Deutschen, behauptet zumindest das Handelsblatt:

http://www.handelsblatt.com/finanzen/anleihen/bilanzen-investoren-trauen-banken-wieder-ueber-den-weg;2560349 

Das klingt gut – stimmt es wirklich? Immerhin kommt der Strom meist aus der Steckdose, woher aber sprudeln die Gewinne bei Banken? Dieser Frage versucht sich Lucas Zeise im Zeit online Blog anzunähern:

http://blog.zeit.de/herdentrieb/2010/04/08/woher-kommen-die-gewinne-der-banken_1678

Und woher die Gewinne bei den Banken herrühren, und wie hoch sie in den letzten Dekaden geklettert sind, das lässt sich anhand dieses Zitats aus dem Weblog unschwer erkennen:

Die anhaltend hohen Gewinne im Finanzsektor stellt Dieter anhand einer Graphik dar, wonach der Anteil des Finanzsektors an den gesamten Unternehmensgewinnen in den USA seit Ende des 2. Weltkriegs von etwa 10 Prozent trendmäßig gestiegen ist und 2002 einen Wert von 40 Prozent erreicht hat. Im ersten Halbjahr 2009 waren es immer noch 28 Prozent. Dieter zitiert für Deutschland das Statistische Bundesamt, wonach die Gewinne der Kreditinstitute 2008 nicht weniger als 18,5 Prozent der Gewinne aller Kapitalgesellschaften ausgemacht haben.

Quelle: Zeit Blog

Aus dem Gesagten leitet Lucas Zeise nun eine durchaus spannende Frage ab:

Wie kommt es, dass die Gewinne im Finanzsektor hoch bleiben, obwohl das Angebot an Kredit und Finanzdienstleistungen durchaus reichlich vorhanden ist, es also durchaus Konkurrenz gibt?

Und die Antwort lässt nicht lange auf sich warten:

… an den entscheidenden Stellen verfügt die Hochfinanz über den Hebel, um die ökonomische Regulierung durch den Staat zu ihren Gunsten ablaufen zu lassen.

Noch einmal ein Zitat von Lucas Zeise:

Ein höherer Verschuldungsgrad der Volkswirtschaft führt dazu, dass ein höherer Anteil der Profite in Richtung Banken, oder generell in Richtung Finanzsektor fließt. 

Quelle: Zeit Blog

Nun, über Geld spricht man eigentlich nicht so gerne, und zwar überall dort, wo es im Überfluss verdient wird. Dass auch die Kirche die einen oder anderen Sünder in den eigenen Reihen fürstlich unterhält, ist seit langem ein offenes Geheimnis.

Es ist halt im Angesicht der unzähligen Missbrauchsskandale nicht angesagt, einen eigenen Rechtsstaat unter dem Deckmantel der sündigen Verschwiegenheit zu unterhalten, aber am Ende nichts konkret an den Verhältnissen zu ändern.

Ganz einfach ist auch nicht das Verhältnis zwischen Rendite und höherer Moral. Denn eine gute Absicht verkehrt sich durch schlechte Auführung in ihr Gegenteil. Mehr noch: Wer die Welt ausschließlich nach moralischen Gutmenschen-Kategorien in Gut und Böse einsortiert, weiß am Ende selbst nicht mehr, wo es wirklich lang geht.

Dass die Finanzwirtschaft und die Kirche jedoch nach der Finanzkrise gemeinsam ihre heilenden Kräfte entfalten können, darüber berichtet die FTD in einem ganz aufschlussreichen Kommentar:

http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/marktberichte/:kolumne-tobias-bayer-nonnen-gegen-die-wall-street/50096968.html

Da steht beispielsweise zu lesen:

Nonnen und Derivate? Kirche und Finanzkrise? Das passt eigentlich nicht zusammen. Wenn sich der Klerus überhaupt äußert, dann meistens mit Phrasen wie „Der Markt muss dem Menschen dienen“. Spekulation wird stets gegeißelt.

Hier bilanziert der Autor eine Vorschläge der Schwestern an die Citibank und weitere Banken zur Stärkung der eigenen Transparenz auf den volatilen Märkten:

Mögen die Banken die Forderung der Nonnen auch besserwisserisch ablehnen, so treffen die Sisters einen wunden Punkt des gesamten Finanzsystems. Hedge-Fonds und andere Investoren hinterlegen bei den Banken Wertpapiere als Sicherheiten („Collateral“), beispielsweise für Derivatewetten. Vor der Krise war es üblich, dass die Geldhäuser die Papiere für die eigene Refinanzierung weiterverliehen. Das ging so lange gut, bis Lehman Brothers zusammenbrach. Da das britische Insolvenzrecht keinen Schutz für solche Sicherheiten vorsieht, kamen zahlreiche Hedge-Fonds lange Zeit nicht an ihr Kapital. Daher waren sie gezwungen, Positionen zu schließen, was den Abwärtssog an den Märkten verstärkte.

… Und etwas weiter unten im Kommentar der FTD wird das delikate Bank- und Beichtgeheimnis endgültig entblättert:

Zu begrüßen ist es allemal, dass sich kirchliche Stimmen mit konkreten Vorschlägen zu Wort melden. Es schadet nichts, wenn sich Geistliche mit den Mechanismen des Derivatehandels auseinandersetzen. Das verleiht ihnen Praxisnähe und Gehör. Allgemeine Botschaften an die Nächstenliebe verhallen meist im gleichgültigen Konsenskanon. In der Enzyklika des Papstes finden sich viele Gedanken, denen jeder zustimmen kann, ohne irgendetwas an seinem Verhalten ändern zu müssen.

Quelle: FTD

Wir halten jenseits von Buße und Beichte mal die Fakten fest: Nonnen machen konkrete Verbesserungsvorschläge für die Wall Street und die komplizierten Finanzprodukte, das ist eigentlich gar keine so schlechte Idee, vor allem wenn sie nicht vom hohen moralischen Ross herab erfolgt, sondern tatsächlich auf der Auseinandersetzung mit Fakten und Börsentrends basiert.

Da muss man oder frau sich schon intensiv mit dem Kleingedruckten wie CDS und andere Derivate beschäftigt haben, um durchzublicken. Warum eigentlich nicht, denn wer mitreden will, sollte sich jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei tatsächlich mit dem einen oder anderen Thema genauer, wer die Instrumente zu welchem Zweck und welcher Nutzung wie erfunden hat und nutzt.

So lässt sich beispielsweise im eingangs zitierten Artikel vom Handelsblatt folgender Zusammenhang nachlesen:

CDS (Credit Default Swaps) sind Kreditausfallversicherungen: Investoren schützen sich gegen den Ausfall des Schuldners und zahlen dem Versicherer eine in Basispunkten ausgedrückte Prämie. Ein Spread von 100 Basispunkten bedeutet, dass der Investor jedes Jahr der Laufzeit ein Prozent des zu versichernden Betrags zahlt. 

Was das mit Blick auf Griechenland bedeutet, wird sodann auch gleich erklärt:

Die Spreads auf den Kreditderivate-Märkten haben sich am Montag durch den konkretisierten Notfallplan für Griechenland eingeengt. Der iTraxx-Senior-Financials-Index, der die Risikoprämie von 25 europäischen Finanzinstituten misst, lag am Nachmittag bei 77 Basispunkten und damit nur leicht über dem Jahresanfang – obwohl die Werte aufgrund der Laufzeitverlängerung des am 22. März neu aufgelegten Indexes nur eingeschränkt vergleichbar sind. Bei einigen Schuldnern hatte die Unsicherheit um die Staatsfinanzen Griechenlands in den vergangenen Wochen jedoch zu einer so deutlichen Ausweitung der Spreads geführt, dass diese nach einem Höhepunkt Mitte Februar nicht wieder auf ihr Ausgangsniveau im Januar gesunken sind.

Quelle: Handelsblatt

Zweifellos: Die Expertise aller Gesellschaftsmitglieder ist  gefragt. Auch „die Presse“ berichtet, wie Nonnen jetzt plötzlich an die Finanzfront vorrücken:

http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/556561/index.do?from=simarchiv

Das Interfaith Center on Corporate Responsibility will der überall grassierenden „Scheinmoral“ (vermutlich auch in den eigenen Reihen) den Kampf ansagen, um die Gesellschaft wieder auf den rechten Pfad des soliden Wirtschaftens zurück zu führen:

http://www.iccr.org/

Nun ja, wir bilanzieren zumindest, dass sich derzeit an einigen Fronten so manches bewegt. Und das ist schon mal eine gute Nachricht, wenn es nicht nur bei vagen Absichtserklärungen bleibt, für die ja nicht nur die Banken im Sinne von vagen Selbstverpflichtungen zur „freiwilligen Eigenkontrolle“ bekannt sind. Der Arm des Gesetzgebers ist nur kurz.

Zahlreiche andere, nach korporativen, das heißt nach innen verschlossenen Mechanismen aufgestellte Gruppierungen, sie könnten ebenfalls den Mantel des Schweigens lüften,der freilich das Aufheben eines jedweden Beichtgeheimnisses erforderte, um tatsächlich als Außenstehender einen Blick hinter einige nicht immer so erlauchte Kulissen werfen zu dürfen.

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Written by lochmaier

April 13, 2010 um 8:36 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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