Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Noa Bank: Was den Newcomer von der Deutschen Bank unterscheidet

with 2 comments

Auf dem Weblog der Noa Bank gibt es für alle an dem im November 2009 neu gegründeten Institut Interessierten ein aufschlussreiches Update zur Firmengeschichte – darin knüpft der Gründer Francois Jozik an den früheren Artikel „David gegen Goliath“ an, indem er sich erneut gegen alle erdenklichen Unterstellungen von Außenstehenden wehrt, die Bank inklusive ihrer früheren Verbindungen, lege ein unseriöses oder gar strafrechtlich relevantes Fehlverhalten an den Tag. Siehe dazu auch mein früherer Kommentar  hier:

https://lochmaier.wordpress.com/2010/03/05/noa-bank-und-die-medien-sie-kussten-und-sie-schlugen-ihn/

Hier kann sich der Leser zunächst einen in voller Länge lesenswerten Überblick verschaffen, wer an welcher Schraube zu drehen scheint – es ist eine Geschichte, die beispielhaft für vieles ist, was sich in einer Branche, die sich zweifellos im Umbruch befindet, ereignen kann:

http://www.anderebank.de/blog/artikel/verteidigt-guenter-heismann-das-establishment-vor-der-noa-bank-versucht-er-/

Ohne hier jetzt meine innere Unabhängigkeit in Frage gestellt zu sehen. Aber: Ich finde es durchaus mit Blick auf die Transparenz der Noa Bank beispielhaft, wie offen sich der Gründer Francois Jozic der Kritik von außen stellt. Üblicherweise gleichen Banken nämlich Burgfestungen, die wenig durchlässig sind, wie ich selbst bei meiner Anfrage an die Deutsche Bank feststellen musste, die über eine ausgeprägte Social Media Strategie verfügt, aber offenbar nur bereit ist zu senden und nicht zu empfangen. 

Denn wer viel sendet, dem wird offenbar noch mehr (Kritik) gegeben, so wohl das Credo der Kommunikationsstrategen. Hier sind meine leider wieder mit dem Vermerk „Return to sender“ zurück gereichten Fragen nochmals nachzulesen:

https://lochmaier.wordpress.com/2010/03/26/selbstfindungsphase-deutsche-bank-lehnt-stellungnahme-zur-social-media-strategie-ab/

Es ist schon interessant, wie eine solche Nachricht, die immerhin zeigt, dass einer deutschen Großbank nicht viel an einer Öffnung oder gar Kommunikation mit den Kunden auf Augenhöhe gelegen ist, durchs Raster der öffentlichen Wahrnehmung hindurch fällt. Jeder denkt sich nämlich, klar, dass die Deutsche Bank jetzt dazu – also zu Social Media nicht Stellung nimmt. Die haben das ja gar nicht nötig.

Ganz nach dem Strickmuster: Die von der Deutschen Bank müssen nicht auf jede kleine oder überhaupt eine Presseanfrage reagieren. Der wirklich Souveräne gestaltet die Welt im Verborgenen. Im Zweifelsfall lässt man den Kritiker halt ins Leere laufen. In diesem Fall ging es sogar weniger um Kritik, sondern um ein reines Informationsbedürfnis, das wie ich finde, nicht ganz unberechtigt ist. Wer Social Media nutzt, sollte auch darüber sprechen können, selbst wenn man noch damit experimentiert. Das tun alle, das sagt schon der Begriff .

Aber: Ein Quasi-Monopolist darf auch hier die Öffentlichkeit ins Leere laufen lassen, und viele zeigen sogar noch dafür Verständnis.

Bei der Noa Bank ist es etwas anders. Einerseits hat der Gründer mehrere Dutzend Interviews gegeben, und er ist bereits gern gesehener Gast in vielen hochrangigen Wirtschaftsblättern, die Zeitungen verweisen regelmäßig auf die Top-Konditionen beim Tagesgeld und Festzinsanlagen. Das ist die eine Seite. Davon profitiert die Bank.

Die andere Facette der Medaille ist die, wie Francois Jozik auch selbst gestern auf dem Weblog schreibt, „unsere gesamten Vermögenswerte entsprechen 0,009% im Vergleich zur Deutschen Bank“. Nun ja, das ist immerhin schon ein niederer dreistelliger Millionenbetrag, der sich in wenigen Monaten seit Gründung angesammelt hat. Dafür haben andere Banken deutlich mehr Zeit benötigt. Dennoch ist das immer noch ein Wettbewerb zwischen David und Goliath.  

Warum also lässt man den einen (der Deutschen Bank) eine vollständige Blockade-Politik in den Kommunikationsstäben durchgehen, während man bei einem Newcomer wie der Noa Bank eine Steilvorlage sieht, mit allen erdenklichen Gerüchten den Ruf zu beschädigen, noch bevor das Institut unter Beweis stellen konnte, dass es tatsächlich die hohen Ansprüche an die eigene Kundenphilosophie hat umsetzen können.

Das ist ein typisches Gebahren. Bislang hat sich keiner der strafrechtlichen Vorwürfe oder der Unterstellungen, die der Noa Bank und seinen angeblichen Satelliten vorgehalten werden, als hieb- und stichfest erwiesen. Einige Managementfehler, von denen übrigens große Banken und die öffentlich-rechtlichen Institute in einem weit größeren Ausmaß betroffen waren und sind, hat der Gründer Francois Jozik mit Blick auf die Vorgeschichte mehrfach eingeräumt – und er erläutert die Zusammenhänge auch in seinem jüngsten Blogeintrag so detailliert, dass jeder potentielle Kunde selbst entscheiden kann, ob er nun Kunde oder Bankenbasher werden will.

Und Neukunden gibt es bekanntlich genug, denn das Konzept der Noa Bank ist clever und kommunikationstechnisch stimmig.  Natürlich ist die Umsetzung nicht leicht, denn die Kreditvergabe einschließlich Factoring (das übrigens auch bei anderen Banken zur gängigen Wertschöpfungskette dazu gehört) sind keine Schnell- und Selbstläufer. Wer hier nicht genau prüft, tut den eigenen Mitarbeitern, Kunden und selbst den Kreditnehmern keinen Gefallen.

Zeit ist Geld, aber hier anders herum. Mehr Zeit bei der Kreditprüfung zu verwenden, das bedeutet am Ende ein solider gemanegtes Chancen-Risikoprofil.  

Bilanzieren wir also die Unterschiede zwischen einem David, und einem Goliath, wie die Deutsche Bank,  anhand von ganz banalen Worten: Auf meinen Eintrag zur Deutsche Bank, die sich als die führende deutsche Großbank nicht dazu durchringen kann, auch nur einen einzigen offiziellen Satz zu ihren einzelnen Social Media Kanälen zu veröffentlichen, das finden alle Beobachter völlig normal. Nicht ein einzelner Kommentar ging dazu bei mir ein.

Wenn es jedoch darum geht, einen innovativen Newcomer zu bashen, sind plötzlich viele selbst ernannte Helfer an vorderster Front dabei. Dabei geht es hier nicht um einseitige Parteinahme, sondern um die ziemlich fragwürdigen Medienmechanismen, die ein schiefes Bild der Wirklichkeit zeichnen. Freie Marktwirtschaft im Bankenwesen und in der Finanzindustrie sieht freilich anders aus.

Aber: Wer das Geld kontrolliert, braucht nicht zu kommunizieren, und sich Risiken auszusetzen, denen kleinere aufstrebende Neuspieler die linke und die rechte Wange entgegen strecken dürfen. Sicherlich, auch ich habe Verständnis, dass eine Bank wie die große deutsche ihre „Assets“ schützen möchte. Aber wer sich vor Social Media nur fürchtet, bei dem nagt zumindest im Private Banking schon der Zahn der Zeit. Irgendwann greift der Virus auch auf andere Bereiche wie das Investment Banking über.  

Was lernen wir beim Vergleich zwischen Noa Bank und Deutsche Bank? Sagen wir es mal mit einem Klassiker. Es lohnt sich diese vermeintlich leicht angestaubten Werke immer wieder mal in die Hand zu nehmen. Vor mir liegt jetzt gerade das Buch „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ von Joseph Schumpeter aus dem Jahre 1912:

Jeder kennt sicherlich den Begriff der „schöpferischen Zerstörung“, den Schumpeter ja quasi erfunden hat. Angeblich haben aber die Chinesen diesen Satz erfunden, heißt es im Vorwort der  Neuauflage von 2006. Die sollen nämlich das Sprichwort viel früher bereits vor unser „Ricola-Werbezeit“ erfunden haben. Und das altchinesische Bonmot lautet so: „Ohne schöpferische Zerstörung kommt kein Neues!“ Genau, dem wird doch nun jeder mit dem letzten Rest von gesundem Menschenverstand wirklich zustimmen.

Nun aber kommt der gemeine Teil, den man auch bei Schumpeter im Kleingedruckten nachlesen kann: „Es ist aber nicht die neue Idee an sich, das neue Wissen, die „Erfindung“, die etwas bewirkt und verändert. Es ist die Durchsetzung, die den Wandel bewirkt“, heißt es weiter im Vorwort zur Schumpeterschen Neuauflage. 

Offenbar hat die Noa Bank durch ihre Aktivitäten das Koordinatensystem und den Blutkreislauf des Bankensystems bereits leicht verschnupft und damit gestört. Kurzum: Wer die Spielregeln verändert, setzt sich der Gefahr aus, in die Mühlsteine des großen übergreifenden Räderwerks zu geraten. Dabei fordern Politiker, Unternehmenslenker und andere einflussreiche Innovationsflüsterer doch immer wieder öffentlich in ihren Sonntagsreden den sozialen wie wirtschaftlichen Wandel ein. Komisch nur, wenn es einer versucht, sich auf den Weg macht, was dann alles oftmals so passiert? 

Fazit: Wer es tatsächlich versucht, jenseits der ausgetrampelten Pfade neue Wege zu beschreiten, den wird ein rauer Wind begleiten, und viele Großwildtiere werden versuchen, die kleinen aufstrebenden Pflänzchen zu zertreten. Die Zeit bringt aber gerade durch die neuen Medien einen Fort-Schritt heran, dem auch die bis dato von der eigenen Sorglosigkeit verwöhnte Bankenbranche sich durch senile Bettflucht im hochbetagten Alter wird nicht entziehen können.

Denn viele kleine Zahnrädchen können über das Netz nun in den großen Mühlstein mit eingreifen, zumindest wenn sie sich ihrer kreativen Macht bewusst sind, neue Geschäftsmodelle hervor zu bringen. Ich zitiere deshalb abschließend, um nochmals den Unterschied zwischen einer Noa und einer Deutschen Bank zu verdeutlichen, aus dem Werk von Schumpeter (Einführung, Seite XXIX):

Das Energiemoment des Handelns, die Überwindung innerer und äußerer Widerstände, ist primäres Merkmal des Schumpeterschen Unternehmers. Somit wird auch die Überwindung innerer Widerstände des Unternehmens zu einem Schlüsselmoment wirtschaftlicher Entwicklung. „Jene Hemmungen, die für die Wirtschaftssubjekte sonst feste Schranken ihres Verhaltens bilden, fühlt er nicht.“ 

Fazit: Es ist gut so, dass nicht jeder „Banker zum Anfassen“ sich an die von anderen Nicht-Erreichbaren gesetzten Schranken hält, von deren Funktionstüchtigkeit einige Exklusivakteure in einem Ausmaß profitieren, dass es den meisten Menschen gar nicht mehr auffällt, dass man das kleine wie große Spiel auf den Finanzmärkten auch nach etwas anderen Regeln spielen könnte.

Dazu wieder mit Blick auf die Deutsche Bank ein passendes Zitat, zu den „Beipackzetteln“ in der Bankberatung, deren durchschlagender Erfolg ein längerer Artikel in der Wirtschaftswoche recht verhalten beleuchtet:

Immerhin hatte sich die Deutsche Bank Mühe gegeben und das dröge Papier mit Piktogrammen und einer Balkengrafik aufgepeppt. Eine Weltkugel als Symbol für die Anlageregion und ein Tachometer, das für die Risikoklasse steht, sind Hingucker. Aber Ministerin Aigner verteilt keine Designpreise – und angesichts mancher Fußnote schleicht sich bei Anlegerin Blum der Verdacht ein, dass auch hier im Kleingedruckten allerhand versteckt werde.

Quelle: Wiwo online.

Link: http://www.wiwo.de/finanzen/sinn-und-unsinn-der-finanz-beipackzettel-426404/

Aber wie sagte schon der alte Münchner Volksschauspieler Helmut Fischer (der ewige Stenz) mit der gewissen Extraportion Humor: Ein bisserl was geht immer“ – das gilt erst recht für Außenseiter, von denen es einige Auserwählte über die Avantgarde bis in die Mitte der Gesellschaft schaffen. Die Noa Bank hat zweifellos das Potential dazu.

Und auf diesen bayerisch-barocken aber sehr griffigen Marketingslogan „Ein bisserl was geht immer“ hat sich Ende 2009 sogar Premium-Autohersteller BMW bezogen.

http://www.premiumpresse.de/pressepraesentation-bmw-320d-efficient-dynamics-edition-a-bisserl-was-geht-immer-PR661897.html

Man sieht also anhand des erst im vergangenen Dezember neu vorgestellten Modells „BMW Efficient Dynamics Edition“: Neues bricht sich irgendwann seinen Lauf, und dann nehmen sogar die großen Platzhirsche in der Wirtschaft plötzlich Worte in den Mund, die sie zuvor nicht einmal mit der Kneifzange angefasst hätten.

Dies gilt erst recht, wenn es der eigenen populären Markenbildung dient, also dem Volk von nun an nach dem Munde zu reden, wenn andere auch in der Bankenbranche die schwierigen Gesteinsbrocken als innovative Zerstörer längst aus dem Weg geräumt haben. Und spätestens dann springen auch die vorherigen Zerstörer des Neuen und Besseren plötzlich auf den Zug auf, und sie beanspruchen sogar relativ unverblümt die Urheberrechte an der Erfindung.

Advertisements

Written by lochmaier

April 7, 2010 um 1:17 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

2 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] einen Kommentar » Wer meinen gestrigen Beitrag zur Noa Bank gelesen hat, der wird heute kaum überrascht sein, dass Spiegel online, und der Autor Günter […]

  2. […] dass die Bankenwelt, etwa zwischen einer Noa und einer Deutschen Bank – tatsächlich mit etwas verschrobenen Maßstäben von den Medien gemessen […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: