Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Netzwerk-Bashing in Mode: Wie realistisch ist die Facebook-Bank?

with one comment

Nicht nur hat FAZ- Verleger Frank Schirrmacher für uns seine persönliche – für die Verkaufszahlen des Buchs sicherlich einträgliche – „Payback“-Rechnung mit der Netzkultur aufgemacht. Darin hat der Internet-(Ver)Kenner uns alles mögliche an Negativem übers Netz präsentiert, das angeblich mobbt, stiehlt, trickst, täuscht und uns alle irgendwie verblödet.

Siehe dazu jedoch als Reposte die aufschlussreiche Kritik von Peter Kruse in der Süddeutschen Zeitung. Darin beschreibt er Schirrmacher als „Zaungast“ einer gesellschaftlichen Fortentwicklung, an der er selbst gar nicht partizipiert oder besser: gar nicht partizipieren will.  

http://www.sueddeutsche.de/computer/218/495543/text/ 

Auch ich als Medienmensch muss sagen, mir geht die arrogante und herablassende Art, wie etablierte Starjournalisten über die Blogger und alle im Internet aktiven Menschen herziehen, doch ziemlich auf den Geist. Getroffene Hunde bellen ja bekanntlich besonders laut, und wessen eigene Phantasie nur darauf ausgerichtet ist, Auflage damit zu machen, andere zu bezichtigen, sind nicht gerade besonders kreativ und innovativ unterwegs. 

Ein Zitat aus dem Interview der Süddeutschen Zeitung mit dem sozialen Netzwerkexperten Peter Kruse:

sueddeutsche.de: Professor Kruse, in „Payback“ schildert Frank Schirrmacher die Folgen der Digitalisierung der Welt. Können Sie seine Sicht teilen?

Peter Kruse: Herr Schirrmacher begeht in seinem Buch einen erstaunlichen Denkfehler durch die Einseitigkeit der von ihm gewählten Perspektive: Er betrachtet die digitale Welt ausschließlich aus dem Blickwinkel einer Person, die das Geschehen als distanzierter und bewertender Beobachter erlebt. Wer sich nicht selbst in den Netzwerken bewegt und sie als eine schwer zu ertragende Kakophonie empfindet, der fühlt sich logischerweise schnell überfordert und vielleicht sogar aggressiv belästigt. Mit seinem Buch outet sich Herr Schirrmacher als fremdelnder Netzwerk-Besucher, als Zaungast, der einer wilden Party gleichermaßen neugierig wie irritiert aus der Ferne zuschaut.

Quelle: Süddeutsche.de

Nun springt auch noch das nächste Flaggschiff aus der Mainstream-Presse auf den „Netzwerk-Bashing-Zug“ auf, und zwar die Wochenzeitung ZEIT. Sie beglückt uns zwar nur indirekt in Form eines Experten-Interviews, eines angeblichen Spezialisten in Social Media mit Botschaften der Marke „Dumm 3.0“ . Aber allein schon die Überschrift lässt vermuten, dass es dem Interviewpartner an jeglicher differenzierenden Betrachtungsweise gegenüber sozialen Netzwerken gänzlich fehlt.

Aber lesen Sie doch selbst:

http://www.zeit.de/digital/internet/2010-03/markus-reiter-dumm-3.0

Ein Zitat verdeutlicht besonders den Tiefgang in der Analyse des befragten Autors und Social Media-Experten Markus Reiter, der sich als Ex-FAZler freundlicherweise zum Interview bereit gefunden hat:

ZEIT ONLINE: Aber findet im Netz nicht vielmehr eine unglaubliche Demokratisierung statt?

Reiter: Ich glaube, dass das eine Täuschung ist. Letztlich werden sich im Netz jene soziodemografischen Eliten behaupten, die sich auch in der alten Welt behauptet haben. Also die Zahl der mit Relevanz bloggenden Münchner Taxifahrer mit Migrationshintergrund oder der bloggenden Kriegerwitwen ist beschränkt. Wenn Sie sich anschauen, wer im Netz relevante Kultur oder Information produziert, dann sind das Leute, die entweder in den alten Medien bereits Erfolg hatten, oder die in den alten Medien Erfolg gehabt hätten, wenn es das Internet nicht gegeben hätte.

Quelle: die ZEIT

Fürwahr eine brilliante Analyse. Nun ja, die ZEIT druckt das Interview ja nur ab – Stimmen Sie dem letzten – von mir schwarz markierten Satz – auch uneingeschränkt zu? Wenn nein, dann trügt Sie Ihr gesunder Menschenverstand sicherlich nicht ganz.

Es sind nicht die alten Akteure, die sich als Avantgarde im Internet tummeln. Und ja, irgendwann wird aus Außenseitern eine Avantgarde, und dann erreicht der Trend auch die Mitte der Gesellschaft. Und dann wechseln Experten wie M. Reiter unauffällig die Seiten und lob preisen das, was sie zuvor in Grund und Boden kritisiert haben. Und zwar allein schon deshalb, weil sie dann plötzlich ihr Geld damit verdienen.

Klare und profilierte Haltungen haben heute weitgehend ausgedient. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern, wenn es mir morgen nicht mehr nützt. Solche trojanischen Pferde, mit dem Ziel, soziale Netzwerke auf breiter Front zu bashen, gibt es nur allzu viele.  

Um es gleich deutlich zu sagen: Natürlich ist das Internet kein Heilsbringer. Aber ständig darauf herum zu trampeln ist genauso niveaulos. Da schenken sich die Argumentationsextremisten keinen Deut.

Ich halte es lieber mit der Mitte, und da kann man natürlich nicht so viele Anhänger auf seine Seite ziehen, entweder man outet sich als Verteufler oder als Glücksverkünder. Und damit wären wir jetzt endgültig bei der Analyse, ob wir es bald mit einer Art „Facebook-Bank“ zu tun haben werden. 

Inhaltlich bereits beleuchtet hat der Blicklog diese durchaus spannende Diskussion, bei der man freilich wie oben skizziert um eine „billige“ Schwarz-Weiß-Sicht der (Geschäfts)Welt herum navigieren muss.

http://www.blicklog.com/2010/03/25/wie-facebook-mit-banking-2-0-die-finanzbranche-aufmischen-knnte/

Wie die „Facebook-Bank“ aussehen soll, das beleuchtet ein Beitrag auf dem amerikanischen Experten-Portal Finextra:

http://www.finextra.com/news/fullstory.aspx?newsitemid=21187

Ein Zitat daraus bringt die These von Thomas Power, CEO der Online Business Network ecademy, auf den Punkt:

Facebook is already looking to create its own currency with the launch of Facebook credits. But Power says the real opportunity may lie in the peer-to-peer lending model adopted by companies such as Zopa in the UK, and Prosper in the US.

Quelle: Finextra

Der Autor von der amerikanischen ecademy hat übrigens kürzlich dazu ein ganz aufschlussreiches Video bei Youtube eingestellt, das man sich durchaus ansehen sollte:

Fazit: Ich sehe die szenarioartige Entwicklung zur „virtuellen Facebook-Bank“ eher in der salomonischen Mitte. Keine Angst, ich drücke mich nicht um das Thema herum. Aber es ist wie bei der Diskussion ganz oben. Das Internet ist weder ein Heilsbringer, aber es ist auch nicht nur ein ausschließlicher Müllplatz für negative soziale Obsessionen. Für mich bietet das Netz mehr Chancen als Risiken, und ich habe Lust es produktiv zu nutzen, und nicht, wie andere Medienikonen um Aufmerksamkeit zu heischen, statt auf den Innovationszug aufzuspringen.

Es ist eine ziemliche Zeitverschwendung von intelligenten Menschen, andauernd darüber zu sinnieren, ob das Glas halb leer oder halb voll ist. Wie wäre es, ein bisschen klares Wasser nachzuschenken, damit das Glas weiter gefüllt wird? Für Karrieristen wäre dies sicher ein zu harter Schnitt in der persönlichen Biographie.

Ich konzentriere mich derweil auf das Sinnvolle und Nützliche, statt irreführender Grundsatzdiskussionen, bei denen zwei unterschiedliche Lager ihre Anhänger – wie bei einer Sekte – nur um und hinter sich versammeln möchten.

Insofern also wage ich folgende These zur „Facebook-Bank“: Sie wird kommen, aber anders als sich dies viele denken, es muss nicht der Plattformbetreiber selbst an der Speerspitze dieser Entwicklung stehen und die Regie führen.

Es bildet sich derzeit ein eigener Mikrokosmos an teils hoch spezialisierten finanziellen „sozialen“ Netzwerken, die sich zu einem größeren Mosaik formieren. Der Innovationszug zur Bank 2.0 muss nicht über die virtuelle Drehscheibe Facebook laufen, kann aber auch durchaus ein bereicherndes Element in einer Vielzahl von intelligenten Verknüpfungen darstellen.

Oder anders ausgedrückt: Die Musik spielt zunächst vor allem auf den Peer-to-Peer-Plattformen im Social Banking und Social Lending. Sie sind die Vorreiter eines neuen Umgangs mit dem Geld, den erst das Internet möglich macht. 

Finanzinstitute mit einer neuen Kundenphilosophie werden ihnen folgen. Klassische Banken werden später nachziehen. Irgendwann können Transaktionen oder die Kommunikation auch direkt über ein breit aufgestelltes Netzwerk wie eben Facebook erfolgen.

Dirk Elsner vom Blicklog sieht die Sache wie folgt:

Die Anbindung von Fremdapplikationen müsste dann ja auch möglich sein, wenn die Schnittstellen entsprechend definiert und beschrieben sind. Das klappt ja auch beim herkömmlichen Onlinebanking. Warum soll das bei Facebook, Fidor nicht möglich sein? Bei Fidor (Amerkung: www.fidor.de) wird natürlich auch mit TANs gearbeitet. Die bekommt man auf sein Handy zusgesendet. 

Fazit: Es bzw. Bankfunktionen über soziale Netzwerke sind also eine durchaus konsequente Entwicklung, die sich aus der Netzkultur heraus entwickeln werden. Nicht mehr und nicht weniger. Freuen wir uns doch auf diese Weiterentwicklung und gestalten wir sie aktiv mit, statt nur billiges Netzwerk-Bashing zu betreiben, und sich nur an den Schwächen anderer zu laben.

 

Kurzum: Für das Internet-Bashing von sozialen (finanziellen) Netzwerken ist genauso wenig Platz wie für die übersteigerte Glorifizierung des Internets als „soziales“ Kommunikationsmittel, das natürlich soziale Hierarchien und Machtgefälle nicht selbstredend wird abschaffen können. Das aber ist nun wirklich keine große Neuigkeit.

 

Aber es wird aufgrund der vielen Möglichkeiten zur Partizipation und Transparenz für zahlreiche Monopolisten ungemütlicher, völlig ungestört von der Weltöffentlichkeit ihre Deals hinter verschlossenen exklusiven Türen zu machen. Und das ist doch eine gute Nachricht, oder?

 

Um den Reigen in der Argumentationskette nochmals zu schließen, abschließend nochmals ein Zitat von Peter Kruse (weiß nicht, ob das Original von ihm stammt), das mir über Twitter passenderweise in die Hände gefallen ist:

 

„Je weniger der Jäger noch vom Verhalten des Wildes versteht, desto wichtiger wird ihm die Wahl seines Hochsitzes.“

 

Wie wär’s, wenn wir vom ausschließlichen Jagdinstinkt, der darauf basiert, andere kleinzureden, statt mit den eigenen Stärken und denen anderer produktiv zu arbeiten, zum kreativen Landschaftsgärtnern übergingen? Soziale (finanzielle) Netzwerke können und werden dazu jedenfalls ihren Beitrag leisten, trotz gewisser menschlicher Unzulänglichkeiten.  

 

 

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Written by lochmaier

März 28, 2010 um 11:51 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

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