Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Ing-Diba Chef Ben Tellings: Facebook und Co. taugen nicht für Finanzgeschäfte – und zweifelt an Seriösität von Peer-to-Peer-Banking und Social Lending – Smava und Fidor widersprechen vehement

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Im ausführlichen Interview mit Ben Tellings, dem Vorstandsvorsitzenden der größten deutschen Direktbank (ca. 6 Mio. Kunden), werden die Grenzziehungen und Gräben zu den sozialen Netzwerken doch ziemlich deutlich. Das ganze durchaus spannende Interview habe ich auf Heise Telepolis publiziert, es kann hier nachgelesen werden:

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32200/1.html

> So manchen Aussagen in dem Interview mit Blick auf die Banken kann man einerseits durchaus zustimmen. Auch ist es sicherlich kein einfaches Unterfangen, über ein soziales Netzwerk seine Bankgeschäfte und die Vermögensverwaltung zu erledigen, allein schon aus Sicherheitsgründen, was ich etwa in einem früheren Eintrag beleuchtet habe.

Aber: Das muss im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass soziale Netzwerke zur Bedeutungslosigkeit für die Bankenszene verdammt sind. Im Gegenteil. Denn dazu gibt es ja mittlerweile spezialisierte Dienstleister und Plattformen auf dem Markt, wie Smava (Kreditvergabe bzw. Social Lending) oder Fidor (Geldanlage über Community Banking).

Und genau mit jenen geht der Chef der Ing-Diba ziemlich hart ins Gericht. Ein Auszug aus meinem Beitrag auf Heise Telepolis:

Wie stufen Sie die wirtschaftlichen Perspektiven von „sozialen“ Kredit- und Geldanlagegemeinschaften bzw. finanziellen Netzwerken ein – in Deutschland gibt es etwa Smava für die Kreditvergabe, oder Fidor für das Community Banking. Dort übernehmen quasi die Nutzer selbst in einer Art graduellem Outsourcing-Modell die Regie, und die Bank bzw. ein IT-Dienstleister sind „nur“ für den Part der Interessenmoderation zuständig. Bleiben derartige Plattformen im Netz eher eine Randerscheinung, oder haben sie gerade infolge des großen Vertrauensverlustes, dem die etablierte Szene nach wie vor unterworfen ist, eine größere Wachstumsperspektive vor sich?

Die Privatkredit-Börsen werden in ihrer Nische sicherlich Erfolg haben, aber eine Randerscheinung bleiben. Denn wer in diesem Markt als Anleger aktiv werden will, muss sich über den spekulativen Charakter des Investments im Klaren sein. Wer bereit ist, über Online-Kreditplattformen 15 Prozent oder noch mehr Jahreszins zu bezahlen, wird nicht selten von seiner Hausbank mangels Kreditwürdigkeit schon eine Ablehnung seines Kreditantrags erhalten haben.

Ein bisschen verwundert  diese doch recht klare Aussage schon. Und man kann und sollte dies nicht unkommentiert stehen lassen. Ich habe deshalb ein Statement der beiden angesprochenen Firmenchefs von Fidor bzw. Smava eingeholt, um die von der Ing-Diba aufgeworfene Frage für die Leser von Social Banking 2.0 gleich exklusiv zu beantworten.

Die Leitfrage:  Sind soziale Kreditbörsen und das Community Banking tatsächlich nur was für Kunden, die woanders nicht zum Zuge kommen, also letztlich unseriöse Leute? Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Innovationsstrategie der Direktbanken in Abgrenzung zu den sozialen Netzwerken und Social Media ganz aufgeht.

Sicherlich sind finanzielle soziale Netzwerke kein Selbstläufer, so wie es vor einem Jahrzehnt den Direktbanken quasi Hand streich artig gelang, mit ihren innovativen Services zum Online-Banking die Welt der Banken doch erheblich durcheinander zu wirbeln. Auch diese Herausforderung nahmen die Traditionalisten anfangs nicht ernst.

Sind jetzt die Direktbanken die neuen Traditionalisten? Denn es stellt sich die Frage: Rollt jetzt eine neue Innovationswelle auch über die reinen Internet-Dienstleister hinweg, die keinen „sozialen“ und kommunikativen Mehrwert in der interaktiven Kundenbetreuung bieten? Sind Direktbanken künftig „sexy“ genug, so dass sie ihre Marktanteile halten, vielleicht sogar ausbauen?

Hier nun die Antworten von Matthias Kröner, Geschäftsführer der Fidor Bank AG, sowie von Alexander Artopé, Geschäftsführer von Smava.

Zunaechst bewertet Alexander Artope von Smava die Aussagen von Ben Tellings:

Artope: Klar ist, dass smava gegenwärtig hinsichtlich der Volumina noch nicht mit einer größeren Bank gleichzusetzen ist. Dennoch sind wir zuversichtlich, dass smava für jeden Kreditnehmer in Deutschland eine Alternative zum klassischen Bankkredit sein wird. Zwei Dinge sprechen dafür: immer mehr Menschen nehmen online einen Kredit auf. Und immer mehr Menschen interessieren sich dafür, mit WEM und WIE sie ihre Geldgeschäfte tätigen. Dabei gewinnen Angebote wie smava oder Fidor, weil sie Selbstbestimmung und Transparenz ermöglichen.

Sind soziale Kreditbörsen (Zinswucher) bzw. Community Banking (spekulative Investments) tatsächlich nur was für Kunden, die woanders wie bei der Hausbank nicht zum Zuge kommen, also letztlich für unseriöse Leute?

Artope: smava wird auf den ersten Blick manchmal mit einer Plattform verwechselt, die nur Kreditnehmern schlechter Bonität ein Angebot bietet. Das ist mitnichten der Fall. Wer ist denn bei smava? Erstens alle Personen mit guter und mittlerer Bonität, die einen einfachen Online-Kredit wollen. Zweitens Kreditnehmer, die bei Banken häufig durch die klassischen Zielgruppenraster fallen. Hier sind insbesondere Selbständige zu nennen. Drittens Leute, die Geldgeschäfte gerne direkt, transparent und selbstbestimmt tätigen. Die Fakten bestätigen dies: im Februar 2010 war der effektive Durchschnittszins bei smava rund 9,1%, d.h. 7,8% nominal (60 Monate Laufzeit).

Oder anders gefragt: Verändert sich auch die Welt des Online- und Mobile Bankings durch Community Banking und Social Lending?

Artope: Ja, mit Sicherheit.Social Lending wird häufig auf Anbieter wie Kiva, smava oder ZOPA bezogen, obwohl diese sehr unterschiedlich sind. Was sind die Gemeinsamkeiten? Transparenz und Selbstbestimmung. Konkret: in beiden Modellen treten Kreditnehmern nicht als Bittsteller auf, sondern sind gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe. Ebenso können Anleger selbst transparent entscheiden, wem sie ihr Geld geben und wofür. Was sind die Unterschiede? Kiva ist non-profit, smava und ZOPA sind for-profit. „Sozial“ nennt man for-Profit Modelle wie smava aber auch, weil sie zusätzlich zur finanziellen Rendite eine soziale Rendite bieten. Konkret unterstützt man andere Menschen bei der Umsetzung eines Projektes. Häufig sogar Themen, die einem selbst wichtig sind. Teilweise gibt es dazu noch ein persönliches Dankeschön vom Kreditnehmer. Da dies immer mehr Menschen wichtig ist, wird selbst im for-profit Bereich Social Lending eine immer größere Rolle spielen.

Und hier gibt Matthias Kroener von Fidor sein Statement zu den Aussagen der Ing-Diba ab:

Kroener: Es mag ein Teil der Wahrheit sein, dass diese spezifischen Kunden bei einer Bank kein Geld bekommen. Manches mal aus nachvollziehbaren Gründen. Manches Mal aus weniger nachvollziehbaren Gründen – was wiederum eine Diskussion für sich wäre. Es wird der Sache jedoch nicht gerecht, eine derartige Innovation rein auf das Produkt-faktische und die Diskussion der Kreditwürdigkeit zu reduzieren.

Vielmehr steckt auch eine Verhaltensveränderung dahinter. Es gibt Menschen in unserem Land, die einfach nicht mehr mit einer Bank reden wollen, aus vielerlei Gründen. Man braucht hierzu nur einen Blick in die Medien werfen.

Die Aufgabe von Finanzdienstleistern ist es, das Vertrauen der Bürger wieder zurück zu gewinnen. Über welchen Weg dies nun geht, ist ja jedem Konzept selbst überlassen. Manche Konzepte, wie eben SMAVA und FIDOR haben sich für Transparenz und Kundenintegration entschieden.

Abgesehen davon wage ich folgende These aufzustellen: Ich sehe es eigentlich in der Verantwortung eines Finanzdienstleisters, sich Gedanken zu Produkten und Dienstleistungen zu machen, die auch und vor allen Dingen finanzschwächere Kundengruppen ansprechen, Da wäre mal Innovation gefragt -. Statt nur zu sagen: Ist nichts, machen wir nicht, haben wir noch nie gemacht.

Sind soziale Kreditbörsen (Zinswucher) bzw. Community Banking (spekulative Investments) tatsächlich nur was für Kunden, die woanders wie bei der Hausbank nicht zum Zuge kommen, also letztlich für unseriöse Leute?

Kroener: Das ist natürlich eine starke Verkürzung des faktisch Geschehenden und läßt ahnen, wie weit die Banken vom web 2.0 und damit vom Kunden weg sind. Es erinnert mich sehr stark an die Aussagen eines Frankfurer Privatkundenvorstands, als wir 1994 die DAB gegründet haben: „Dafür ist der deutsche Kunde nicht reif“. Ich denke, das sollte man auch den Kunden selbst überlassen. Und dann sollte man uns z.b. die Zeit geben, die Vision, die Idee erst einmal vernünftig umzusetzen und in den Markt zu bringen.

Aus Sicht der FIDOR BANK kann ich sagen, dass gegenwärtig vielleicht 10% von dem sichtbar sind, was wir uns als „finales“ Bild einer FIDOR BANK selbst skizziert haben. Und diese Skizze wird immer größer, denn nun diskutieren unsere User und Kunden mit! Und diese Leute haben Lust darauf, Finanzdienstleistung mitzugestalten. Ob das ein Zeichnen einer schlechten Kreditwürdigkeit ist, wage ich zu bezweifeln.

Rollt jetzt eine neue Innovationswelle auch über die reinen Internet-Dienstleister (Online Banking) hinweg, die keinen Mehrwert in der interaktiven Kundenkommunikation und -betreuung bieten?

Kroener: Nein auf keinen Fall. Ich kann allen Entscheidungsträgern nur empfehlen, unbedingt bei den bisherigen Ansätzen zu bleiben.

Oder anders gefragt: Verändert sich auch die Welt des Online- und Mobile Bankings durch Community Banking und Social Lending?

Kroener: Nun, mir wurde einmal mitgeteilt, dass 2/3 des Internet Contents mittlerweile user created sind –  auf das gesamte Internet bezogen. Im Rahmen der Finanzdienstleistung sind es keine 5%. Was fällt uns daran auf? Nachdem Amazon-Kunden auch Bankkunden sind, nachdem Holiday-Check-User auch Bankkunden sind, nachdem Ebay-Nutzer auch (noch) Bankkunden sind, nachdem Facebook User auch (noch) Bankkunden sind, nachdem wir das alles wissen, was macht uns als Banker so hoffnungsfroh, dass web 2.0 und all seine Konsequenzen die Finanzdienstleistung „verschonen“ wird? Was läßt uns glauben, dass der User, der auf allen anderen Internet-Angeboten und Seiten gewisse (web 2.0) Verhaltensweisen ausübt, diese Verhaltensweisen an der Tür zu seiner Bank ablegt und sich ausgerechnet dort ad infinitum mit einem „gestrigen“ Kommunikationsansatz zufrieden gibt?

————-

> Soweit die Originalkommentare der Betroffenen von Smava und Fidor. Die Diskussion wird anhalten, welchen Stellenwert Social Media in unserer Wirtschaft und Gesellschaft spielt.

Im übrigen verweise ich nochmals auf meinen längeren Beitrag zum Thema „Warum Direktbanken das soziale Internet verschlafen„:

https://lochmaier.wordpress.com/2009/11/18/social-media-warum-direktbanken-das-soziale-internet-verschlafen/

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Written by lochmaier

März 11, 2010 um 7:37 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

3 Antworten

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  1. […] Portion Arroganz des Establishments. Lothar Lochmaier, der das Interview führte, holte in seinem Blog ergänzende Aussagen von Matthias Kröner, Geschäftsführer der Fidor Bank AG, sowie von Alexander Artopé, […]

  2. […] AG des Magazins Telepolis am 11.3.10 deutlich. Ergänzend dazu auch eine Kommentierung durch den Blog Social Banking 2.0, der dazu Stellungnahme der Fidor Bank AG und Smava eingeholt […]

  3. […] von Peer-to-Peer-Banking und Social Lending – Smava und Fidor widersprechen vehement   Quelle: Social Banking 2.0 am 11. März 2010.    Teilen Sie dies mit:TwitterFacebookLinkedInGefällt mir:LikeSei der Erste, […]


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