Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Noa Bank und die Medien: Sie küssten und sie schlugen ihn

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Wer den Filmklassiker von Francois Truffaut aus dem Jahr 1959 gesehen hat: Sie küssten und sie schlugen ihn, der sieht sich mit einem interessanten Plot konfrontiert. Der 14-jährige Antoine wird von seiner Umwelt als »schwieriges« Kind beurteilt. In der beklemmenden Enge der elterlichen Wohnung sieht sich Antoine mit einem schwächlichen Vater und einer verständnislosen Mutter konfrontiert.

So ähnlich, gehasst und von den Medien gleichzeitig geliebt zu sein, ergeht es derzeit wohl Francois Jozic, dem Gründer der Noa Bank. Er ist mittlerweile, auch aufgrund einer clever aufgesetzten Werbekampagne zu dem im November gegründeten neuen Institut (Social Banking 2.0 berichtete hier) von den Wirtschaftsmedien akzeptiert, ja sogar als kreatives Unruheelement geliebt.

Das Handelsblatt und andere Leitmedien haben ihn längst akzeptiert, die guten Konditionen für Tages- und Festgelder haben ihr übriges getan.  

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass „David jetzt gegen Goliath in die Offensive“ geht, um aus seiner Sicht unberechtigte Vorwürfe, die das Geschäftsgebahren der Noa Bank betreffen, aus dem Weg zu räumen, nachzulesen heute auf dem Weblog der „anderen Bank“: 

http://www.anderebank.de/blog/artikel/goliath-versucht-david-zu-toeten-teil-1/

Dazu ein Kommentar von Social Banking 2.0: Ich hatte selbst in jüngster Zeit eine schwierige Gratwanderung zu bewältigen, einerseits kritisch über die Vorgeschichte der Noa Bank zu berichten, worüber ich in zahlreichen Blogeinträgen berichtet habe. Ich bin nicht blind, auch mich haben einige Unklarheiten irritiert.

Andererseits, und das ist wieder die Kehrseite der Medaille, entspricht es nicht meiner  Arbeitsweise und meiner journalistischen Ethik, ohne jegliche konkreten Befunde eine Vorabverurteilung der Noa Bank als unseriöse Bank auszusprechen. Der WDR ist auch an mich heran getreten, weil ich in meinem Blog diverse kritische Einträge zur Noa Bank verfasst hatte.

Meiner Sorgfaltspflicht bin ich nach gekommen, und habe alle Fakten, die mir selbst zur Noa Bank bekannt waren, und die ich via Netz recherchieren konnte, an die Leser von Social Banking 2.0 weiter gereicht. Nicht mehr und nicht weniger. Eine Kommentierung zum aktuellen Geschäftsgebahren der Noa Bank kann und will ich allerdings nicht abgeben. Mir fehlen dazu die Informationen, um dies seriös und fundiert zu bewerten.

Man hätte mich ebenso gut zu einer anderen deutschen Großbank befragen können, und wenn ich hier nichts Stichhaltiges habe, werde ich dazu keinen Kommentar abgeben. Dem WDR hatte ich übrigens selbstverständlich angeboten, auf meinem Weblog eine Stellungnahme zu den Vorwürfen abzugeben, die der Noa Bank Gründer Francois Jozic seinerseits in den Raum gestellt hat (Cocktail der Manipulationen, wenig unabhängige Journalisten).  

Ansonsten regte ich jedoch an, sich intensiver in einer fundierten Reportage mit dem Status Quo und den Zukunftsperspektiven der Finanzindustrie und dem Social Banking auseinander zu setzen. Das wäre ein spannender Job, den bisher keiner erledigt hat. Das ist viel harte, akribische Detailarbeit.

Ich muss gestehen: Ich mag die vielen tollen Bilderfluten, denen der Magazinjournalismus im Fernsehen sich heute unterwirft, nicht besonders. Alles putscht die Emotionen hoch, meist bleibt der Zuseher dann allein zurück. Ich respektiere die Arbeit von Journalisten, auch jene vom WDR, die sicherlich nicht einfach ist.

Es müssen aber neue Wege her, jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei. Weder bringt uns reines „Bankenbashing“ gegen die Arrivierten weiter, da dies nur ablenkt von den konkreten Lösungsoptionen. Man sollte jedoch die kritischen Punkte deutlich ansprechen, um das alte Bankensystem, das sich zu weit von der Realwirtschaft weg bewegt hat, nicht zu rechtfertigen.

Und um den Kreis zwischen den Polen, sie küssten und sie schlugen ihn, noch weiter zu schließen, sollte man neue Ansätze aus dem Social Banking weder glorifizieren, noch vorschnell verdammen. Die Zeit ist aber definitiv gekommen, für konstruktive neue Wege in der Bankenlandschaft.

Das Vertrauen ist dahin, und wir alle sind gefordert, an einem besseren Geldfluss mitzuarbeiten, der die Menschen und die produktive Arbeitskraft in den Mittelpunkt stellt.

Wenn wir weiter machen wie bisher, werden die virtuellen spekulativen Geldströme jenseits der realen Wertschöpfung unsere Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig erodieren lassen, ja vielleicht sogar den Zusammenhalt in der Mittelschicht, die die Hauptlasten zu tragen hat, zerstören.

Social Banking ist ein Hoffnungsträger, und solange nicht erwiesen ist, dass einer der Spieler, und das gilt für alle, nicht vorsätzlich gegen Gesetze verstoßen hat, gibt es keinen Grund, eine endgültige negative Bewertung vorzunehmen.

Ich war in Deutschland übrigens der erste Kommentator, der sich im vergangenen Herbst mit der Noa Bank auseinander gesetzt hat, und das sehr kritisch. Das Geschäftsmodell, das damals auf der Webseite präsent war, fiel mir durch den Tipp eines Experten auf. Daraufhin habe ich es durchleuchtet, und viele kritische Anmerkungen dazu gemacht. Vieles dort Präsente schien mir damals hektisch und undurchsichtig gemacht.

Kurz darauf suchte Francois Jozic, der Gründer der Noa Bank, das Gespräch mit mir, und ich berichtete über die Argumente, die wir ausgetauscht haben, öffentlich. Ich sah mich einem engagierten Diskutanten gegenüber sitzen, der leidenschaftlich für seine Sache und die Noa Bank eintritt. Der Gründer erläuterte mir, er habe – wie hoffentlich jeder von uns – durch die Finanzkrise viel gelernt. Sie hat uns tatsächlich alle an den Rand des Abgrunds gebracht. Und es gibt keine Garantie, dass sich dies nicht wiederholen könnte. 

Wo also stehen wir? Zunächst einmal gibt es vielerorts eine Sympathie für neue Modelle, wie dasjenige der Noa Bank, den Ökobanken, oder einer Smava und Fidor, die die Welt mit der Peer-to-Peer basierten Kreditvergabe und Vermögensverwaltung bereichern. 

Das von der Noa Bank verfolgte Geschäftsmodell beschreibt Jozic wie folgt: Jenseits von Spekulation die Kundeneinlagen seriös verwalten, und Kredite an die Realwirtschaft, das heißt an die klein- und mittelständischen Unternehmen ausreichen. An diesen Zielen muss sie sich jetzt messen lassen. 

Genau das wäre tatsächlich die Aufgabe von Banken, sich als Dienstleister der Wirtschaft und Gesellschaft zu verstehen. Dafür dürfen auch Gewinne erwirtschaftet werden, wenn sie nicht nur exklusiv in den Taschen einiger weniger Spieler landen.    

Ich selbst lasse mich von keiner Seite vereinnahmen, weder von den klassischen Medien, noch von einer Bank. Ich sehe meine Aufgabe in diesem Weblog darin, möglichst neutral und jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei über die alte und neue Bankenszene zu berichten. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, der ich mich jeden Tag aufs neue stelle.

Es motiviert mich, nicht die ausgetrampelten Pfade anderer zu benutzen, und auch an der Neuerfindung des „Bankenjournalismus 2.0“ mitzuarbeiten.

Viele positive Kommentare haben mich in den vergangenen Monaten motiviert, in dieser Aufgabe fortzufahren. Es gab auch kritische Stimmen, manchmal hatte ich das Gefühl aufgeben zu sollen, und mich wieder in den Strom der unauffälligen Masse einzureihen, wo es bequemer ist, weil man nirgendwo aneckt. Das aber wäre vergeudete Lebenszeit. Ich will mich nicht mit mir selbst langweilen.

Mittlerweile ist mein Buch zum Social Banking fertig.  Dieses Weblog hat dazu beigetragen, dass ich viel gesendet und noch mehr Signale empfangen habe. Es war ein vielschichtiger Chor, viele Stimmen, die mich erreichten, und aus denen ich das aus meiner Sicht wichtige Material  zu selektieren hatte. Die Aufgabe hat gerade erst angefangen. Sie ist spannend, wenn man bereit ist, sich auf die zahlreichen Unwägbarkeiten einzulassen.

Es gibt keine Helden und keine Sündenböcke, das wäre zu einfach. Ich weiß, wie jeder andere auch nicht, wie sich die Geschicke der Noa Bank entwickeln werden. Sie wird unter Beweis stellen müssen, dass sie seriös arbeitet. Sie wird sich mit neuen und alten Vorwürfen konfrontiert sehen. Ich selbst möchte daran glauben, dass alternative Wege in der Finanzwirtschaft, die das Etikett Social Banking zurecht tragen, möglich sind.

Oder einfacher formuliert: Nicht jeder Mensch, der Visionen hat, sollte gleich zum Arzt gehen. Hier deshalb abschließend einige Originalszenen des Films von Francois Truffaut: „Sie küssten und sie schlugen ihn“:

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Written by lochmaier

März 5, 2010 um 10:21 am

Veröffentlicht in Uncategorized

4 Antworten

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  1. […] wohl auch intensiv recherchiert über die noa-Bank. Darüber berichtet jedenfalls Lothar Lochmaier in seinem Blog. Der WDR weiß, dass Lochmaier selbst recherchiert hatte und wollte nun von ihm Informationen […]

  2. […] ihn, so wird die Beziehung von Francois Jozic die nächste Zeit zu den Medien aussehen, wie ich hier bereits beleuchtet […]

  3. […] Inneneinsichten: Ich berichtete bereits in einem früheren Weblog-Eintrag darüber, dass mich der Westdeutsche Rundfunk (WDR) vor einigen Wochen informell um eine Art […]


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