Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Smava und der „Schröder-Cohiba-Effekt“: Warum der Wettbewerb Best Finance Weblog 2010 zur Farce gerät

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Recht kritisch ins Gericht mit der von Smava zelebrierten Preisverleihung zum Best Finance Weblog 2010 geht das Weblog Börsenpoint – darin kritisiert der Autor das Verfahren als „Lüge“:

http://www.boersenpoint.de/blog/die-smava-luge/

[Update: Dieser Link ist derzeit inaktiv, da der Autor den Beitrag überarbeitet.]

Das ist sicherlich etwas plakativ und überspitzt ausgedrückt, aber in der Sache durchaus diskussionswürdig. Es geht mir dabei nicht ums Polarisieren, sondern um einen für alle Beteiligten notwendigen Dialog und Aufarbeitung, und zwar jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei.

Fangen wir also an, mit der Analyse einer PR-Kampagne an, deren strategisches Design vor vorne herein zu kurzsichtig angelegt war. Die von mir geschätzte Plattform Smava, die auch im internationalen Maßstab zu den Vorreitern beim Social Lending gehört – weil sie seriös und sehr umsichtig agiert – ist hier eindeutig dem „Schröder-Cohiba-Effekt“ verfallen.

Wir erinnern uns: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder kam von ganz unten, aus einfachen Verhältnissen – und hat es doch aus eigener Kraft bis ganz nach oben geschafft. Dann hatte er nach seiner Wahl im Jahr 1998 plötzlich vergessen, woher er kam. Er zündete eine kubanische Zigarre an, wie weiland Fidel Castro, als er noch gesund war und rauchen durfte. Übrigens, mir schmecken die Cohibas auch. Aber darum geht es gerade nicht.

Dann gewandete sich unser Ex-Bundeskanzler stolz in „Brioni-Anzüge“, und jedem aus der hart arbeitenden SPD-Basis dämmerte es: Hier hat sich jemand mental von der real existierenden Wirtschaft und Gesellschaft verabschiedet, und sich in eine embryonale Elite, die eigenen Spielregeln folgt, zurück gezogen, oder besser: Über die breite Masse gestellt.

Das Ergebnis der folgenden Regierungsjahre ist bekannt, schlechtes Handwerk und geistige Verirrungen. Die beste Steilvorlage der SPD ins eigene Abseits bestand darin, die Lebensleistung von hart arbeitenden Menschen derart zu entwerten, die fortan infolge der Hartz-4-Reformen bereits nach einem Jahr ins soziale Abseits katapultiert wurden. 

Schröder indes zündete die nächste Cohiba an, und sagte uns allen, das sei notwendig, um noch härtere soziale Einschnitte zu vermeiden. Wir glaubten das, die Globalisierung, Konkurrenzdruck, wir müssen den Gürtel alle enger schnallen. Manche vielleicht etwas zu eng?

Was im privaten Bereich durchaus zulässig ist, nämlich genüsslich eine Cohiba zu rauchen und das Leben zu genießen, sollte man nicht zum Maßstab für die eigene Amtsführung machen. Man oder frau sollte aber immer noch mitkriegen, woher er bzw. sie kommt. Und damit leite ich meine Analogie wieder zu Smava über.

Die Plattform ist im vergangenen Jahr dynamisch gewachsen. Immer mehr Menschen vertrauen sich nicht nur gegenseitig, indem sie sich Kredite über ein „soziales“ Internetportal vergeben. Das sind bislang schon deutlich mehr als 20 Millionen Euro.

Die „Webcommunity“ vertraut zu Recht auch auf Smava, so dass die Betreiber das Moderieren des Interessenausgleichs zwischen der Bank dahinter, den Kreditnehmern und den Darlehensgebern seriös und erfolgreich bewältigen. Das hat, wie wir alle wissen, bislang ausgesprochen gut funktioniert.

Die Stiftung Warentest hat Smava mehrfach als einzig seriösen Anbieter in Deutschland ausgezeichnet. Jetzt beginnt der Schröder-Cohiba-Effekt. Das Geschäft brummt, die Öffentlichkeitsarbeit übernimmt eine PR-Agentur. Aber man beginnt plötzlich in der operativen Hektik nicht mehr aufs Detail zu achten, man schaut nicht mehr so intensiv nach links und rechts, wird etwas betriebsblind.

Jeder kennt das vielleicht aus seinem eigenen Leben. Meist müssen einen dann andere Menschen wieder etwas auf den Boden der Realität zurück holen.

Längst wird das Ganze zum Selbstläufer, denn plötzlich interessieren sich nicht nur ein paar lose vernetzte und letztlich in der „Masse“ der verteilten webbasierten Aufmerksamkeitsökonomie „unbedeutende Blogger“ für einen. Die Lunte gerochen haben jetzt vor allem die klassischen Medien.

Die Folge: Der virale Effekt wird strategisch unbedeutend, die Community rückt aus dem Blickfeld. Bild, Handelsblatt und andere „Platzhirsche“ berichten regelmäßig über Smava. Das Fernsehen von ARD bis ZDF setzt die Smava-Kreditnehmer und Darlehensgeber eindrucksvoll in Szene. Die Werbemaschinerie läuft wie geschmiert. Warum noch auf Social Media setzen, wenn man es nicht mehr braucht?

Wir ahnen es: Smava hat die Mitte der Wirtschaft erreicht. Die Plattform wird weiter wachsen, überall gibt es Werbebanner und Links im Netz, man bzw. frau kommt gar nicht mehr darum herum, auf Smava aufmerksam zu werden. Wozu braucht man da noch Finance-Blogger? Genau, man braucht sie spätestens hier und heute gar nicht mehr, und genau darin liegt die Tragik des diesjährigen Preises zum „Best, oder sollen wir sagen worst Finance Weblog 2010“.

Man hat anderes zu tun, keine Zeit mehr zum Nachdenken, am Puls der Community zu sein, so wie Schröder sich kaum mehr dafür interessiert hat, was andere etwa an der „Basis“ über ihn denken. Er hat abgehoben, andere werden abgeschoben oder ignoriert. Oder noch besser: Elegant vereinnahmt und überrumpelt.

Ganz so schlimm ist es bei Smava nicht, werden mir jetzt einige beschwichtigende Zeitgenossen entgegen halten. Mag sein – wir sollten das nicht zu hoch hängen – aber: Haben Sie schon mal einen Blick in den regelmäßig aktualisierten Pressespiegel bei Smava geworfen.

Da steht:

1. Smava in der Presse

2. Smava im Fernsehen 

3. Smava in den Blogs

Ist Ihnen auch ein winziges, klitze-kleines Detail aufgefallen? Genau, die ersten zwei natürlich nur zufällig qualitativ weiter oben gewichteten Gruppen werden regelmäßig aktualisiert. Die Präsenz von Smava in den Blogs hingegen, sie wird nur noch ab und an auf den neuesten Stand gebracht. We don’t need Wäbtoopointzero anymore.

Und das, obwohl gerade in der Blogosphäre immer noch ziemlich viel über Smava geschrieben wird. Aber man bzw. den PR-Strategen reicht es jetzt, sich nur noch die Rosinen in der exklusiven Berichterstattung rauszupicken.

Die PR-Mappe, sie wird jetzt in rot-gold-schwarz verpackt, und sie schimmert wie eine Hochglanzbroschüre. Das kennen wir von den großen Banken, wenn der Geschäftsbericht mal wieder veröffentlicht wird. Da basteln viele dran herum. Eindrucksvolle und vor allem teure Fotos und Imagegraphiken sind enthalten.  

Zurück zu Smava: Gerade mal ein Eintrag steht unter der Presserubrik Blogosphäre seit dem 25.05.09 zu Buche: Oh ja – wir drehen das große Rad, denn immerhin in „TechCrunch“ wurde Smava erwähnt, das kann man bringen, das ist ebenso viel wert wie das ZDF, ARD – oder eine Erwähnung im Handelsblatt. 

Wo aber bleiben die deutschen Blogs? Man hat sie vom Radar der Aufmerksamkeit genommen, man freut sich, dass sie berichten, sicher, aber es ist ja schon normal. Ich persönlich bin nicht empfindlich, man muss mich nicht zitieren, darum geht es nicht: Aber bemerkenswert ist diese Freud’sche Fehlleistung schon.

Diejenigen, denen man das eigene unternehmerische Wachstum zu verdanken hat, sind plötzlich nur noch als illustre Zaungäste geladen. Die Häppchen essen andere.

Kurzum: Ein Eintrag in den letzten neun Monaten, seit Jahresbeginn gar keiner mehr unter der „Presserubrik Blogs“ – Und damit sind wir jetzt endgültig beim Preis „Best Finance Weblog 2010“ angekommen, es sollte eine möglichst billige, aber gleichwohl doch ziemlich effektive PR-Aktion für Smava werden, nicht mehr und nicht weniger.

Mission accomplished – kann man jetzt nur sagen. Die Strategie ging auf, hat aber den Wettbewerb ins digitale Nirwana geschossen. Er war schlicht überheblich angelegt, lässt sich beliebig manipulieren, wobei einige gravierende „handwerkliche“ Fehler, die ich bereits ausführlich beschrieben   habe, das Drehmoment ins Abseits noch beschleunigen. 

Erste Verbesserungsvorschläge liegen auf dem Tisch, ich hätte noch viel mehr als diejenigen, die ich bereits gemacht habe. 

Aber ich will nicht zu viel ehrenamtliche Aufbauarbeit leisten, wie man Social Media auch dann nicht vergisst, wenn einem der Erfolg wie ein Selbstläufer um die Nase weht.

So wie es sich jetzt darstellt, nimmt die Inszenierung allenfalls den Status einer Provinzposse an. Welchen Schluss ziehe ich daraus? Einen ziemlich klaren. Ich werde mich nicht an der Abstimmung beteiligen, und möchte auch nicht, dass andere für mich stimmen. Ähnlich hat sich bereits der ebenfalls nominierte Blog „Finanztrader“ geäußert und Smava aufgefordert, das Votum einzustellen.

Gibt es eine andere, vielleicht klügere salomonische Lösung für die Beteiligten? Vielleicht ja. So könnten wir uns alle ohne allzu großen Gesichtsverlust einigermaßen intelligent aus der Affäre ziehen: 

Ich schlage also stattdessen vor, dass der Gewinner – oder möglicherweise sogar (die ziemlich wahrscheinliche vielleicht nicht ganz so verdiente) Gewinnerin, den ersten Preis für die Romreise an eine seriöse karitative Organisation spendet, zum Beispiel an eine Einrichtung für obdachlose Kinder und Jugendliche.

So bekäme der unfreiwillig von Smava zum misslungenen griechischen Heldenepos am Ende hoch stilisierte Wettbewerb doch noch eine menschliche Wendung. Falls ich bzw. mein Weblog Social Banking 2.0 doch noch von manipulierten Stimmen gewählt werden sollte, spende ich wahrscheinlich an die Berliner Tafel. Das kann Smava gleich für mich erledigen. Werde mir eine Romreise oder einen Amazon-Gutschein gerade noch selbst leisten können.

Und als nachdenklicher Ausstieg aus meinen (leider notwendigen) längeren Ausführungen hier noch ein philosophisches Stück über die Dinge, die im Leben wirklich eine Bedeutung einnehmen, ein Song von der Stern Meißen Combo aus dem sozialistischen Teil unserer Republik der siebziger Jahre.

„Der Kampf um den Südpol“ – ein Klassiker unter den (ideologie befreiten) Rockhymnen, dessen poetischer Text die Horizonte für den einen oder anderen vom Schröder-Cohiba-Effekt zu sehr getriggerten Marketier wieder öffnen könnte (bitte sieben Minuten Zeit mitbringen, die Ton-Bild-Qualität ist etwas holprig, dient aber auch dazu, herauszufinden, wo man her kommen könnte):

P.S. Den Songtext zum historischen Wettlauf um den Südpol zwischen den beiden Polarforschern Amundsen und Scott kann man hier nachlesen:

http://www.golyr.de/stern-meissen/songtext-der-kampf-um-den-suedpol-349321.html

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Written by lochmaier

Februar 27, 2010 um 11:55 am

Veröffentlicht in Uncategorized

5 Antworten

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  1. Danke dir das du auf meinen Artikel hingewiesen hast, diesen habe ich aber mittlerweile entfernt und überarbeite diesen gründlich. Denn viele Sachen die ich in diesem Artikel geschrieben haben waren zu überspitzt und aus der Wut heraus entstanden, ich werde diesen Artikel bald wieder veröffentlichen. Ich bitte nur jeden einmal das Vote-Verhalten zu analysieren. Dann wisst Ihr was ich meine.

    Liebe Grüße

    Martin

    Martin Brosy

    Februar 27, 2010 at 9:09 pm

  2. […] Aufmerksamkeitsökonomie“ sind die Wirtschaftsblogger ziemlich unbedeutend, wie Lochmaier dies in einem weiteren Beitrag richtig […]

  3. Hallo Herr Lochmaier,

    Sie haben die Probleme des smava-Wettbewerbs meines Erachtens zutreffend analysiert.

    Die Preisausschreibung war wohl als kleines Mosaik-Steinchen im Eigenmarketing gedacht. Dass einige Blogger in gekonnter Manier darüber stolpern, macht aus diesem eckigen Mosaiksteinchen einen „Rolling Stone“! Ich hoffe, der Stein rollt noch eine ganze Weile … Der Blogger-Szene tut dieser zur Selbstreflektion motivierende äußere Anstoß gut.

    Smava ist allerdings nicht der originäre Beobachter deutscher Wirtschaftsblogs und deshalb kaum dafür geeignet, so einen Wettbewerb auszuschreiben.

    Warum küren die Wirtschaftsblogger ihren Blog des Jahres nicht selbst?

    Alles Gute
    Eric Schreyer

    ericschreyer

    März 1, 2010 at 4:56 pm

  4. Hallo Herr Lochmaier,

    mittlerweile ist auch ein Beitrag von Herrn Artopé, dem Geschäftsführer von smava, zum Thema online gegangen – zu finden unter: http://www.smava-blog.de/2010/03/01/finance-blog-of-the-year-geht-in-den-endspurt/

    Wir hoffen, dass damit noch einige Unklarheiten beseitigt werden konnten und möchten damit noch einmal betonen, wie viel uns an diesem Wettbewerb liegt.

    Viele Grüße,

    Oliver Gehrmann

    Oliver Gehrmann

    März 2, 2010 at 8:19 am

    • Hallo Herr Gehrmann,

      danke für den Hinweis. Ich denke, wir alle haben etwas gelernt in den letzten Tagen, und es dürfte sich eine produktive Welle daraus ergeben.

      Mit freundlichen Grüssen
      Lothar Lochmaier

      lochmaier

      März 2, 2010 at 7:54 pm


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