Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Va Banque: Von unfreiwilligen Friedensnobelpreisen, gepushten Literaturmagnaten und gekauften Innovationsmeriten

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Die Preisverleihung bei Smava hat mich doch angeregt, das Thema „Wer verdient eigentlich wirklich einen Preis oder eine Auszeichnung?“ genauer unter die Lupe zu nehmen. Aus meiner Erfahrung als Wirtschaftsjournalist habe ich auch schon das eine oder andere merkwürdige Paarungsverhalten zwischen Jury und Preisträgern beobachtet.

Fangen wir aber mal mit einem persönlichen Beispiel an: Ich bin ganz gut bekannt mit dem Mitglied der Jury in der schwedischen Kommission, die alljährlich den Literatur-Nobelpreis vergibt. Wir erinnern uns: Dieses Jahr wurde die deutsch-rumänische Schriftstellerin Herta Müller ausgezeichnet. Der Preis ist immerhin eine Million Euro wert.

Ich kann hier leider keine allzu tiefen Inneneinsichten in das sensible Metier verlauten lassen, möchte aber doch ein paar Sätze dazu schreiben: Man glaubt kaum, wie viele Leute den Mitgliedern der Kommission in irgend welchen Cafes oder auf der Straße auflauern, um in den Besitz eines solchen Preises zu kommen.

Ganze Heerscharen von Agenten und mehr oder minder genialen Romanciers sind unterwegs und schwärmen aus, um den „Börsenwert“ ihrer Lieblinge zu steigern. Für die Mitglieder der Kommission ist das purer Stress, denn wer von lauter Lobbyismus umgeben ist, wie soll man da noch nach vernünftigen Kriterien eine derartige Auszeichnung vergeben?

Ein geordnetes Privatleben ist da als Mitglied einer derartigen Findungskommission kaum möglich, selbst der private Rechner muss vor Hackern und Spionen geschützt werden. Man stelle sich vor, einen Tag vor Verkündung des Literatur-Nobelpreises bekäme die Presse Wind davon.

Ganz zu schweigen davon, dass ganze Verlage ihre Programme bis hin zur Eingangshalle der Buchläden danach ausrichten. Irgendwann wird es selbst dem Menschen mit dem dicksten Fell zu bunt, wenn selbst die Kinder eines Jury-Mitglieds in den Strudel der Deals hinein gezogen werden, und einem beim nächsten Cafebesuch unauffällig jemand ein kleines Werk zusteckt, wollen Sie nicht mal mein Buch lesen.

Ich kann dann mit einer gewissen Prise Ironie nur jedem empfehlen, sich meinen Beitrag „Wie man ein Buch über Social Banking schreibt“ – ohne zu wissen, worum es sich dabei handelt, durchzulesen, indem ich diesen kreativen Schreibprozess, dem ich mich selbst ausgesetzt habe, selbst nicht wirklich so richtig bierernst nehmen kann.

Will heißen: Der größte Preis ist die eigene Selbstbestätigung, etwas zu tun, was dem inneren Kompass entspricht, und das nicht unbedingt auf den Beifall von außen angewiesen ist.

Szenenwechsel: Ziemlich unfreiwillig kam auch Barack Obama in den Besitz des Friedensnobelpreises. Er wollte ihn nämlich gar nicht. Es war einzig und allein die Eitelkeit des Vorsitzenden der Kommission, der sich selbst einen ganzen Tag lang in den Mittelpunkt stellen durfte, und selbst Barack musste ihm irgendwie rufen: Du bist auch ein kleiner Obama – um gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass andere „an der Front“, die ihr Leben für den Nobelpreis über eine längere Zeit bereits unmittelbar aufs Spiel gesetzt haben, diese Auszeichnung viel mehr verdient hätten.

Kommen wir zurück zu den Niederungen oder Höhenflügen der ach so bodenständigen Wirtschaft. Dort sieht es kaum anders aus. Die meisten Preise sind gekauft, auf die eine oder andere Art. Da spielen die großen Medienhäuser und Verlage genauso mit wie die Unternehmen oder Stiftungen. Eine Hand wäscht die andere. Nur die Öffentlichkeit erfährt davon wenig bis gar nichts. Jeder weiß es, und nickt stumm wissend und wohl wollend.

Nehmen wir zum Beispiel den Red Herring Top 100 – da werden innovative Start ups prämiert, so auch in Europa, dazu gehörte im vergangenen Jahr Smava ebenso wie einige andere Überflieger, die über das Potenzial verfügen, den Markt zu beeinflussen oder gar neu zu gestalten.  

http://www.smava-blog.de/2009/03/26/smava-ist-finalist-der-the-red-herring-100-europe/

Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht, mir geht es nicht darum, gegen Smava vom Leder zu ziehen, ganz im Gegenteil: ich finde das Geschäftsmodell des Berliner Anbieters von Social Lending ausgesprochen innovativ. Aber es ist klar, dass die Teilnehmer derartiger innovativen Wettbewerbe meist ein indirektes Entgelt auf den Tisch legen – und zwar nicht direkt für die „Auszeichnung“ zahlen – jedoch z.B. für die Teilnahme an der Präsentation.

Sprich: Vor ausgewählter Kulisse, sprich einer hochkarätigen Fachjury, meist ein paar neugierige Investoren drunter, dürfen die Gründer mal 10 Minuten lang „pitchen“ und zeigen, was sie drauf haben. Wow – ob das Entree in die große Welt der Wirtschaft gelingt?

Das Internet bricht aber derartige Regeln und Konventionen, gerade und vermutlich bald auch in dem Bereich der Preisverleihungen – Warum immer einen Man-in-the-Middle abkassieren lassen, wenn es auch direkt unter den Beteiligten geht? Ein Beispiel ist Seedmatch aus Dresden, mit seinem Konzept des „Microfundings“ oder Crowdfundings, worüber etwa  die VDI nachrichten hier kurz berichten. 

Neben den Plattformen, die sich überwiegend der Kreditvergabe zwischen Privatpersonen widmen, etabliert sich ausgehend von den USA eine weitere Sonderform in der Darlehensvergabe über finanzielle Netzwerke, die sich ausschließlich an Unternehmen richtet. Einen Nährboden findet dieser Marktzweig auch deshalb, weil Plattformen wie Prosper.com, Lending Club, Zopa und Smava aufgrund von gesetzlichen Auflagen dazu verpflichtet sind, die Kredite je nach lokaler Gegebenheit auf einen Betrag zwischen 25.000 bis 100.000 zu begrenzen. Die ausschließlich auf die Unternehmensfinanzierung ausgerichteten Plattformen besetzen diese Marktnische und zielen auf Kreditvolumina jenseits von Begrenzungen.

In der Regel liegt der Kapitalbedarf bei einem neu gegründeten kleineren Unternehmen, das für eine Expansion oder bei einer Markterschließung benötigt wird, zwischen einer halben Million und 1,5 Millionen US-Dollar. Hoch spezialisierte Plattformen versprechen jenseits der Hausbanken auf dem alternativen Finanzmarkt ein unkompliziertes Anwerben zusätzlicher Geldquellen. Dazu stellen sich die Existenzgründer oder Unternehmer im Netz ausführlich dar. Sie erläutern ihre geschäftliche Zukunftsperspektive durch detaillierte Selbstbeschreibungen, um so von potenziellen Investoren besser wahr genommen zu werden. Zu den bekannten Plattformen in den USA gehören Raisecapital.com, Gobignetwork.com und Go4funding.com.

Ob die Plattformen ihrerseits den Anspruch einer seriösen Alternative einlösen, bleibt noch offen. Auch hier gibt es viel Marketinggeschrei, und oftmals wenig seriöses „Venture Capital funding 2.0“. Das werde ich demnächst noch ausführlicher beleuchten.

Zurück zum Red Herring Top 100: Ein paar Tausend Euro können da im einen oder anderen Fall schon mal fällig werden. Das Geschäft ist meist für beide Seiten lukrativ. Red Herring schmückt sich mit tollen Start ups, der neue Überschallflieger wiederum hat einen planbaren und seriösen Werbeeffekt. Der Deal scheint perfekt, eine Garantie für die Erfolgsspur ist das nette Aushängschild eines Preises an der virtuellen Firmenfassade freilich kaum.

Und die Moral von der Geschicht? Es gibt keine, wenn man das Thema nicht zu ernst nimmt. Ist eher das große Theater, Bühne frei – so wie beim auf viele Millionen Dollar hoch polierten Oscar, beim beidseitig hinkenden Bambi oder beim ……

All Business is like Show Business.

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Written by lochmaier

Februar 25, 2010 um 11:20 am

Veröffentlicht in Uncategorized

2 Antworten

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  1. Liebe Leser,

    Übrigens: Wer mal nachlesen möchte, wie die ausländische Blogosphäre die deutschen Wirtschafts- und Finanzblogs beurteilt – leider sind auch da einige Klischees enthalten – wird hier beim Reuters Blog fündig, danke an Blicklog für den Hinweis:

    http://blogs.reuters.com/felix-salmon/2009/04/19/10-reasons-for-the-lack-of-german-econobloggers/

    10 Gründe über das (angebliche) Fehlen deutscher „Econoblogs“ – darüber lässt sich sicherlich diskutieren?

    Oder liegt es nur daran, dass die englischsprachige Elite kein Deutsch spricht, und wir nicht immer Zeit haben, alles auf Englisch zu übersetzen, irgendwann endet jede ehrenamtliche Arbeitszeit, und Google nimmt uns das leider noch nicht ab?

    Social Banking 2.0

    lochmaier

    Februar 25, 2010 at 3:34 pm

  2. […] Va Banque: Von unfreiwilligen Friedensnobelpreisen, gepushten Literaturmagnaten und gekauften Innova… […]


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