Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Manöverkritik: Qualitätskritierien für „Best Finance Blog 2010“ sind unklar

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Ich freue mich ja, dass ich zum erlauchten Kreis der Auserwählten gehöre, die die Runde der letzten 15 beim von Smava vergebenen diesjährigen Finance Blog 2010 erreicht haben, siehe meinen vorherigen Eintrag:

https://lochmaier.wordpress.com/2010/02/23/love-me-or-leave-me-smava-nominiert-social-banking-2-0-zum-finaldurchgang-finance-weblog-2010/

Nun aber kommt – losgelöst von meiner eigenen Person – das kleine Wenn und Aber: Schaut man sich die Liste der dort vertretenen 15 Auserwählten an, so werden die Qualitätskritierien, die die Jury letztlich zu dieser Auswahl bewogen haben, kaum deutlich.

Im Detail formuliere ich meine Manöverkritik so: Einige Blogs wurden gewählt, obwohl sie gerade erst frisch das Licht der Welt erblickt haben – etwa ein halbes Jahr regelmäßige Präsenz „am Markt“ wäre gut gewesen, weil sonst die Arbeit derjenigen entwertet wird, die sich regelmäßig, seit längerem – und mit viel Leidenschaft dem Bloggen widmen. So bleibt die Frage, wer da mit welchen Motiven im Hintergrund gepusht werden soll?

Es geht hier übrigens nicht um persönliche Vorlieben und Sympathien, auch nicht für mich – aber wo zum Beispiel bleibt der Blicklog, ein engagierter Wirtschaftsblog, noch dazu ist der Autor Dirk Elsner auch beim Vernetzen der Wirtschaftsblogs sehr engagiert, etwa in der Initiative „Bloggerforum Wirtschaft“.

Andere jetzt ausgewählten Blogs hinken da doch deutlich hinterher. Inhaltlich kann es kein Ausschlusskriterium geben, denn auch andere ausgewählte Blogs sind zum Teil eher wirtschafts- denn finanzlastig.

Wer mit dem „Zeitblog“ zudem einen Platzhirsch aus der Medienbranche wählt, wo ein paar Redakteure nebenher ab und an mal was veröffentlichen, weil sie dafür ja auch die Zeit haben – auch dieser Wegweiser scheint eher einem taktischen Verhalten geschuldet denn einem wirklichen inhaltlichen Qualitätskritierium. Man – bzw. der Veranstalter will natürlich auch den Beifall aus der etablierten Medienszene.

Ein weiterer unglücklicher Missgriff besteht darin, dass in der Jury ein Mitglied sitzt, das selbst ein Blog betreibt. Wohl gemerkt – ich finde den  Bankingblog durchaus interessant und lese ihn – es geht hier also nicht um persönliche Kritik oder um eine Neiddebatte. Aber dass ein Jurymitglied selbst in der Endauswahl vertreten ist, das gehört eigentlich zu jenen ‚don’t do’s“, die die Netiquette verbieten sollte.

Selbst bei Gewinnspielen sind die Mitarbeiter von der Teilnahme ausgeschlossen, ein stilistischer Missgriff mit Geschmäckle. Das Kriterium, selbst nicht am Wettbewerb teilzunehmen, wenn ich ein eigenes Weblog betreibe, würde ich übrigens auch für mich selbst anlegen. Soviel innere Größe und Distanz zu sich und seiner eigenen Vermarktung muss sein.

Ich selbst rechne mir übrigens wie beim europäischen Grand Prix de la Eurovision kaum Chancen aus, da andere (verbraucher- bzw. anlagelastigen Blogs) ihre Communities sehr viel mehr mobilisieren können – Damit kann ich leben – Na ja, es ist in erster Linie Werbung für Smava, weshalb ich auch darauf verzichtet habe, die Aktion direkt auf der Einstiegsseite auffällig zu verlinken. Dafür bin ich nicht preisgeil genug, auch sind 600 Euro für den ersten Platz deutlich zu wenig, im Vergleich zum Werbeeffekt, den Smava „gratis“ erhält.

Auch das Verfahren der Endausscheidung ist kritikabel, oder im Fachjargon ausgedrückt, wenig justiziabel. Zwar kann jeder über seinen PC nur einmal abstimmen, die IP-Adresse wird beim zweiten Klick wieder erkannt – aber: Man kann IP-Adressen auch durch vielfältige Tricks modulieren, und ich vermute mal, das System ist dagegen kaum gewappnet. Oder man mietet ein paar Internetcafes an, und lässt die Community an den vielen Rechnern zur Stimmabgabe schreiten. Es geht aber vielleicht auch einfacher: Cookies löschen, und erneut die Stimme abgeben.

Somit kommt es am Ende zu einem Art „ebay-Effekt“ – der Man-in-the-Middle greift ein, und in den letzten Stunden vor dem Ende der „Auktion“ am 8. März kommt es zu wundersamen „Wählerwanderungen“. Insofern fällt mein Fazit dieser Aktion dieser Aktion von Smava doch recht durchwachsen aus. Weder sind inhaltliche Auswahlkritierien nach professionellen Maßstäben klar ersichtlich, denen die Jury gefolgt ist, noch ist eine transparente und ehrliche Auswahl des „besten Finance Weblogs“ möglich.

Ich weiß, liebe Jury, Sie haben sich viel Arbeit gemacht – und dieser Einsatz soll durch diese Zeilen nicht geschmälert werden. Aber es sollte eine produktive Diskussion in Gang kommen, um Differenzierungsmerkmale beim Bloggen in der Finanz- und Wirtschaftsszene zu erarbeiten.     

Ich schließe mich somit durchaus in gewisser Weise der Kritik an, wie sie der Blicklogger Dirk Elsner in einer ersten spontanen Reaktion auf die ausgewählten 15 Blogs formuliert hat:

Bei einigen Nominierungen wundere ich mich wirklich, weil sie eher als Verbraucherblog rüberkommen, oder wie etwa die Börsenfrau nur sehr selten eigene Beiträge haben. Aber was solls, es ist wie bei anderen Aufträgen. Die gehen längst nicht immer an die Besten 😉

Fazit: Für Smava ist die Aktion auf alle Fälle ein voller Erfolg. So viel Reichweite gratis und umsonst gibt es für so wenige Euro. Das ist virales Netzwerkmanagement par excellence, nur nicht ganz auf Augenhöhe von Mensch-zu-Mensch. 

Um Missverständnisse auszuschließen: Ich halte übrigens sehr viel von Smava, so dass mir hier nichts unterstellt werden sollte, und schon gar keine geistig verblendete Einseitigkeit. Mir geht es hier um die Sache, also auch nicht darum, jetzt auf mich die Aufmerksamkeit zu lenken, so dass ich am Ende doch noch in der Endausscheidung ganz vorne lande. Das wäre mir zu „billig“, ich bin nicht auf Claqueure angewiesen, sondern handle gemäß meiner inneren Verfassung und Motivation. 

Oder konstruktiv formuliert – Verbesserungsvorschläge für das nächste Mal: Vielleicht wäre es besser gewesen, die Jury hätte einen klar nachvollziehbaren Kriterienkatalog aufgestellt, diesen zur öffentlichen Diskussion gestellt, um ihn durch die Financial Community zu ergänzen. Dann wäre er veröffentlicht worden. 

Letztlich aber, so kann man argumentieren, kommt man kaum umhin, am Ende das beste Finance Weblog durch eine neutrale Jury bewerten zu lassen, oder? Feed back zum Prozedere ist gerne willkommen, und sicherlich auch von Smava und der Jury gewünscht.

So aber wie es jetzt läuft, klingelt jeder in seinem Freundeskreis alle Bekannten und Verwandten durch, um sie zur virtuellen  Stimmabgabe zu bitten. Aber das genau ist das Kalkül – es ist ein bisschen wie beim AWD. Haben Sie nicht zufällig jemanden in Ihrer Familie, sagt der freundliche Berater an der Haustüre oder am Küchentisch, den sie nicht auf unsere tollen Finanzangebote aufmerksam machen können? Ob dieses Angebot wohl das „Beste“ unter all den anderen denkbaren ist?

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Written by lochmaier

Februar 24, 2010 um 10:38 am

Veröffentlicht in Uncategorized

8 Antworten

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  1. Sehr gute Kritik! Ich bin froh, dass mein Blog (bwl zwei null) nicht unter die Finalisten gekommen ist. Smava hatte mein Blog, ohne mich zu fragen, nominiert und mir dies per E-Mail mitgeteilt. Daraufhin bat ich um die Rücknahme der Nominierung, weil mein Blog keine Artikel zum Bereich „Finanzen“ publiziert.

    In meinen Augen ist das Ganze eine etwas hastig durchgeführte Marketingaktion, mit der Smava selbst bekannter gemacht werden soll.

    Matthias Schwenk

    Februar 24, 2010 at 11:01 am

  2. Ich kann die Manöverkritik voll und ganz teilen – auch wenn wir unter den Finalisten sind. Irgendwie möchte man doch wissen, wie man es dahin geschafft hat. Was das Verfahren an sich angeht: Smava scheint etwas von der Ressonanz überfordert zu sein, denn eigentlich wollte man ja am Montag schon die Finalisten präsentieren. Ein kurzer Blogeintrag, dass es doch Dienstag wird hätte gereicht. Auch wurde man als Finalist nicht darüber informiert, wie man es als Nominierter wurde. Aber egal, der Wettbewerb ist nunmal so wie er ist, wir müssen das Beste draus machen und für die Wirtschaftsblogger-Szene kann es eigentlich nur positiv sein.

    Marc Schmidt

    Februar 24, 2010 at 2:12 pm

  3. Schuld an der Nominierung von Matthias Schwenk bin wohl ich über die Mindmap deutscher Wirtschaftsblogs:
    http://www.mindmeister.com/35349483/mindmap-der-deutschsprachigen-wirtschaftsblogs-by-http-www-blicklog-com
    Einen verlinkten Beitrag darüber hat Smava wohl als Nominierungsbeitrag verstanden.

    Ich denke, der Wettbewerb ist wichtig für die Aufmerksamkeit der Blogszene. Der Blick Log wird es verkraften, nicht im Finale dabei zu sein und freut sich über die Kommentare. Freilich vermisse ich auch andere gute Blogs wie weissgarnix, Markus Gärtner, egghat oder viele mehr.

    Aber bei Wettbewerben dieser Art kann man es ohnehin nicht allen Recht machen.

    dels

    Februar 24, 2010 at 2:42 pm

  4. Hallo Herr Lochmaier,

    wir haben uns Ihrer Kritikpunkte in einem eigenen Blog-Beitrag angenommen. Hier ein Direktlink: http://www.smava-blog.de/2010/02/24/nachfragen-zum-finance-blog-of-the-year/

    Viele Grüße,

    Oliver Gehrmann

    Oliver Gehrmann

    Februar 25, 2010 at 7:56 am

  5. Hi,
    das ist ein sehr guter Beitrag. Und die Diskussion ist total berechtigt. Ich selbst bin mit meinem finanztrader.com Blog auch mit dabei. Ich bin selbst Offizieranwärter der BW und habe all meine KAmeraden bescheid gesagt für mich zustimmen. Und über mein Börsnportal http://www.boersenpoint.de mache ich auch mächtig Werbung für mich.
    Aber eines macht den Wettbewerb total sinnlos, die Manipulation. ICh habe Smava geschrieben und Ihnen empfohlen das Votum einzustellen. Denn unter diesen Umständen ist es einfach nicht seriös.
    Liebe Grüße
    Martin

    Brosy

    Februar 25, 2010 at 2:37 pm

    • Lieber Martin,

      danke für den Kommentar und den Vorschlag, den Sie aufbringen. In der Tat muss man überlegen, wie man weiter verfährt. Sehen wir es mal positiv: Eine gute PR ist es für Smava so oder so – es wird drüber geredet, und für die deutsche Blogger-Szene aus Wirtschaft und Finanzen ist es auch eine förderliche Diskussion, wenn man sich inhaltlich mit ihr auseinander setzt, und nicht nur immer wieder die gleichen Klischees publiziert, wie Blogger angeblich ticken und wie nicht. Just boring. Aber die Art und Weise, wie man eine Preisverleihung strategisch angeht, zeigt auch den (noch mangelnden) Reifegrad in der Diskussion. Much work to be done.

      Viele Grüsse und weiterhin viel Erfolg
      Lothar Lochmaier

      lochmaier

      Februar 25, 2010 at 3:10 pm

  6. […] Lochmaier, der mit seinem Blog Social Banking 2.0 selbst zu den Finalisten gehört, die Kritik in diesem Beitrag […]


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