Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Design Rethinking: Wie Karstadt Quelle zur Valovis Commercial Bank AG mutierte

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Wer kennt sie nicht, Karstadt Quelle, natürlich aus der Fernsehwerbung. Wer sich noch traut, den Einschaltknopf in Richtung der Öffentlich-Entrechteten Kanäle zu betätigen, bei denen man vieles nur noch schwammig sieht, der freut sich kurz vor der Tagesschau jeden Tag aufs Neue, nämlich auf die Wetterprognose für den kommenden Arbeitstag. Sind wir nun Mehr- oder Minderleister, was die Richtigkeit der Wetterprognosen angeht? Hier gehts zum Youtube Kanal der Karstadt Quelle Versicherungen, die jetzt Ergo Direktversicherungen heißen:

http://www.youtube.com/kqvtv

Form follows function, heißt ein Designprinzip. Man sollte es nicht zu wörtlich nehmen. „Ergo“ sum – also bin ich – das prognostizieren kurz vor den wichtigsten Nachrichten dieser Welt diverse Achorwomen und Anchormen in der ARD ja bekanntlich den gut aufgelegten Bürgern in ihren selbst gebastelten Testimonials. Da gehts natürlich um die Karstadt Quelle Versicherung, aber auch das hat ja etwas mit einer Bank zu tun, wie wir spätestens seit der Verschmelzung von Allianz und Dresdner Bank wissen. Oder war es jemand anderes, wer hat eigentlich wen gekauft, die Versicherung eine Bank oder umgekehrt?

Macht nix, man muss nicht alles wissen aus der weiten Welt der Black Boxes namens Bank. Man könnte die nun folgende Pointe sogar fast als geniale Social Media Strategie bezeichnen. Denn es bleibt schon was hängen, wenn der bürgerliche Wetterfrosch um 19.50 Uhr zur besten Sendezeit vor dem Einschlafen einem das Ambiente für den nächsten Tag hustet.

Das Kalkül der Medienstrategen dahinter: Die Bank, oder genauer gesagt die Karstadt Quelle Versicherung, wird quasi von unsichtbarer Geisterhand wie der Frosch zum Prinzen wachgeküsst. Das ist beste Markenwerbung und -pflege – mal abgesehen von diesem Winter, der etwas sibirisch aus dem Ruder läuft, so dass wir eigentlich vom Wetter derzeit gar nichts mehr wissen wollen (außer die Kinder).

Nun aber kommt es leider noch dicker. Bank oder Versicherung, mit wem haben und hatten wir es bei Ex-Karstadt eigentlich zu tun. Man könnte es nicht besser machen, denn plötzlich nennt sich nun auch wieder zum x-ten Male die Karstadt Quelle Bank in Valovis Bank AG um, wie sich unschwer in der offiziellen Pressemitteilung vom 8. Februar nachlesen lässt:   

http://www.kqb.de/presse/pressemitteilungen/?newsid=20

Au weia – Noch nicht einmal eine Begründung wird uns für die feine in exklusiven Hinterzimmern von teuer bezahlten Rechtsanwälten und Unternehmensberatern geköchelte Namensänderung serviert, in deren Genuss wir nun ab dem 8. März kommen dürfen:

Mit dem neuen Namen unterstreicht die KarstadtQuelle Bank ihre Eigenständigkeit. Für ihre Kunden ändert sich dadurch nichts. Alle Verträge bleiben unverändert zu den gleichen Bedingungen und Konditionen bestehen. Alle Kreditkarten behalten ihre Gültigkeit. Geldanlagen jedes einzelnen Kontos sind auch künftig bis zu einer Höhe von 14 Millionen Euro durch die Mitgliedschaft im Einlagensicherungsfonds abgesichert.

Auch unter dem neuen Namen Valovis Commercial Bank bietet die Bank ein umfassendes Portfolio an Finanzdienstleistungen an: von Dispokrediten über Tagesgeld bis hin zu Sparbriefen. Zudem sind weiterhin alle etablierten Kreditkartenvarianten auch unter der neuen Firmierung erhältlich.

Bei Fragen zur Umbenennung und den Leistungen der Bank steht der Kundenservice gerne zur Verfügung.

Quelle: www.kqb.de

Sollen wir wirklich beim Kundenservice mal durchklingeln, um zu fragen, ob es beim Wetter und bei der Börse nach oben oder unten geht? So langsam kann man sich all diese vielen neuen „Bunti-Klicki-Banknamen“ gar nicht mehr merken: Die Citibank heißt jetzt bald Targobank, und jetzt das mit Karstadt – nun ja, gibt’s halt leider nicht mehr – ab sofort heißt’s Valovis. Wer hat’s erfunden – keine Ahnung. Das klingt irgendwie nach Sprudel, pardon prickelndem Mineralwasser. Sicherlich wird es bald eine Kampagne geben, um uns diese neue Markenwelt schmackhaft zu machen, und den Begriff Valovis „neu zu besetzen“.

Ist aber gar nicht notwendig, denn Valovis ist „Design Rethinking reloaded“. A propos neu besetzen – wissen Sie, was ein „Valovis“ ist – nein kein Velovis – so was wie ein Fahrrad für zwei, die sich gegenübersitzen, aber leider gibts auch das nicht wirklich. Alles reine Phantasienamen, obwohl die auch aus einer Eingeborenen-Sprache stammen könnten, einer längst verloren gegangenen Kultur, die man auch in unseren wirtschaftlich (noch) verwöhnten Breitengraden wieder neu beleben sollte.

Jetzt sind wir, glaube ich, auf der richtigen Spur. Was eine „Commercial Bank“ ist, das wissen Sie sicherlich schon? Na ja, eine Bank, die wohl Geschäfte macht, wer hätte das gedacht. Ob da in der Erlebnisfiliale bei Valovis überhaupt noch irgend jemand richtiges (Hoch)Deutsch spricht?

Macht nix, in der „Bank der Zukunft“ sprechen wir  alles, außer der Sprache des Kunden.

Wer mal auf Wikipedia nachschaut, wird feststellen, dass es die Valovis Bank schon seit 2007 gibt:

http://de.wikipedia.org/wiki/Valovis_Bank

Das ganze „Valovis-Gemälde“ war also schon immer ein Teil von Karstadt,  oh je, der x-mal neu und wieder verschachtelte Skandalmanager Thomas Middelhoff lässt grüßen, der an Dreistigkeit in der Bilanzfrisur jedem allzu gierigen  Bankmanager noch  Bewunderung abgerungen hätte. Aber die Karawane ist längst weiter gezogen, um das nächste Kamel durchs Nadelöhr zu führen:

http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,667919,00.html

Es gibt übrigens neues brisantes Material, berichtet die Süddeutsche Zeitung, und eigens deshalb musste mal wieder kurzfristig eine aufrührerische Fernsehdoku verschoben werden:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/511/500774/text/

Zu Risiken und Nebenwirkungen der Geschäfte um die virtuellen Buchungsakrobaten Middelhoff und Co. fragen Sie bitte Ihren Insolvenzberater:

http://www.insolvenz-ratgeber.de/25-millionen-fuer-in-not-geratene-karstadt-mitarb/2010/01/26/

Kein Wunder, dass die frustrierten Ex-Mitarbeiter da zur Eigentherapie nur noch den Gang ins Theater bevorzugen, im Quelle-Abend am Theater Fürth erfährt man jedenfalls, wie es wirklich zugegangen ist im Kaufhaus der vielen Möglichkeiten und noch mehr verpassten Chancen:

http://www.nz-online.de/artikel.asp?art=1166623&kat=49

In der Mediathek von 3 SAT online kann man sich den Beitrag zu dieser kreativen Aufarbeitung der „Bankgeschichte“ von Seiten der Betroffenen nochmals ansehen:

http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=9285&mode=play 

Ach ja – da gab es übrigens auch mal größere Streitigkeiten wegen der Betriebsrenten, na ja, die Mitarbeiter sind heute sowieso nicht mehr allzu viel wert, wie das Handelsblatt über „das Zünglein an der Waage bei den Arcandor-Renten“ berichtete:

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/valovis-das-zuenglein-bei-den-arcandor-renten;2384280   

Wer jetzt beim nächsten Wetterbericht nicht mehr klare Sicht hat – an oder vor der virtuellen Mattscheibe, der sei auf die neue Homepage http://vcbank.de/ verwiesen – aus der „Valovis Commercial Bank“, meiner verzwickten Analyse gemäß, hat sich über Nacht, vermutlich aus einer Art  Hundekreuzung auf zwei Beinen das Kürzel „VC Bank“ heraus mutiert, zwischen altehrwürdigem Lateiner, (verschuldetem) Griechen und deutschem Wetterflüsterer.

Noch Fragen? So kann man sich irren, und ich dachte immer „VC“ bedeutet Venture Capital, also Wagniskapital(geber).  Damit wären Karstadt Quelle Versicherung/Bank/und alle weiteren Konzernderivate dann tatsächlich eine Art „Venture Capital Bank“ – auch das klingt eigentlich nicht schlecht.

Ich möchte aber den Verantwortlichen dieses Rebrandings und der klug orchestrierten Design Rethinking Kampagne nicht konzeptionell in die Parade fahren. Denn es kann ja durchaus unterschiedliche Auffassungen geben, worin ein „Abenteuer“ bei einer Bank heute überhaupt noch besteht. Ein Abenteuer ist ein Ereignis, auf das wir uns mit ungewissem Ausgang freiwillig oder auch unfreiwillig einlassen. Das ist bei so mancher Bank nicht der Fall. Denn der Ausgang dieses Abenteuers ist schon vorher klar. Der Kunde landet im Abseits.    

Deshalb abschließend die Begriffserklärung auf Wikepdia zum „Abenteuer“ (Venture):

Als Abenteuer (v. lat.: adventura = Ereignis; mittelhochdt.: aventiure) wird eine risikoreiche Unternehmung oder auch ein Erlebnis bezeichnet, das sich (meistens) stark vom Alltag unterscheidet – also ein Verlassen des gewohnten Umfeldes und des sozialen Netzwerkes, um etwas (riskantes) zu unternehmen, bei dem der Ausgang ungewiss ist. In diesem Sinne gelten und galten Expeditionen ins Unbekannte zu allen Zeiten als Abenteuer. 

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Abenteuer

Mir gefällt die Formulierung, dass sich ein Abenteuer stark vom Alltag abhebt. Das stimmt, denn wenn man zur Bank geht, so hat das mit dem Auftrag: „Alltagsbewältigung“ kaum was zu tun. Hoffentlich stimmt die Rendite wenigstens bei den Wetterflüsterern. Noch Fragen zur Valovis Commercial Bank AG?

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Written by lochmaier

Februar 12, 2010 um 7:55 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

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  1. Was in dem Artikel leider nicht erwähnt wird, ist die Quelle Bausparkasse. Gegründet wie damals auch die Quelle Bank (übrigens nicht zu verwechseln mit der Karstadt Quelle Bank, das ist eine ganz andere Bank!) und die Quelle Versicherungen, hat sie leider das ganze Quelle-, Karstadt- und Arcandor-Debakel nicht unbeschadet überlebt. Sie wird mehr oder minder abgewickelt, während die KQV (jetzt Ergo direkt) und die Karstadt Quelle Bank (nun Valovis) doch rechtzeitig in zukunftsträchtige Bahnen geleitet wurden, durch Verkauf aus dem Konzern heraus.

    Anette

    Februar 12, 2010 at 11:07 am


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