Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Wie man ein Buch über Social Banking schreibt…

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… ohne zu wissen, worum es sich dabei handelt.

Ich las vor Jahren als pubertierender Jugendlicher mal ein ziemlich humoriges Buch von Ephraim Kishon, einem ziemlich bekannten israelischen Publizisten. Der Titel lautete etwa so: Wie man ein Buch bespricht, ohne es gelesen zu haben. Darin wird ein bekannter Literaturkritiker von einem ebenso bekannten Autor auf der Straße zufällig darauf angesprochen, ob er denn dessen neues Buch schon gelesen habe. Hatte er natürlich nicht.

Da wollte sich der Literaturkritiker aber keine geistige Blöße geben, und redete sich fast um Kopf um Kragen, indem er mit dem Buchautor über Details redete, von denen er überhaupt keine Ahnung hatte. So ähnlich wie den beiden erging es auch mir zu Beginn, denn ein Buch übers Social Banking zu schreiben, ist so was wie die Quadratur des Kreises. Es gibt nämlich kein Social Banking, da sich Gewinne und soziales Verhalten per Definition „eigentlich“ ausschließen.

Oder wie ein geschätzter Blogger-Kollege es sinngemäß etwa so ausdrücken würde: Wir leben im Zeitalter von „Unbanking“, und das schon seit es die Menschheit gibt. Doch mich faszinierte gerade dieses kleine Füllwörtchen „eigentlich“ – warum eigentlich nicht, sagte ich mir, und legte relativ ungebremst von äußeren Einflüssen los mit dem Buch. Schließlich war ich ja ein erfahrener Schreibprofi, der vom Journalismus schon seit geraumer Zeit lebt.

Ein Verlag fand sich auch recht schnell, denn das Thema Social Banking ist seit der Finanzkrise ja irgendwie in Mode gekommen. Das mit der ökologisch-sozialen Geldanlage ist plötzlich in, zumindest, weil wir schon reich genug sind und tatsächlich was abgeben könnten. Nach der Finanzkrise besinnt sich die Menschheit ein bisschen, und macht doch irgendwie weiter wie bisher. Insofern also gibt es so viele Visionen von Social Banking, wie es Menschen auf diesem Planeten gibt.

Also: Vorrücken auf Los – Doch so einfach war es denn mit dem Buch schreiben auch wieder nicht. Ich hatte mir ein halbes Jahr dafür reserviert, mich fast in Vollzeit durch die aktuelle und künftige Bankenwelt zu ackern. Doch wer war „eigentlich“ – schon wieder dieses kleine Wörtchen – diese Welt der unsichtbaren grauen Eminenzen, eine Black Box namens Bank? Ich hatte mir zweifellos eine zu anspruchsvolle Zielstellung gesetzt. Das Buch sollte schließlich kein braver Zusammenschrieb einer ohnehin gar nicht existierenden Blaupause sein, sondern eine Mischung aus pragmatischer Analyse und Vision.

Das hört sich doch „eigentlich“ ganz lässig an. Mal sehen – folgende Fragen hatte ich auf meinem Radar: Ersetzen virtuelle Finanzgemeinschaften künftig die Arbeit von Bankfilialen und Vermögensberatern? Drängen IT-Dienstleister die Finanzinstitute in die zweite Reihe? Welche Erfahrungen machen die Akteure, wenn Menschen den Kapitalfluss über das soziale Medium Internet jenseits von gängigen Wertemustern und Ideologien in die eigene Hand nehmen?

Welche Chancen und Risiken schlummern in der neuen Finanzdemokratie, die mehr direkte Einflussnahme, Mitbestimmung und Transparenz verspricht? Wie groß sind die Chancen, das Bankensystem an den konkreten Bedürfnissen der Menschen und der Realwirtschaft zu orientieren, jenseits einer exzessiven und oftmals zerstörerischen Spekulation, von der letztlich nur wenige Spieler in der Verwertungskette profitieren?

Vermutlich sind Sie jetzt von diesen Fragen ebenso erschlagen wie ich es war. Na ja, ich muss zugeben, ich war im vergangenen November kurz davor, das Feld kampflos zu räumen und das ambitionierte Buchprojekt wieder aufzugeben. Meine erste Gliederung war nicht mehr als ein loses Brainstorming von Puzzleteilen, die aber bruchstückhaft daher kamen, und kaum einen inneren Zusammenhang ergaben.

Kurzum: Ich wollte das Projekt fallen lassen, weil ich das Thema (noch) nicht wirklich greifen konnte. Mir war klar, dass ich mindestens drei weitere Monate und einen ausgefallenen Urlaub investieren musste, um das Vorhaben einigermaßen erfolgreich abzuschließen.

Haben Sie jetzt fast Mitleid mit mir? Bitte nicht. Nicht nötig, denn ich war ja überwiegend auf eine „soziale Extrarendite“ aus. Nach diversen Frustrationen und einigen Aufmunterungsversuchen von anderen Menschen entschloss ich mich zum geistigen Neustart. Ich legte mir meine eigenen Gedanken unter den kleinen Christbaum, und hoffte auf Erleuchtung. Die griechische Selbstreinigung kam zwar nicht über Nacht, ähnlich wie beim Literaturkritiker, der ein Buch besprechen wollte, ohne es je gelesen zu haben.

Doch allmählich sah ich etwas in vagen Umrissen vor mir. Einen pragmatischen Mittelweg zwischen einer Vision rund ums Social Banking, der keiner glaubt, weil sie niemals kommen wird, und einer trockenen aber weitgehend uninspirierten Analyse, die sich so zäh liest wie jedes beliebig austauschbare Regierungsprogramm. Kommen wir zum Punkt: Drei Monate und ein paar Tiefpunkte später ist das Buch endlich fertig geworden.

„Die Bank sind wir“ wird kein Bestseller, das war nicht das Ziel. Das schaffen nur Bücher mit dem Titel „Reich über Nacht“ oder „Wie werde ich binnen 24 Stunden all meine Schulden los“. Mein kleines Baby hat ein anderes Ziel: Es soll interessierte Menschen für alternative kleine Inseln in unserem von der Realwirtschaft und der menschlichen Arbeit abgehobenen Finanzwesen sensibilisieren. Es soll die Verhaltensweisen der alten Akteure, die sich allzu sehr am Gemeinwohl gesund gestoßen haben, nicht rechtfertigen. Es soll neue Ansätze, die sich mit Begriffen wie Bank 2.0, Social Lending oder Community Banking verbinden, nicht blind glorifizieren, aber doch die Möglichkeiten aufzeigen, die in diesen schlummern.

Ob dieser Weg realistisch ist, ich weiß es genauso wenig wie viele andere. Unzählige Fragen waren und sind nur sehr schwer zu beantworten: Welche Rolle spielen virtuelle Währungseinheiten, sind von den Nutzern selbst organisierte Geld- und Kreditgemeinschaften eine alternative Investmentklasse? Wie durchgreifend ist die ökologisch-soziale Geldanlage, wie einflussreich können neue Modelle in der Bankenlandschaft zwischen überzogener Euphorie und „business as usual“ überhaupt sein?

Auf all diese Fragen versucht das Buch „Die Bank sind wir – Chancen und Zukunftsperspektiven von Social Banking“, vorsichtige Anstöße zu geben. Es wird im Frühjahr erscheinen. Viel wichtiger finde ich aber den Umstand, als Autor keine exklusiven Antworten für mich zu beanspruchen.

Wege entstehen nur beim Gehen. Es gilt, die in der Publikation aufgeworfenen Fragen gemeinsam mit anderen nachdenklichen Zeitgenossen zu erörtern. Schließlich gibt es nur eine Zukunft für  Social Banking, wenn viele Gärtner gemeinsam kleine Pflänzchen großziehen, statt als Jäger sich ausschließlich von der Renditementalität treiben lassen.

Einige Artikel, die ich geschrieben habe, erleichtern den Einstieg in die Thematik „Was ist bzw. was könnte Social Banking sein“:

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30033/1.html

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31456/1.html

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31977/1.html

Auch der Blicklog bzw. Finance 2.0 haben sich intensiv mit der Frage beschäftigt, was Social Banking sein könnte:

http://www.blicklog.com/2009/12/01/was-social-banking-wirklich-sein-knnte/

http://electrouncle.wordpress.com/2009/11/18/social-banking-was-ist-das-eigentlich/

Und nun kommt abschließend die leicht Nobel preis verdächtige Umfrage, die ich für mein Weblog gerne an die Leserschaft richte – die ersten drei Gewinner erhalten jeweils ein Freiexemplar meines Buches:

Finanzdemokratie 2.0 – Lässt der Kapitalfluss sich als Gemeinschaftsgut jenseits von Ideologien (Kapitalismus- und Sozialismuskritik) überhaupt “vergesellschaften”, und wenn ja, in welcher Form?

Oder etwas anders ausgedrückt:

Wie sähe eine Finanzdemokratie 2.0 zwischen Renditestreben einerseits und sozialem Ausgleich andererseits aus, bei der sich letztlich nicht neuer Wein in alten Schläuchen reproduziert, also nur ein etwas hip und schick maskiertes hierarchisches Machtgefüge von oben nach unten, schließlich lässt sich “Kapital” nicht mit Hilfe des Web 2.0 demokratisieren, oder doch?

Freue mich über einige spannende Kommentare. Aber das Thema ist nicht unbedingt etwas für einen Schnellschuss, den man einfach so mal in die Tastatur reinhackt…. Think twice.

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Written by lochmaier

Februar 10, 2010 um 7:47 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

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  1. […] Zunächst einmal sollte man zu hoch geschraubte Erwartungen etwas auf den Boden der Tatsachen zurück holen. Weder kann ich einen bahn brechenden Lösungsweg zur Fremd- und Selbstregulierung der Bankenbranche nach der Finanz- und inmitten der Wirtschaftskrise anbieten. Noch kann ich neue Ansätze, die sich mit der dezentralen Aufstellung des Web 2.0 verknüpfen, uneingeschränkt als neuen Leitstern im Bankenhimmel anbieten. Was aber sehr wohl die Aufgabe ist, das ist es bislang noch nicht so präsente Zusammenhänge, die sich mit dem Begriff Social Banking verbinden, im Bedeutungswandel und in seinen unterschiedlichen aktuellen Ausprägungen zu beschreiben. Das allein ist schon eine ziemlich herausfordernde Arbeit, die ich auf meinem Weblog in einem eigenen Beitrag zum kreativen Schreibprozess hier beschrieben habe. https://lochmaier.wordpress.com/2010/02/10/wie-man-ein-buch-uber-social-banking-schreibt/ […]


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