Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Islamic Finance (Teil III): Verschmelzung der nachhaltigen Finanzkulturen?

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III. Teil – Peer-to-Peer-Banking und die Verschmelzung der nachhaltigen Finanzkulturen 

Nach einer Einführung in das sogenannte „Hawala-Banking“, das sich nach offizieller Lesart streng vom Islamic Finance und Banking abgrenzt, folgt nun eine abschließende Bewertung, um die Zukunftsperspektiven mit Blick auf die international vernetzte Finanzwelt überhaupt einordnen zu können – und natürlich auch, um einzuschätzen, ob auch in diesem Kulturraum Peer-to-Peer-basierte Mechanismen in der Geldanlage und Kreditvergabe via soziale finanzielle Netzwerke greifen könnten:

Islamic Banking und die Verschmelzung der nachhaltigen (P2P)-Finanzkulturen

Eine arabische, indische oder chinesische Version von kommerziellen P2P-Kreditanbietern wie Prosper, Zopa oder Smava erscheint zunächst nicht nur angesichts der politischen Großwetterlage unrealistisch. Es scheint dazu generell kaum eine Blaupause zu geben, für den Mix zwischen islamischen und buddistischen Ansätzen sowie dem Private Banking moderner westlicher Prägung.

Zwar gestalten westliche Spieler wie der Fahrzeugbauer Daimler ihre Autofinanzierungen auf arabischen Märkten konform zu den Sharia-Regeln gegen den Zinswucher. Dennoch erscheint eine flächendeckende Symbiose zwischen unterschiedlichen Finanzkulturen kaum wahrscheinlich. Zu tief dringt die jeweils andere Geschäftsphilosophie in das gesellschaftliche Regelwerk und Rechtsverständnis ein.

Unabhängig von den Entwicklungen der Finanzmarktakteure auf dem großen Schachbrett wird sich jedoch das Grundprinzip von internetbasiertem Social Banking in unterschiedlichen Spielarten rund um den Globus verbreiten. Und zwar allein deshalb, weil es jenseits eines politischen und kulturellen Kontexts den Kunden finanzielle Vorteile bietet. Den Nutzern kommt in eigener Regie die Aufgabe zu, die soziale und kulturelle Vielfalt ihrer jeweiligen Länder möglichst genau nachzubilden und die Plattformen in einem maßgeschneiderten Modell nach den konkreten Bedürfnissen und Rahmenbedingungen auszurichten.

Dies erfordert eine im Einzelfall aufwändige kulturelle Adaption, so etwa in den arabischen Staaten konform zu den religiösen Grundregeln der Sharia. Deren Eckpfeiler bilden die drei Elemente eines allgemeinen Zins- und Spekulationsverbot sowie der Ausschluss von Glücksspiel. Auch bei Investitionsvorhaben gibt es Ausschlusskriterien wie die Förderung der Prostitution, der Handel mit Alkohol, Schweinefleisch oder pornographischen Produkten.

Eine denkbare Variante im arabischen Kontext wäre etwa ein auf verwandtschaftlichen Beziehungen basierendes Geschäftsmodell (Family and Friends) mit speziellen zwischen geschalteten natürlichen Vertrauenspersonen, die dem jeweiligen kulturellen Kontext entsprechen – und nicht nach westlichen Maßstäben aufgesetzt sind. 

Der konkrete Verwendungszweck müsste sich dann an dem Grundgedanken der Handelsfinanzierung orientieren, um Zinsen als zusätzlichen Kostenfaktor auszuweisen (Murabaha). In Frage kämen außerdem zinslose zweckgebundene Darlehen an Arme (Qard-al-Hassan), die konform zu dem gesellschaftlichen Regelwerk aufgestellt sind.

Dies schließt jedoch nach den allgemeinen Vorgaben von Islamic Banking die Vergabe eines reinen Konsumentenkredits aus. Zugelassen wären stattdessen eine zweckgebundene Mittelverwendung, wie für eine handwerkliche Ausbildung, Geld für die Hausrenovierung oder eine gesundheitliche Heilbehandlung, also durchaus Bereiche, die geradezu fürs Social Banking prädestiniert wären.

Fazit: Es bleibt abzuwarten, ob und in welcher Form gerade arabische Länder die von Protagonisten in der westlichen Hemisphäre ins Leben gerufenen Peer-to-Peer-Modelle wie Zopa, Prosper und Smava überhaupt rechtlich zulassen bzw. in welcher Form sie dieses an eigene spezifische Bedingungen anpassen werden. Evtl. bietet der asiatische Markt durchlässigere Varianten für Peer-to-Peer-basierte Modelle an, siehe etwa aufkeimende Pflänzchen wie „Popfunding“:

http://www.koreatimes.co.kr/www/news/biz/2009/11/123_55465.html

Die neuen Spieler aus unserer westlichen Hemisphäre könnten aber zumindest dazu beitragen -, ebenso wie Islamic Finance einen sinnvollen werthaltigen Orientierungsrahmen für Bankmanager bieten kann – dass auch die westliche Finanzwelt zu den Wurzeln einer eigenständigen Tradition von Social Banking zurück findet, ohne sich an andere „Finanzkulturen“ anzubiedern oder diese vereinnahmen zu wollen. 

Selbst Deutsche-Bank Chef Josef Ackermann mahnte neulich zu Jahresbeginn eine neue „Risikomoral“ in der Branche an (man darf gespannt sein, was aus diesem Medienhype jenseits dieser mehr oder minder intelligenten Wortschöpfung entstehen wird):

http://www.deutsche-bank.de/presse/de/content/reden_praesentationen_2010_4720.htm 

Ackermann ordnet darin zumindest dem Risikomanagement sogar eine moralische Dimension zu und spricht auch von „Risikomoral“: „Die richtige Risikomoral zu haben, ist eine zentrale moralische Verpflichtung für jeden Banker“, so Ackermann auf Seite 9.  

Bislang galt in der diskreten Branche das Motto. Der Umwelt- und Sozialgedanke ist gut, solange er das Geschäft nicht stört. Jetzt aber steht zur Debatte, was die gesamte globale Gesellschaft unter „Gemeingütern“ versteht. Das in unterschiedlichen Weltkulturen angelegte Prinzip der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit könnte somit zumindest partiell zu einem neuen Segment im nachhaltig orientierten Finanzsektor verschmelzen, in dem sich westliche, östliche und fernöstliche Elemente wie islamische, buddhistische und das westliche Social Banking auf produktive Weise vermengen.

Dies setzt allerdings voraus, dass politische Barrieren und Grenzen überwunden werden, um die Akteure auf weltweit verbindliche Rahmenziele ausrichten zu können. Ein vorsichtiges Indiz dafür ist, dass westliche Banken in ihren Ursprungsländern zunehmend die Bedeutung leistungsfähiger ausländischer Zuwanderer erkannt haben und damit beginnen, diese Zielgruppen mit multikulturellen Bankdienstleistungen gezielt anzusprechen. Allerdings sind diese Bemühungen oftmals von reinem Marketing getrieben, als von einem tatsächlich „werthaltigem“ Banking. Dies birgt die Gefahr, dass die Verschmelzung der nachhaltigen Finanzkulturen nur auf dem Papier statt findet.

Schaut man sich zudem den Gesamtwert aller nachhaltigen Finanzprodukte weltweit an (das SRI-Volumen beträgt etwa 30 Milliarden Euro), so gelang es allein dem kriminellen Wall-Street-Betrüger Bernie Madoff mit seinem Schneeballsystem, den doppelten Betrag aus dem Geldbeutel seiner Kunden herauszulocken (65 Mrd. US-Dollar).

Insofern wachsen also die Bäume bei jeder Form der nachhaltigen Geldanlage nicht in den Himmel, aber di Zweige sprießen zumindest horizontal, also in die Breite – und es treten in einem „mikroökonomischen Ansatz“ zahlreiche kleine Triebe hervor, die einen zunehmend wichtigen Einfluss auf die Makrooökonomie von Banken und der gesamten Wirtschaft entfalten könnten.

Wer sich analog zum Islamic Banking/Finance noch konkret ein denkbares europäisches Peer-to-Peer-Modell der zinslosen Kreditvergabe – das schwedische JAK-Modell – anschauen möchte, der wird auf dem Infoportal Islamic Finance fündig (auf den Beitrag hat mich Weblog-Betreiber Michael Saleh Gassner aufmerksam gemacht):

http://www.islamicfinance.de/?q=node/585

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Written by lochmaier

Januar 18, 2010 um 8:10 am

Veröffentlicht in Uncategorized

3 Antworten

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  1. Sehr interessanter Beitrag. Ein Privatkreditmodell in einer islamisch beprägten Gesellschaft scheint mir sehr unwahrscheinlich und wenn solche Modelle überhaupt zugelassen werden, dann unter sehr viel restriktiveren Bedingungen.

    Eduard

    Januar 18, 2010 at 10:39 am


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