Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Islamic Finance (Teil II): Hoffnungsträger oder Medienhype?

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II. Teil: „Hawala-Banking“ – Informelle Schattenwirtschaft oder besondere Form von Social Banking?

Gestern hatte Gastautor Dirk Elsner vom Blicklog eine kleine Einführung mit vielen nützlichen Links zur Islamic Finance gegeben. Heute nun folgt der zweite Teil, eine Analyse und Standortbestimmung, wie sich dieses Finanzsystem mit seinen zahlreichen formellen und informellen Facetten und Gegensätzen in den Kontext der Banken- und Finanzwelt einordnen lässt.

Beginnen wir mit einer ganz einfachen Frage: Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum eine Bank für einen Kredit überhaupt Zinsen verlangt? Wenn nein, dann bietet diese Straßenumfrage auf 95-Fragen v. 11.01. einige interessante Antworten von den Bürgern – Warum muss man Zinsen zahlen, wenn man Geld braucht:

Quelle: beliebteste frage am 11.01.2010 from 95fragen_de on Vimeo.

Zinsen sind ein grundlegender Bestandteil der Bankenökonomie. Beim Islamic Banking ist das Raster – siehe den ersten Teil dieser Serie – jedoch ein sehr enges. Beschäftigen wir uns im zweiten Teil mit weiteren Varianten der Geldwirtschaft, quasi den eher unsichtbareren, und da ist mit Blick auf die Abgrenzung zur Islamic Finance das so genannte „Hawala-Banking“ ganz interessant:

Hawala-Banking: „Unsichtbares“ Geld

Das arabische „Hawala-Banking“ stellt ein System von inoffiziellen Banken dar, bestehend etwa aus Reisebüros, Imbissbuden, Einzelhändlern oder sonstigen Kontaktpersonen. Dieses informelle Transfersystem sollte zunächst los gelöst von dem Vorwurf diskutiert werden, es diene auch der Finanzierung von Terrorismus und Drogenhandel.

Vereinfacht ausgedrückt funktioniert das Verfahren so: Ein zum Beispiel im Ausland lebender Absender erhält ein Papierstück mit vier Ziffern. Den Inhalt übermittelt er seiner Familie im Heimatland, die sich das Geld gegen Angabe des richtigen Codes in der Heimat beim örtlichen Hawala-Händler abholt.

Die Methode hat sich gerade in politisch wie wirtschaftlich instabilen Regionen wie Südasien oder Pakistan etabliert, die über keine sicheren Wege verfügen, das Geld von A nach B zu transferieren. In Verruf steht dieses undurchsichtige System des zwischenmenschlichen Geldtransfers deshalb, weil damit prinzipiell auch die Geldwäsche beim Drogenhandel oder die Finanzierung anderer krimineller Aktivitäten bis hin zum Terrorismus möglich ist.

Doch ist dies eine relativ einseitige Sichtweise auf die nah- und fernöstlichen Kulturen. Andererseits gelten in arabischen Ländern beim regulären Geschäft über Geldinstitute sogar moralisch deutlich strengere Regelwerke als in westlichen Ländern. Islamic Banking grenzt sich dabei sogar deutlich vom informellen Hawala-System ab.

Über die Koran-konforme Anlagepolitik beispielsweise von Aktienfonds wacht eigens ein Sharia-Rat. Aber auch Hawala-Banking kann durchaus Sinn machen. So gibt es in Deutschland einige von der Bankenaufsicht zugelassene legale Händler, die sich verpflichtet haben, höhere Geldzahlungen an die Behörden zu melden.

Wie vielfältig und manchmal nützlich die Aspekte der Geldgeschäfte oder Überweisungen ohne Banken sind, zeigt auch das Beispiel M-Pesa aus Kenia. Dort überweisen immer mehr Menschen (rund 9 Mio.) sich gegenseitig Geldbeträge per Handy – 200 Millionen Euro pro Monat, weil es oftmals die einzige Möglichkeit ist, es außerdem sicherer ist, relativ billig, und die Wege auf dem Land weit sind. Dies allerdings als sozialen Beitrag für die Armen bzw. zur Armutsbekämpfung anzusehen, führt dann doch ein Stück zu weit, wie ein Artikel in Spiegel online mit einigen interessanten Leserkommentaren am Ende beleuchtet (zumal das System von den Mobilfunkbetreibern kontrolliert wird):

http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,670684,00.html   

Derartige Parallelsysteme wie „Hawala“ zu den Banken lassen sich jenseits von krimineller Energie als eine – nicht nur in der Grauzone – angesiedelte Form von „Social Banking“ begreifen. Denn beim Hawala arabischer Prägung spielt persönliches Vertrauen eine große Rolle, da das System für den Geldtransfer von Fremden und Außenstehenden verschlossen bleibt. Nur wer verwandtschaftliche oder freundschaftliche Beziehungen besitzt, erhält Zutritt. Das kann durchaus sinnvoll sein: Überzogene Bankgebühren gerade bei Auslandsüberweisungen sowie unzuverlässige Bankstrukturen in einigen Ländern lassen gerade in politisch und wirtschaftlich unsicheren Regionen diese informelle Form von Social Banking als nachvollziehbar erscheinen.

Hinzu kommt, dass Überweisungen von Migranten in die Heimat (Remittances), deren Volumen die Weltbank für das Jahr 2008 auf 283 Millarden US-Dollar schätzt, nicht nur teuer sind. Alternative Überweisungswege, etwa um überschüssiges Einkommen von einem Industrieland an Angehörige in einem Land der Dritten Welt zu versenden, spielen auch monopolartige Strukturen der Anbieter in die Hände.

Allein die Western Union Company verfügt über ein Netzwerk von 375.000 Vertriebsstandorten in über 200 Ländern und Territorien. Kein Wunder also, dass auch in weiteren Kulturen jenseits von arabischen Ländern „menschliche Mittlersysteme“ existieren, um der Fremdbestimmung durch (ausländische) Banken zu entgehen. So existiert in Asien das „fliegende Geld“, das mit Begriffen wie Chop, Huikuan oder fei chien bezeichnet wird.

Des Weiteren haben sich in einigen Ländern mit einer starken Parallelwährung informelle Austauschkanäle zum legalen Geldtransfer etabliert, wie in Lateinamerika beim jeweiligen Pendant zum US-Dollar der Fall. Als ein Beispiel gilt Kolumbien, mit dem stillen Transfer zwischen dem Peso und der dominanten amerikanischen Zweitwährung. Der Einfluss der dortigen Drogenmafia auf den Geldkreislauf ist kaum zu übersehen. Ein gewisser Teil des Umlaufvermögens wird sich somit immer der realen Kontrolle entziehen, unabhängig davon, ob es in einer parallelen Schattenwirtschaft geführt oder auf geheimen Konten registriert wird.

In Deutschland schätzen Experten den Anteil von „Schwarzgeld“ außerhalb der realen Ökonomie auf mehrere hundert Milliarden Euro. Ein Großteil davon wird, unabhängig vom kulturellen Kontext, auch weiterhin außerhalb des legalen Spielfelds operieren. Die Akteure bleiben aus den unterschiedlichsten Motiven heraus unsichtbar, statt sich dem Risiko auszusetzen, bei jedem Geldtransfer im Internet und über die offizielle Banküberweisung einen Fingerabdruck zu hinterlassen.

Der dritte Teil dieser kleinen Serie am kommenden Montag widmet sich den Zukunftsperspektiven von Islamic Banking und Finance – und zwar vorrangig unter der Fragestellung, inwieweit sich neue Peer-to-Peer-basierte Geschäftsmmodelle auch auf diesen Bereich übertragen lassen – und welche Chancen eine Verschmelzung der nachhaltigen Finanzkulturen auf den Mainstream der Finanzwelt hat.

Hier gehts dann am Montag zum dritten Teil:

https://lochmaier.wordpress.com/2010/01/18/islamic-finance-teil-iii-verschmelzung-der-nachhaltigen-finanzkulturen/

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Written by lochmaier

Januar 15, 2010 um 8:15 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

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  1. […] gehts also dann hier zum zweiten Teil: Hawala-Banking – informelle Schattenwirtschaft oder besondere Form von […]


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