Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Mikrokosmos: Was leisten neue Währungseinheiten im Web?

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Das Weblog Carta wirft in die Diskussion, wo denn die großen Zukunftsdebatten in unserer Gesellschaft zu verorten seien. Als eines der relevanten Themenfelder sieht Autor Matthias Schwenk, der das Weblog BWLzweinull betreibt, auch das Thema: Virtuelles Geld.

Der Beitrag stellt dabei in den Raum, dass insbesondere Facebook Credits als denkbare Parallelwährung eine Art Revolution im virtuellen Raum einleiten könnte – und somit eine gewisse Hebelwirkung auf das Zentralbankgeld ausüben, die letztlich an der Quelle sitzen. Hier geht’s zum ganzen Beitrag:

http://carta.info/19029/future-shock-debatten-zukunft/

Die klassischen Banken und auch die Zentralbanken werden aufpassen müssen, dass sie von diesen Entwicklungen nicht überrollt und an den Rand gedrängt werden: Vordenker wie Douglas Rushkoff gehen in ihren Überlegungen nämlich schon so weit, dass sie die Monopolstellung von klassischem Zentralbankgeld in Frage stellen

Quelle: Carta

Zur Bedeutung des Zentralbankgeldes im Bankenwesen zitiere ich aus einem Interview mit Professor Richard Werner, der derzeit eine Gastprofessur für Monetäre Theorie an der Goethe-Universität in Frankfurt inne hält:

Nur ein bis zwei Prozent der Geldmenge kommt von den Zentralbanken. Es wird nur der Eindruck erweckt, dass Zentralbanken die Geldmenge erzeugen. In Wirklichkeit erfüllt dies eine PR-Funktion. Die Bevölkerung soll in diesem Glauben bleiben. 98 Prozent der Geldmenge schaffen Banken. Diese Macht haben sie selbst nach der Rettung durch die Regierungen noch.

Quelle: http://www.boerse-online.de/aktien/deutschland_europa/:Interview-mit-Richard-Werner–Ein-untragbares-System/514469.html

Fazit: Entscheidend ist, was Banken und andere an der Geldwertschöpfung beteiligte Gruppen aus dem Zentralbankgeld machen, ob sie es produktiv in die Wirtschaft einsteuern, oder damit nur virtuelle Wolkenkratzer wie in Dubai und anderswo errichten. Aber die vermeintlich so eingängigen alternativen Lösungswege klingen zwar auf den ersten Blick betrachtet ganz gut, schauen wir aber doch mal im Detail, was da dran ist, also, ob es sich um Hype, „Spielgeld“, oder tatsächlich einen evolutionären Schritt in Richtung neue Währungseinheiten geht. 

Ausgangsfrage: Wie lassen sich die legal im Geldkreislauf operierenden „Communities“ im Netz monetarisieren? Oder anders gefragt: Lässt sich mit einem Paradigmenwandel hin zu anderen Austauschsystemen überhaupt eine Art Netzökonomie gestalten, in welcher Form auch immer?  

Ein direkt von der Kredit- und Finanzwirtschaft verwaltetes gemeinschaftliches Social Banking-Modell kann nur auf Basis von Waffengleichheit funktionieren. Geber und Nehmer von Waren gegen „Geld“, einer „Dienstleistung“ oder von „Wissen“ sollten gleichermaßen profitieren. Und hier liegt der große Widerspruch beim Versuch der Betreiber, aus sozialen Netzwerken in erster Linie Kapital für eigene Interessen zu schlagen.

Folglich dürfte das Internet kaum dazu beitragen, die Funktion des Geldes als tragende Säule des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems abzulösen. Aber: Es entstehen unzählige neue Spielarten, die Sichtweise auf den Umgang mit Geld durch spielerische Varianten neu zu beleben und diese mit dem Lebensstil der interaktiven Gemeinde zu verbinden. Gelingt es den Betreibern, hier einen sichtbaren Mehrwert für die Nutzer zu schaffen, so ließe sich darauf möglicherweise ein neues Geschäftsmodell aufbauen.

So sieht der auch im Carta-Beitrag angesprochene amerikanische Medientheoretiker und Buchautor Douglas Rushkoff neue online-getriebene Währungssysteme im Kommen, die das Geld zwar nicht ersetzen, aber deren kreative Verwendung direkt von den Nutzern im Sinne neuer Formen des „Grassroot Cashs“ bestimmen.

Gemeint sind damit etwa „Craigbucks“, eine Art virtuelle Währungseinheit in Ergänzung zur herkömmlichen Bankkarte. Deren Bedeutung skizziert Rushkoff wie folgt:

[…] „Ich sage nicht, dass wir Geld ersetzen können—nur dass wir lernen, es selbst in unseren Gemeinschaften zu produzieren. Das bedeutet nicht, dass Banken vollkommen ersetzbar sind, aber dass wir damit aufhören, die Wall Street mit unserem privaten Vermögensmanagement zu beauftragen, damit diese den ausschließlichen Mehrwert aus den Communities für sich einstreichen. […]

Quelle: Douglas Rushkoff: Hack Money, Hack Banking. Quelle: www.arthurmag.com/2009/03/23/hack-money-hack-banking-rushkoff-on-the-economy

Rushkoff sieht nun alternative Währungseinheiten als Speerspitze einer Entwicklung, ein Gegengewicht gegen die traditionelle Finanzindustrie zu schaffen und die Banken quasi von außen in ihrem Machtmonopol zu attackieren. Jedoch bestehe das Ziel nicht darin, die Finanzindustrie zu stürzen, sondern diese zu verbessern. Insofern seien virtuelle Währungen ein Stilmittel, die Banken sozusagen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

In den USA ist aufgrund der hohen Zahl an verschuldeten Haushalten der Aufruf zu zivilem Ungehorsam gegenüber gängigen Bankstrukturen nicht mehr zu übersehen. Hinter der Bewegung steckt weit mehr als eine temporäre Variante von „Bankenbashing“, also der Ausdruck von kurzlebigen Wutausbrüchen gegen die verhassten und geldgierigen Manager. Douglas Rushkoff sieht Veränderungen indes nicht durch staatliche Regulierungen heraufziehen, sondern sieht den Lösungsweg zu einem nachhaltigen Bankensystem mit Hilfe von sozialen Gemeinschaften:

[…] Das Hacking von Kundenkonten seitens der Banken gibt es bereits seit einer längeren Zeit —dies hat dazu geführt, dass Bankenkonglomerate Community-basierte Modelle auf breiter Front erst gar nicht haben entstehen zu lassen. Es ist Zeit, dass sich diese Institutionen erneuern. […]

Noch gehören kritische Stimmen wie die von Rushkoff zu den Außenseitern in einer nach wie vor vom reinrassigen kapitalistischen Unternehmergeist geprägten amerikanischen Kultur. Dass der Aufruf zum „Bankenhacking“ dennoch ein bereits angewandtes Stilmittel bei Privatanlegern darstellt, zeigt ein Beispiel aus Mittelamerika. Twitter-Nutzer Jean Anleu aus Guatemala beschwerte sich laut über das seiner Meinung nach korrupte Geldinstitut Banrural. Mehr noch: Er rief offen dazu auf, Geld von der Bank abzuheben, um die Bank für landwirtschaftliche Entwicklung „bankrott zu machen“.

Die Folgen: Per Gesetz droht dem subversiven Bankkunden Anleu eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren. Die Staatsanwaltschaft begründete das in Aussicht gestellte hohe Strafmaß damit, der Angeklagte habe das öffentliche Vertrauen in das Bankensystem Guatemalas untergraben. Das Beispiel zeigt, dass für Staat und Wirtschaft nicht nur in politisch sensiblen Regionen vieles auf dem Spiel steht, wenn die Bürger verstärkt nach Alternativen zur etablierten Finanzwirtschaft Ausschau halten.

Der oben schon zitierte Finanztheoretiker Richard Werner schlägt nun als Minimalempfehlung vor, dass es Banken verboten werde, Kredite an Firmen oder Projekte zu vergeben, die nichts zum Bruttoinlandsprodukt beitrugen. O-Ton Richard Werner: „Damit wären alle Finanzspekulationen weg und alle Bankenkrisen für alle Zeit verbannt.“

Auch das klingt gut, ist aber in der Praxis kaum durchsetzbar, wie der Experte selbst freimütig einräumt, da Banken ganze Wahlkämpfe und vieles andere mehr mit „unsichtbarer Hand“ aus dem Hintergrund heraus finanzieren. Die Spielregeln auch nur irgendwie produktiv zu verändern, erscheint da recht schwierig.

Die Frage, die noch offen bleibt, ist ob virtuelle Währungen a la „Facebook Credits“ eine (r)evolutionäre Form darstellen, also ob und wie sich virtuelles und reales Geld auf kreative Weise vermischen. Diese Entwicklung steht erst am Anfang, sie wird aber auf alle Fälle spannend zu beobachten sein.

Auch, ob wir Bankgeschäfte direkt über in soziale Netzwerke eingebundene Funktionalitäten erledigen werden, ist eine offene Frage. Dem stehen aber nicht wenige Hürden entgegen, wie ich in früheren Beiträgen auf Social Banking 2.0 versucht habe aufzuzeigen:

https://lochmaier.wordpress.com/2009/11/06/facebook-filiale-banken-setzen-doch-aufs-web-2-0/

 https://lochmaier.wordpress.com/2009/11/10/facebook-und-twitter-eine-banken-landkarte-2-0/

Also: Sicherlich ändern sich die Zahlungsgewohnheiten von sehr vielen Menschen via Facebook Credits und anderen virtuellen Währungseinheiten im Web, wie es Autor Matthias Schwenk in seinem Beitrag zu den großen Zukunftsthemen auf dem Weblog Carta in Aussicht stellt, aber ob sich die „Spielregeln“ des Geldes dadurch ändern, ist mehr als offen.

Schließlich kommt es nicht primär darauf an, ob wir etwas mit Geld bezahlen, sondern wer zu welchen Konditionen mit wem eine Dienstleistung oder ein Produkt austauscht, unabhängig davon, in welcher „Währung“ diese Leistung bezahlt wird.

Das Thema Facebook Credits werde ich in einem der nächsten Beiträge noch etwas ausführlicher behandeln.

Written by lochmaier

Dezember 1, 2009 um 7:43 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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