Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Diskussion: Wie aus Social Banking 2.0 „Common Banking“ werden könnte

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In ihrem Weblog nimmt Gartner-Analystin Kristin Moyer die bislang eher rudimentäre Verbindung zwischen „Social Media und den Banken“ unter die Lupe:

http://blogs.gartner.com/kristin_moyer/2009/02/05/defining-social-media-in-the-banking-sector/

Was kennzeichnet nun Social Media im Bankensektor:

Social media in the banking industry spans a range of online communications using Web 2.0 technologies, including:

  • Financial social networks (FSNs) – for example, Prosper, Virgin Money, Lending Club, Mint, Wesabe, Stockhouse
  • General social networking – for example, Facebook, MySpace, LinkedIn
  • Blogging and microblogging tools – for example, Twitter, Blogger, WordPress
  • Podcasts
  • Wikis such as SocialText
  • Mashups
  • Widgets – for example SmartyPig and iGoogle widgets

Quelle: Gartner

Das Statement aus dem Hause einer der weltweit führenden Unternehmensberatungen und Marktforschungseinrichtungen in der Informationstechnologie klingt gut. Was aber kennzeichnet die Verbindung zwischen Social Media und Banking?

Das Weblog Social Banking 2.0 sieht hier doch mehr Veränderung, als den Kunden über einen zusätzlichen Vertriebskanal im Internet mit in das Bankgeschäft einzubeziehen. Mein Vorschlag lautet:

Ersetzen wir den Begriff Social Banking (2.0) doch durch das Wort:

Common Banking

© Textbüro Lochmaier – und der Rest der Welt, bitte mit Quellenangabe weiter verwenden.

Der Begriff drückt meines Erachtens am besten aus, worum es in der Bank der Zukunft gehen wird. Der Begriff „sozial“ ist ohnehin historisch in vielerlei Hinsicht vorbelastet – siehe unter anderem meinen Eintrag auf diesem Weblog hier:

https://lochmaier.wordpress.com/2009/11/19/diskussion-was-ist-oder-was-konnte-social-banking-sein/

Oder den Beitrag hier zur „Bankenwelt vor dem Wochenende“ auf Finance 2.0, in dem Boris Janek die folgende, ganz interessante Schlußfolgerung zieht:

Eventuell ist ja eine Bank, die  von Kunden gestaltet wird, ja die höchste Form von Social Banking.

Quelle: Finance 2.0

> Um die Welt der Bank 1.0 und die Welt des Social Bankings (2.0) freilich auf einer für alle Seiten akzeptablen Grundlage zu verbinden, bedarf es eines Begriffes, mit dem viele Seiten leben könnten. Deshalb mein Vorschlag: Common Banking – es drückt nicht nur im allgemeinen Sinne ein paar lose formale Richtlinien, die sich ganz alltäglich unter dem Begriff „Common Banking Services“ für das Management von Banken ausdrücken lassen, wie etwa hier nachgelesen werden kann:

http://www.commbank.com.au/personal/apply-online/download-printed-forms/CAR0252_ADB1782FeesCharges.pdf

http://www.eioba.com/a10976/defining_common_banking_terms

Es geht nämlich nicht nur darum, wie die Bank anhand von konkreten Abläufen und Verhaltensregeln mit dem Kunden umspringt, im Sinne von Common Banking Services. Es gilt die Brücke zu Social Media im Bankensektor zu schlagen.

Und hier müssen wir uns zunächst einmal die Frage stellen, was denn den vielerorts gebräuchlichen und heute oftmals missverstandenen Begriff „Social Banking“ ausmacht, wenn es um die neuen, direkt von Nutzern gestalteten Plattformen und „finanziellen soziale Netzwerke“ geht -, die Kristin Moyer oben in ihrer Übersicht sicherlich nicht ganz unabsichtlich an die erste Stelle gesetzt hat, wie Prosper,Virgin Money, Lending Club, Mint, Wesabe, Stockhouse.

Der Begriff Social Banking geht zurück auf die USA. Rechtssoziologe Udo Reifner definiert Social Banking wie folgt:

[…] Nach allzu lang und fruchtlos geführten Prinzipienstreitereien über die Vereinbarkeit von Gewinnprinzip und Solidarität, privater Wirtschaft und sozialem Verbraucherschutz, Eigenverantwortung und Fürsorgepflicht etc. geht es dem ‚Social Banking’ um eine fallbezogene pragmatische Herangehensweise ohne den Anspruch darauf, globale Lösungsansätze zu liefern oder bestehende Konzepte etwa staatlicher Programme abzulösen. Im Grunde geht es also um eine soziale Beweglichkeit in der alltäglichen Praxis einer Bank. […]

Quelle: Udo Reifner: Social Banking – Ansätze und Erfahrungen über die Integration sozialer Zielsetzungen in privatwirtschaftliche Finanzdienstleistungen. In: Schuster, L (Hrsg): Die gesellschaftliche Verantwortung von Banken, Erich Schmidt, Berlin 1997.

Als historischen Ursprung von Social Banking in den USA sieht Reifner den „Community Reinvestment Act“ an, der von der damaligen Regierung unter Jimmy Carter im Jahre 1977 verabschiedet worden war. Folgt man dieser Argumentation, dann stellt Social Banking keineswegs die betriebswirtschaftlichen Grundlagen des Bankgeschäftes infrage, sondern erweitert diese um den sozialen Aspekt, jedoch unter Einbeziehung einer marktüblichen Rendite für das eingesetzte Kapital.

Das Ziel von Social Banking besteht laut Reifner darin, Finanzdienstleistungen zu entwickeln und zu verbessern, damit sich auf eine gewinnbringende Art und Weise die wirtschaftlichen Strukturen von benachteiligten Gebieten, Gruppen und Wirtschaftsbereichen erhalten und fördern lassen.

Wagen wir nun den Spagat zwischen Social Banking und Social Media – also zu der von mir vorgeschlagenen neuen Wortschöpfung Common Banking, sozusagen die zweite Generation des „Community Reinvestment Aktes“.

Was ist Common?  Darunter verstehe ich vor allem eine aus der Mitte der Gesellschaft heraus gestaltete Bank, die nicht von oben herab durch exerziert wird – sondern vom Gemeinwesen gestaltet wird, und die der Gemeinschaft dient.

Insofern also läge der Fokus beim Common Banking gerade nicht nur auf der Förderung von sozialen Randgruppen, oder von neuen ökologischen Ideen und Projekten, sondern auf der ganzen Gesellschaft. Der „gewöhnliche“ Banker und die „gewöhnliche Bank“ zum Anfassen sozusagen, eine Art moderne Direktbank 2.0:

https://lochmaier.wordpress.com/2009/11/20/kommentar-banker-zum-anfassen-so-sieht-die-direktbank-2-0-aus/ 

Das Internet, und damit Social Media, kann genau diese Brücke bereitstellen, um die Welt der alten Banken mit neuen Kommunikationsmöglichkeiten zu bereichern, im Sinne von mehr direkter (sicherlich auch anstrengender) Demokratie, im bislang ausschließlich hierarchisch durch organisierten Finanz- und Bankenwesen. Das wäre eine echte Evolution.

Im Rechtswesen beschreibt „Common law“ eine für die gesamte Gesellschaft allgemein verbindliche Rechtsgrundlage. Es gibt jede Menge Ideen, wie man eine Bank nennen kann. Die in Deutschland gerade gestartete Noabank knüpft indirekt und ungewollt mit ihrer Namensgebung an der Kultur der in Neuseeland beheimateten Maori an.

https://lochmaier.wordpress.com/2009/11/06/noa-bank-greift-an-wir-sind-alle-opfer-der-grosen-banken/

„Noa Bank“ bedeutet frei übersetzt „gewöhnliche Bank“, aber nicht im Sinne von trivial, sondern einem kulturell für alle Menschen verbindlichem Arrangement, also eine gesamtgesellschaftliche Übereinkunft über die Wertewelt, denen die ganze Gemeinschaft folgen möchte.

Eine kleine Übersicht über die „Schnittmengen“ in der Bankenwelt:

Noa Bank – die gewöhnliche Bank

Fidor – Community Banking – Banking mit Freunden

Smava – Kredite von Mensch zu Mensch

Ökobanken – Oikos (griechisch): Das Haus

Triodos – historisch: eine Niederlassung in der griechischen Präfektur von Messina

Genossenschaft/Kooperative – ein Zusammenschluss von natürlichen und juristischen Personen (Personenvereinigung), die sich gemeinsam unternehmerisch betätigen (genossenschaftlicher Geschäftsbetrieb) 

„Volks-Bank“

GLS „Gemeinschaftsbank“   

Comunitae – Spanische P2P-Kreditplattform

Civic Banking – spanischer Begriff: Übersetzt bedeutet dies die „Bürgerbank“

Tu cuentas – Du zählst – Spanische Plattform der BBVA

Kiva – Kiva.org ist eine amerikanische Plattform zur Vergabe von Mikrokrediten. Kiva ist ein Zeremonien- und Versammlungsraum der Pueblo-Kulturen.

Quirin Bank – auf Honorarberatung spezialisiert. Historisch: Quirinus – häufig gebrauchter Name in der römischen Zeit , vermutlich auch eine Gottheit der Sabiner  

Babyloan – französische Plattform für Mikrokredite – historisch: Babylon war eine der wichtigsten Städte des Altertums

Zopa – britische P2P-Kreditbörse – übersetzt: Zone for possible agreement – Gebiet für eine mögliche Übereinkunft

….. hier könnte Ihr Beitrag stehen!

Die „Commons“ sind somit die schützenswerten Güter einer Gemeinschaft. „Commons“ agieren wie eine Art „Gemeinderat“ vor Ort, dezentral aufgestellt. Das bringt Farbe ins Spiel ums große Geld – und müsste das Ziel einer in der Mitte des Gemeinwesens nachhaltig verankerten Bankenwirtschaft sein, auf dessen Grundlage sich alte und neue Spieler treffen könnten.

Passend wäre dazu auch der Begriff „Nachbarschaft„, den PR-Blogger Klaus Eck etwa hier mit Blick auf die Unternehmen ins Feld führt, oder der Begriff (globale und lokale) Dorfgemeinschaft, den Fidor-Geschäftsführer Matthias Kröner hier im Interview mit Social Banking 2.0 – was ist eigentlich Community Banking –  so elegant erklärt hat.   

Indes: Wie weit die konventionelle Branche von diesem idealistischen Leitbild „Common Banking“ entfernt scheint, das verdeutlicht in eindrücklicher Weise der Vortrag des renommierten Korruptionsspezialisten Wolfgang Hetzer kürzlich auf der Fachtagung Euro Finance Week, vor einem fast leeren Saal. Letztlich scheint also der ehrbare Kaufmann immer noch ein „Störfaktor“ im Geschäft der Bankenlenker zu sein. Geld schlägt alles, auch die Moral. 

Das ZDF berichtete gestern in Frontal 21 (wenngleich etwas volkstümlich und publikumswirksam polarisierend), das Redemanuskript dazu von Wolfgang Hetzer ist aber hier vollständig abgedruckt:

http://frontal21.zdf.de/ZDFde/download/0,6753,7013449,00.pdf 

Wolfgang Hetzer nennt als Ursachen für die Finanzkrise persönliches Versagen, professionelle Inkompetenz, politische Nachlässigkeit und kriminelle Energie. Unternehmer hätten das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns aufgegeben und folgten der Logik der Mafia. Der Korruptionsexperte mahnt strengere Konsequenzen an: Vergütungsregeln, zivilrechtliche Haftungspflichten und strafrechtrechtliche Sanktionen.

Quelle: http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/25/0,1872,7941337,00.html

Wo also liegt die Zukunft: Vielleicht im Mensch, denn jeder Bürger ist ohnehin der einzige systemimmante Rettungsfallschirm im Finanzwesen. Die neuen Peer-to-Peer-Kreditmarktplätze und Plattformen, auf denen sich Anleger gemeinsam nicht nur über die Geldanlage austauschen, sondern ganz konkrete Projekte und Ideen realisieren, sie nehmen die strategische Brückenfunktion zwischen der alten und neuen Welt ein.

Der „Commoner“ ist bislang laut Definition jedoch „nur“ der „gemeine“ Bürger, der Nichtadlige, oder im britischen Rechtsverständnis ausgedrückt, das Mitglied des Unter- und nicht des Oberhauses. Das muss und soll nicht so bleiben.

Die Gesellschaft braucht den mündigen, selbst verantwortlichen Geldanleger, Kreditgeber und Kreditnehmer, der das Kapital in die richtigen Kanäle fließen lässt. Common Banking at it’s best.

Der neue „Allgemeinsinn“ – Common Sense – er könnte die Brücke bilden, zwischen den Umwelt-, Ethik- und Genossenschaftsbanken, über die etablierten Privat- und Geschäftsbanken, bis hin zu den neuen Spielern in der über soziale Netzwerke organisierten Kreditvergabe und Geldanlage. 

Zu viel Idealismus, dass plötzlich alle gemeinsam an einem Strang ziehen, ist jedoch kaum angebracht. Veränderung entsteht nicht in der Harmonie, sondern in der alltäglichen Reibung. Deshalb liegt die Verbindung zur Zukunft von Common Banking in der kreativen Verschmelzung, mit Hilfe gerade von jenen etwas unscharf als „soziale Medien“ gekennzeichneten Werkzeugen, im Fachjargon eben als Social Media bezeichnet.

Und diesen Trend können die neuen Banken, die sich dem Peer-to-Peer-Banking oder Social Lending verschrieben haben, viel besser und viel rascher als die etablierten Spieler adaptieren, die um ihre Macht fürchten müssen, wenn sie dem Kunden eine zu lange Leine lassen.

Deshalb: Aus Social Banking wird „Common Banking“, mit Hilfe von dezentral gesteuerten Netzwerken, bei der sich mündige Verbraucher über den Einsatz von sozialen Medien aktiv und direkt in die neue Bankenwelt einbringen und diese mitgestalten.

Davon hätte die gesamte Weltgesellschaft rund um den Globus etwas, der Kreis zwischen Social Banking, Social Media und Common (Private) Banking würde sich (zumindest in der begrifflichen Welt) schließen. 

Aber nicht nur dort: Auch Claus Lehmann, der die Plattform P2P-Kredite betreibt, resummiert mit Blick auf finanzielle Netzwerke, in denen sich die Menschen zur gemeinsamen Kreditvergabe versammeln:

Auch wenn sie (Anmerkung: die Banken) sich nicht äußern, glaube ich, dass jede Bank mittelfristig für sich entscheiden muss wie sie zum Thema P2P Kredite steht. Umarmen und integrieren, bekämpfen, beobachten, ignorieren? Letzteres dürfte aus meiner Sicht die schlechteste Entscheidung sein, denn die Chancen, dass diese Form der Kreditvermittlung über das Internet sang- und klanglos wieder verschwindet, sehen aktuell nicht sehr groß aus.

Quelle: http://www.p2p-kredite.com/neues-interview-mit-alexander-artope_2009.html

Denn die „Commons“, die sich gerade über soziale Netzwerke organisieren kann, macht all das aus, was wir gemeinsam schützen und erhalten sollten. Und wir brauchen dazu aus gutem Grund einen weltweit in englischer Sprache gültigen Begriff. Aber eine englische Wortschöpfung darf ja auch mal in Deutschland neu erfunden werden, oder? 

Also: Common Banking – eine „Schnapsidee“, oder ein ganz guter Begriff? Diskutieren Sie oben mit und hinterlassen Sie einen Kommentar.

Vielleicht erhält ja dieses Weblog bald schon ein neues Zuhause in der neuen Bankenwelt:

www.commonbanking.com

www.commonbanking.de

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Written by lochmaier

November 25, 2009 um 11:17 am

Veröffentlicht in Uncategorized

6 Antworten

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  1. Wieder einmal ein sehr interessanter und lesenswerter Beitrag. Der Begriff common banking gefällt mir auch besser als der Begriff social banking.

    Dennoch klingt mir das Konzept zu idealistisch oder ich habe es nicht richtig verstanden. Eine Bank, „die nicht von oben herab durch exerziert wird – sondern vom Gemeinwesen gestaltet wird, und die der Gemeinschaft dient.“ hat sicher auch eine Zielgruppe, aber ob die ausreicht, sie zu tragen, bezweifele ich.

    Wir sollten nicht vergessen, dass Banken sich so verhalten, wie sie sich verhalten, nicht daran liegt, dass dort „böse Manager“ sitzen, sondern weil Kunden (ob Privatpersonen, Unternehmen oder institutionelle Investoren) die Institute groß gemacht haben. Sie wollen hohe Verzinsungen ihrer Einlagen und riskante Geschäfte finanzieren.

    Aber ich glaube, ich denke noch einmal in Ruhe über das Konzept nach. Vielleicht telefonieren wir auch einmal dazu.
    Beste Grüße
    Dirk Elsner

    delsner

    November 26, 2009 at 8:35 pm

  2. […] sich diese neuen Segmente entwickeln werden. Wie auch immer man die Begrifflichkeiten wählt, wie Banking 2.0, Common Banking, Social Banking oder Web 2.0-Banking, es ist ein “Work in Progress”. Niemand stellt sich […]


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