Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Fidor: Interview – Was ist eigentlich „Community Banking“?

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Erst vor kurzem hat das Münchner Unternehmen die neue Brokerage-Plattform ibrokr.de gestartet, zu der bald auch die Domain www.ibrokr.com gehört. Die Rede ist von der Fidor Bank AG. Ein Artikel in der Financial Times Deutschland erklärt, worum sich das Rad bei dem innovativen Anbieter von internetbasierten Bankdienstleistungen dreht.

Und hier erklärt Vorstandssprecher Matthias Kröner im Gespräch mit Social Banking 2.0, was es mit dem Community Banking so alles auf sich hat.

Social Banking 2.0: Fidor setzt auf „Community Banking“ – Was ist das eigentlich?

 Community Banking zeichnet sich durch eine Reihe von Faktoren aus:

–          Die User kennen sich, bzw. können sich kennen.

–          Sie tauschen sich zu Geldthemen aus, teilen Erfahrungen mit, geben Tipps und Ratschläge.

–          Die Zielsetzung ist, dass man so – ohne den Einfluss einer Vertriebs-Organisation – zu einer validierten Meinung in Sachen Geld kommt. Der Claim hierzu: „Gemeinsam mehr Geld“ bringt diese Zielsetzung zum Ausdruck. Es besteht die Meinung, dass man durch die Vermeidung von Fehlberatung und Abverkauf eine Menge Geld sparen kann.

–          In diesen Diskurs ausdrücklich eingeschlossen sind „Geld-Berater“, die bereits sind, sich in diesem transparenten Umfeld zu bewegen und zu behaupten.

–          Darüber hinaus: Die User werden bei der Produkterstellung befragt, integriert. Der Kunde ist somit von Anfang an Bestandteil der Wertschöpfungskette. Dies betrifft die Gestaltung von Produkten, es betrifft aber auch die Gestaltung von Preisen.

–          Technisch gesehen bedeutet es den Betrieb einer eigenen Fach-Community. Aber, es bedeutet auch, dass man sich auf den großen Social-Media Seiten zeigt und dort den Usern entgegen geht, die Diskussion rund um Geld auch dorthin bringt.

–          Letztlich bedeutet für uns der Begriff Community Banking auch die technische Möglichkeit für die User, miteinander Transaktionen durchzuführen (peer-to-peer Banking). Dies als veritable Alternative und Ergänzung zu dem eher klassischen Bank-to-Consumer Angebot.

Social Banking 2.0: Kann man das Rad in der Finanzindustrie neu erfinden und den Kunden an die Spitze der Innovationspyramide stellen?

Ja. Ich wüsste nicht, warum das nicht klappen sollte. Natürlich ist uns bewusst, dass nur ein kleiner Teil der User das aktiv nutzen wird – wie es derzeit ja auch schon geschieht. Aber, für den größeren Teil der User ist es wichtig zu sehen, dass es ginge wenn man wollte…  Es geht hier also um die faktische Dokumentation einer kulturellen Grundeinstellung von Seiten des Managements der Bank.

Social Banking 2.0: Wie lässt sich das Konzept der kollektiven Schwarmintelligenz für nach Web-2.0-Prinzipien gestaltete Bankdienstleistungen konkret nutzen?

In erster Linie geht es um das Finden einer Lösung, einer Lösungsalternative. Was meine ich damit? Ich habe (aus welchem Grund auch immer) das Gefühl, dass ich einen Entscheidungsbedarf zu einem gewissen geld.thema habe. Weil ich beispielsweise etwas in der Zeitung gelesen, oder aber, weil ich am Ende des Geldes immer noch etwas Monat übrig habe. Im Rahmen unserer „GELDFRAGE“ hat der User die Möglichkeit, anonym genau diesen Sachverhalt mit eigenen Worten darzustellen. Abhängig vom Thema erhält der User eine Reihe von Antworten, die ihm nun inhaltlich einen gewissen Weg vorzeigen. Mit besonders guten Antwortgebern kann der User auch gerne das persönliche Gespräch suchen.

Im zweiten Schritt geht es um die Validierung einer Meinung. Im Neudeutschen nennt sich das „second opinion“. Warum nicht über die Community eine second opinion einholen, beispielsweise zu dem Ratschlag eines Beraters. Wenn diese Möglichkeit in der Vergangenheit bestanden hätte, dann wäre das ein oder andere an Fehlberatung unterblieben.

Generell bin ich nicht der Meinung, dass man einen Ratschlag unvalidiert einfach so umsetzen sollte. Das gilt für Tipps aus der Community ebenso, wie es auch für den Vorschlag eines Beraters gilt.

Social Banking 2.0: Ist es überhaupt realistisch, dass die Nutzer selbst neue Bankprodukte „erfinden“ und gestalten – oder bleibt hier die große Masse nicht passiv außen vor, wer also treibt wie die Entwicklung voran, wer folgt?

Ich denke, es ist (und wird auch so bleiben) ein Wechselspiel, bei dem mal einige wenige User, mal aber auch das Management der Bank die treibende Kraft ist. Wichtig dabei ist, dass die Bank selbst auch bereit ist, Produktideen verstärkt erst im Netz zu diskutieren und dann umzusetzen.

Social Banking 2.0: Besteht nicht das Risiko, durch Voting-Systeme im Community Banking einen neuen Herdentrieb ähnlich dem an der Börse zu generieren, der dann die Rendite für den einzelnen Geldanleger letztlich wieder ins Minus drückt?

Nein, das Thema sehe ich bei „Personal Finance“ Themen nun überhaupt nicht. Bei der Börse schon. Da aber nicht. Im Gegenteil: Ähnlich wie beim Einkauf von Konsumgütern können wir bei dieser Art von Produkten den Preis umso effizienter machen, je mehr User/Kunden daran teilnehmen. Insofern klare Antwort: Das Gegenteil ist der Fall. Es geht hier nicht um Informationsvorsprung, sondern um effiziente Produktion.

Social Banking 2.0: Wie kann das von Fidor propagierte Motto „Banking unter Freunden und Gleichgesinnten “ funktionieren. Eigentlich hört doch meist beim Geld die Freundschaft auf, selbst in der eigenen Familie (spätestens wenn es ans Verteilen der Erbschaft geht), oder?

Na ja, das geht in manchen Familien mal so, in anderen anders. Auch sehen wir doch eine klare Bewegung hin zur Nachhaltigkeit. Aber, darauf wollen wir uns nicht alleinig verlassen.

Die Technik des Internets und dabei herausragend des Web 2.0 funktioniert, wenn sie richtig angewendet wird, wie eine regionale Vor-Ort-Community. Nennen wir es DORF. In einem Dorf ist jeder mehr oder weniger gezwungen sich nachhaltig zu verhalten, da er ansonsten aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wird. Ohne das Bild zu weit zu strapazieren, weil da ansonsten sehr schnell auch die falschen Assoziationen hochkommen, kann man sagen, dass das im Web 2.0 auch funktioniert.

Denn letztlich kann es im Internet bei Fehlverhaltensweisen zu ähnlichen Gesprächen kommen, wie auch in einem Dorf. Das Beispiel eBay zeigt, wie das geht, indem Käufer und Verkäufer sich bewerten können. Das geht ja bereits in diese Richtung und wird von uns sicher aufgegriffen werden.

Social Banking 2.0: Welche Produkte und Dienstleistungen kann und sollte „Community Banking“ beinhalten?

In erster Linie natürlich das, was der Kunde möchte. Vielleicht eine scheinbar doofe Antwort. Aber eine ernst gemeinte. Der Kunde ist ja Bestandteil der Wertschöpfungskette wie eingangs beschrieben. Dann: Produkte, die dem Kunden helfen. Wobei braucht er Hilfe? Unsere Meinung ist, der Kunde muss sich massiv um die eigene Kaufkraft sorgen machen. Die vor uns liegenden Zeiten werden hart. Insofern muss dieses Szenario van Banken berücksichtigt werden. Und: Produkte, die Spaß machen. Das ist aber unser Geheimnis, was wir darunter verstehen 😉

Social Banking 2.0: Wie sieht seitens Fidor ein für beide Seiten profitables Geschäftsmodell aus, das sowohl für die Community, aber auch für den Betreiber funktioniert und sich für beide rechnet?

Ganz einfach: Für eine gewisse Art des Peer-to-Peer Bankings bekommt die Bank Commission Income. Ansonsten: Bilanz. Einlagen auf der einen Seite, Kredite auf der anderen.

Social Banking 2.0: Welche Zukunftsvision verfolgen Fidor und Sie persönlich, wäre das P2P-Banking oder Community Banking nicht auch ein Modell für die ganze Wirtschaft, zum Beispiel im Bereich von Unternehmensfinanzierungen für kleine und mittelständische Betriebe?

Um den konkreten Teil der Frage konkret zu beantworten: Wir sehen sogenanntes Crowdsourcing sicherlich als Bestandteil des zukünftigen Angebots. Wird es der Königsweg der Finanzierung werden? Nein, glaube ich nicht. Aber man muss den ersten Schritt in diese Richtung gehen.

Darüber hinaus: Meine Vision ist es, eine internationale, im Web agierende moderne Bank zu bauen, die hauptsächlich durch die Kunden gestaltet und getrieben ist. WIR SIND DIE BANK!  Das sollte der Ausruf aus Kundensicht sein… 😉

Interview: Lothar Lochmaier

© Textbüro Lochmaier

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Written by lochmaier

November 19, 2009 um 8:32 am

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4 Antworten

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  1. […] der Begriff (globale und lokale) Dorfgemeinschaft, den Fidor-Geschäftsführer Matthias Kröner hier im Interview mit Social Banking 2.0 – was ist eigentlich Community Banking –  so elegant […]


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