Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Social Media: Warum Direktbanken das soziale Internet verschlafen

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Charakteristisch für das Bankwesen in Deutschland ist seine „Drei-Säulen-Struktur“. Damit gemeint ist die organisatorische Trennung zwischen Genossenschaftsbanken (Kreditgenossenschaften und genossenschaftliche Zentralbanken), öffentlich-rechtliche Institute (Sparkassen und Landesbanken) sowie Privatbanken.

Nach diesem drögen Einstieg immer noch Lust weiterzulesen? Wir sind dem sozialen Internet zugeneigt, und das ist auch gut so. Neben den per Satzung auf das Gemeinwohl verpflichteten Genossenschaftsbanken und öffentlich-rechtlichen Instituten hat sich seit den siebziger Jahren mit den Umwelt, Öko- und Ethikbanken nämlich ein weiteres „informelles Spielfeld“ zum Drei-Säulen-Modell etabliert. Der gesellschaftliche und finanzielle Aktionsradius blieb bislang begrenzt, trotz des in jüngster Zeit gewachsenen Kundenzuspruchs. 

Noch immer empfindet der Anleger den sozialen und ökologischen Aspekt als etwas, was die eigene Rendite nicht allzu sehr schmälern darf. Schließlich wird weiter oben in der Gesellschaft ja auch kräftig „abgesahnt“, und wir sollen unser Gewissen damit begnügen, hohe Steuern für die Beseitigung der Finanzkrise zu zahlen und unseren Abfall in der grünen Tonne zu entsorgen?  

Oder ein bisschen für die „Dritte Welt“ zu spenden, die uns jetzt bedrohlich nahe rückt? Das reicht nicht, wenn wir mal ehrlich sind, aber wir können uns trösten: Die große Politik versemmelt ja auch einen Klimagipfel nach dem nächsten. Jeder „Selbst und Ständige“ und jeder zwangsläufig innovativ handelnde Unternehmer wäre schon längst pleite, würde bei jeder Diskussion so wenig herum kommen, so wie vermutlich auch beim nächsten Staatsgipfel zum Weltklima in Kopenhagen  – siehe diesen Artikel in der FAZ hier.  

Wer sich mal das von mir zur kollektiven Nachbearbeitung verfasste „Freundliche Banken-Manifest“ näher angesehen hat, wird vielleicht die bittere feine Ironie in folgendem „Artikel“ bemerken:

16. Wir werden die Welt retten, müssen es aber nicht (gleich sofort tun).   

Möchten Sie sich beteiligen, hier geht’s zur virtuellen „Mitmachbank“:

https://lochmaier.wordpress.com/diskussion-banken-manifest/  

Wieder zurück zum eigentlichen Thema: Ein gutes Umweltgewissen über die individuelle Geldanlage muss man sich aus der sicheren Schlagdistanz zu den eigenen existenziellen Alltagsnöten leisten können. Jedoch mehren sich die Zeichen, dass Anleger zum Umdenken bzw. Umschwenken bereit sind, sofern sich die Konditionen für Standardprodukte wie Festzins- und Tagesgeldanlagen jenen der etablierten Geschäftsbanken angleichen.

Das tun sie aber noch nicht ganz. Die neuen „Sozialbanken“ wie Noa Bank (Tagesgeld und Festzins) sowie Fidor können hingegen mithalten, siehe die heutige Pressemitteilung von Fidor, mit verbesserten Konditionen für Festzinsanlagen (z.B. 2,55 % für 1 Jahr).

Direktbanken erobern das Terrain

Mit der DiBa, heute zum niederländischen Konzern ING zugehörig (ING-DiBa), etablierte sich in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt ein Zugpferd, das heute nach eigenen Angaben rund sechs Millionen Kunden hat. Im Prinzip wären reine Online-Anbieter auch prädestiniert dafür, den Markt fürs Social Banking zu dominieren. Genau dies passiert jedoch erstaunlicherweise nicht. Warum auch? Die Direktbanken würden ihr eigenes Geschäftsfeld „kannibalisieren“, wenn sie dem Nutzer zu viel Kreativität und Freiraum überließen.

Denn die in klassischen internetbasierten Vertriebsstrukturen gefangenen Anbieter sind bislang zwar in der Lage, auf effiziente und kostengünstige Art einfache Geldtransaktionen und Anlageprodukte in den Markt zu schleusen. Sie sind jedoch aus durchaus nachvollziehbaren Gründen nicht in der Lage, die sozialen Bedürfnisse der potentiellen Zielgruppen von Social Banking in ihren Produktphilosophien nachzubilden.

Warum also nutzen sie kein „Social Media“? Bislang bieten Direktbanken eine nutzerorientierte Gestaltung der Webseiten. Immer stehen dabei jedoch die eigenen Produkte im Vordergrund. Blogs, Wikis oder andere soziale Netzwerkfunktionen finden kaum oder gar keinen Raum. Es bleibt meist bei der telefonischen Hotline für Rückfragen. Hoffentlich kommt man gleich durch, aber das klappt bei den Direktbanken meist nicht so schlecht wei bei den Leuten von der segensreichen Telekommunikation, oder wenn man sich erdreistet, den Internetanbieter zu wechseln.   

Für eine ausgiebige Kommunikation mit dem Kunden bleibt aber auch bei den Direktbanken keine Zeit, das würde sich kaum rechnen – zumal die Internet-Direktbanken primär auf den Bereich günstigen Tagesgeld- und Festzinsanlagen fokussiert sind.

Bilanzieren wir in der Mitte dieses Beitrag etwas provokativ: Die Privat- und Geschäftsbanken wollen das soziale Internet nicht nutzen, die Direktbanken können es nicht einsetzen, und die Öko-, Ethik- und Genossenschaftsbanken sind bei all ihren „Verdiensten“ zu sehr in einem konzeptionellen „Add-on-Ansatz“ von Social Media verhaftet. Keine der drei Gruppen sieht vor, den Nutzer direkt am Geldkreislauf und der Produktentwicklung zu beteiligen.

Also: Das Produktdesign bei der Geldwertschöpfung und dem „Supply Chain“ behält sich „die Bank“, welcher Couleur auch immer, als zentrale Instanz vor. Sicherlich gibt es hier auch von der einen oder anderen Seite eine Gegenrede, aber letztlich sitzt die Bank am langen Hebel, der Kunde kommt im Idealfall in den Genuss von mehr Transparenz und einer besseren Information. Das ist ja auch schon was.  

Andererseits bleibt den neuen Spielern im „Social Banking“ ein derart rascher Aufstieg wie den Direktbanken ab Ende der neunziger Jahre verwehrt. Zu komplex und erklärungsbedürftig ist eine dezentral gesteuerte Dienstleistung, die Prozesse zwischen einzelnen Personen oder Gruppen bei der Kreditvergabe oder der Geldanlage relativ aufwändig koordinieren und harmonisieren soll.

Vieles hängt außerdem vom seriösen Geschäftsgebaren der neutralen Zwischeninstanz ab, dem Plattformbetreiber. Es dürfte also noch ein paar Jahre dauern, bis sich zumindest ein Teil der Öffentlichkeit an den Gedanken gewöhnen wird, die eigene Gestaltungsmacht nicht mehr direkt an die Bank abzugeben, um Geld zu verleihen, und dass man auch gemeinsam mit anderen Internetnutzern sein Geld kreativ und produktiv anlegen kann. Das kann Spaß machen, ist aber auch anstrengend. Trotzdem darf behauptet werden: Die Zeit ist reif dafür. Erst recht, falls die Banken weiterhin im Glashaus sitzend, mit Steinen auf die Allgemeinheit werfen, sprich die nächste Spekulationsblase auf uns zu käme, wie das Handelsblatt hier in einem Interview andeutet. Andererseits ist das vielleicht nicht einmal mehr die zentrale Frage, wenn die Deutsche Bank selbst schon einräumt, dass sie die Aufgabe, die Unternehmen mit Krediten zu versorgen, kaum mehr nachkommen kann, wie kurz und knapp auf Spiegel online hier nachzulesen ist 

Und so fällt die bisherige Statusmeldung zur Gründung der Noa Bank recht positiv aus. Was das Blatt- und Netzrauschen angeht, so begrüßen die Marktbeobachter überwiegend die Gründung der Noa Bank. Tenor: Das musste und sollte ja so kommen. Hier eine ganz interessante Bewertung zum Geschäftsmodell auf dem Entwicklungshilfe-Blog (interessant auch der Leserkommentar ganz unten):

http://www.entwicklungshilfe-blog.de/2009/11/social_banking_noabank/

Spekulieren wir doch abschließend mal ein bisschen: Für ein Viertel bis ein Drittel der zivilen Bürgergesellschaft dürfte die Kreditvergabe und Geldanlage über soziale Netzwerke eine auch mit dem eigenen Lebensstil gekoppelte attraktive Zusatzvariante in der Diversifizierung der Geldbörse sein. Warum das ganze Vermögen an abstrakte Institutionen wie die Banken vergeben, noch dazu, wenn diese den finanziellen Mehrwert für sich allein reklamieren?

Die in der Tradition des kosteneffizienten Internet-Vertriebskanals groß gewordenen Direktbanken sind indes nicht in der Lage, diese neue Kundenklientel zu bedienen, weshalb neue Spieler wie die Noa Bank auf den Plan treten, die sich zudem jenseits der gängigen historischen Traditionslinien positioniert haben -, in einer Art undogmatischen Nische zwischen dem Drei-Säulen-Modell, den Öko- und Sozialbanken und den Direktbanken.

Diese Nische ist gar nicht so klein, sondern trifft durchaus den Nerv des Zeitgeistes. Der Gründer der Noa Bank, Francois Nozik, weist deshalb in seinem gestrigen Blogeintrag nicht ganz zu Unrecht auf eine Art „Wahrnehmungslücke“ in der deutschen Bankenlandschaft hin:

http://www.anderebank.de/blog/artikel/warum-brauchen-wir-eine-neue-bank/

Haben die alten und neuen Banken übersehen, was der Kunde wirklich will? Die potenzielle Marktnische einer von den seit Jahrzehnten etablierten Banken noch nicht abgebildeten modernen und zeitgemäßen Lebensstilkomponente dürfte recht groß sein. Diese Klientel freilich jenseits des Marketings zu erschließen und zu binden, das ist jedoch alles andere als ein Selbstläufer.

Und hierin liegt beim Social Banking und beim Social Lending der Kontrast zu den Direktbanken, die vor einem Jahrzehnt los legten, und die zunächst keiner so richtig ernst nahm. Das Geschäftsmodell a la Diba war quasi ein „sich selbst erklärendes“. Schließlich war es ziemlich bequem, Tagesgelder und Festzinsanlagen übers Online-Banking vorzunehmen, und für die verwaltungstechnisch schlank aufgestellten Betreiber wie die heutige Ing-Diba rechnet sich das Ganze auch noch.

Insofern sind die Einstiegshürden deutlich höher, beim Social Banking der zweiten internetbasierten Generation, bei der die Nutzer selbst mittel- oder unmittelbar die Regie führen. Dies wird nur dann eine Innovation für den Massenmarkt sein, wenn es gelingt, den Einsatz von Social Media mit einem über längere Zeit konsistenten, transparenten und attraktiven Geschäftsmodell zu verbinden. Der Gründer der Noa Bank, Francois Nozik beschreibt die Vorteile der Noa Bank wie folgt:

• Keine Spekulation – Geld wird nur der Realwirtschaft geliehen

• Volle Transparenz  Mitwirkung und Beteiligung
• Ein universeller Ansatz – keine Spartenbank
• Eine moderne Vision über die Welt
• Attraktive Konditionen

Quelle: www.anderebank./blog

Das klingt schon mal nicht schlecht – wer würde da widersprechen? Die eigentliche Herausforderung steht freilich noch bevor, nämlich den Einsatz von Social Media mit der Platzierung der Geldeinlagen direkt und kreativ am Puls der Realwirtschaft erfolgreich zu bewältigen. Dies ist freilich eine Aufgabe, mit der wir uns alle „nach“ oder inmitten der Finanzkrise alle gemeinsam konfrontiert sehen. Oder populärwissenschaftlich ausgedrückt: Die Bank sind wir, da wir ohnehin den letzten „Rettungsfallschirm“ im maroden Finanzsystem darstellen. Siehe dazu die folgende Analyse von Social Banking 2.0:

https://lochmaier.wordpress.com/2009/11/16/corporate-social-media-wohin-geht-die-reise-zum-mittelpunkt-der-erde/

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Written by lochmaier

November 18, 2009 um 8:06 am

Veröffentlicht in Uncategorized

5 Antworten

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  1. […] aber bislang komplett ignorieren. Die Gründe dafür habe ich in einem längerem Beitrag vor kurzem hier auf diesem Weblog […]

  2. […] sich dann auch die zwar effizient arbeitenden, aber irgendwie aufgrund von Ideenlosigkeit etwas in die Jahre gekommenen Direktbanken überlebt. Und vielleicht beginnt dann via kreativ geschriebener Zusatzanwendungen und Plattformen […]

  3. […] tiefer einsteigen will in das Banking 2.0, der sollte diese Beitrag von Lothar Lochmaier versuchen: Social Media: Warum Direktbanken das soziale Internet verschlafen. Der letzte umfassendere Beitrag des Blick Logs zum Thema ist hier: “Banking 1.0 meets Banking […]


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