Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Mauerfall: Was ich am 09.11. 1989 gemacht habe

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Nachdem ich das ganze Wochenende gearbeitet habe , werde ich mich heute nachmittag in ein Cafe unweit vom Brandenburger Tor setzen, und (auch) etwas darüber zu sinnieren, was die Finanzwelt im Innersten und Äußersten zusammen hält. Vor dem Brandenburger Tor werden Hillary Clinton und Mikhail Gorbatchev sprechen. Wo war ich eigentlich am 09.11.1989 – was ist in den 20 Jahren seitdem passiert?

Ich studierte damals in Madrid an der alt erwürdigen Universidad de Complutense und war frustriert über den ziemlich schulischen Unterricht. Von der blutigen Kolonialisierung Lateinamerikas durch spanische Konquistatoren hatten auch die Professoren bis heute wenig begriffen.

Kurz zuvor war ich in Madrid mit wenig Geld angekommen. Ich musste also rechnen, und suchte nach einer günstigen Wohnung, um ein Jahr in der spanischen Metropole zu studieren. Im September kam ich an, meine Wohnung in Berlin hatte ich für ein Jahr untervermietet.  

Nachdem ich in einer Billigpension an der Puerta de Sol übernachtete, tat ich mich mit einem jungen Marokkaner zusammen, der wegen des politisch repressiven und wirtschaftlich perspektivlosen Systems in der Heimat ebenfalls sein Glück in Madrid suchte. Er war ehrgeizig, wollte Medizin studieren, und war bereit viel dafür zu investieren.

Wir nahmen zusammen ein billiges Zimmer ohne Fenster und diskutierten die Nächte, was wir aus unserem Leben machen wollten  – früh morgens standen wir auf, um die Zeitungsannoncen nach Wohnungsangeboten zu durchforsten, und unser Glück zu versuchen.

Nach einer Woche fand mein Kommilitone an der Peripherie von Madrid ein günstiges Zimmer. Geld weist jedem von uns seinen Platz in der Gesellschaft zu. Ich kam ja aus dem reichen Deutschland, suchte weiter, wollte im Zentrum wohnen. Ich hatte Glück – und fand Unterschlupf in einer Wohngemeinschaft, die außer mir aus einer exilierten Chilenin, deren Vater hochrangiger Politiker unter der Regierung von Salvador Allende gewesen war, und einer Baskin mit etwas Haaren auf den Zähnen, bestand.

Ich schrieb mich an der Universität ein. Immer wieder las ich in den Zeitungen, dass der Frust im Osten Deutschlands zunahm. Aber obwohl ich in Berlin lebte, und noch dazu Sozial- und Wirtschaftsgeschichte studierte, versagte auch ich komplett als Orakel der Geschichte: Ich sah den Mauerfall schlicht nicht kommen. Professionell gesehen sind Experten eben machmal dümmer als der gesunde Menschenverstand. 

Am 9. November kam ich am späteren Abend gerade von einer langweiligen Veranstaltung an der Uni zurück, als meine Mitbewohnerin Andrea noch in der Tür stehend zu mir sagte: „Cayo el muro de Berlin“   – ich antwortete nur: Estas loco? Die Mauer von Berlin ist gefallen – ich antwortete nur: Spinnst du?

Meine Mitbewohnerinnen verstanden was von Mauern. Beide mussten mit biographischen Brüchen leben, die eine, weil sie aus dem Baskenland stammte, und die andere, weil sie ihr Heimatland nach dem blutigen Militärputsch in Chile 1973 durch Augusto Pinochet verlassen musste. Heimatlose und Pendler zwischen unterschiedlichen Welten verstehen das historische Momentum. 

Ich hingegen war noch ziemlich konsterniert und sprachlos – sah die Bilder am Fernsehschirm und konnte es kaum glauben. Ich erinnerte mich an meine Freunde hinter dem eisernen Vorhang, die ich in den achtziger Jahren während einer großen Fahrradtour in Ungarn kennen gelernt hatte. Immer wieder hatten wir gemeinsame Pläne geschmiedet. Während ich auf dem Macchu Pichu in Peru herumturnte und die alten Inkakulturen studierte, spielten die Freunde im Osten in Tipi-Camps das Leben der nordamerikanischen Indianer nach. Das war kreative Opposition.

Wo waren die Freunde aus dem Osten an diesem Abend? Ich konnte in der Welt herum reisen. Sie waren bis heute im System gefangen. Trotz unserer Freundschaft blieb immer eine gewisse innere Distanz, mir stand die Welt offen.

Ich rief einen deutschen Mitstudenten an, der ebenfalls für ein Jahr nach Madrid gekommen war. Wir gingen mit einer Flasche Sekt auf die Straße. Alle Spanier, die wir trafen, beglückwünschten uns, sie feierten spontan mit uns: Felicitationes! Die Nacht gehörte uns allen, unabhängig, woher wir kamen und wohin wir gingen.

Zwanzig Jahre sind inzwischen vergangen. Auch heute gilt für mich mehr denn je: Wer Visionen hat, der muss nicht unbedingt zum Arzt gehen. Das gilt für die Suche nach einem System, das besser ist als unser jetziges, erst recht. Der Kapitalismus sollte die Kreativität der Menschen unterstützen und fördern, und nicht zerstören.

Das gilt erst recht für die Banken. Neue Banken, ja eine neue Generation von Gründern hat sich auf den Weg gemacht.  Übrigens auch in Spanien, dort gibt es Civic Banking (die Bürgerbank), dort gibt es Communitae, und andere mutige erste Schritte, wie sich hier auf meinem Weblog nachlesen lässt:

https://lochmaier.wordpress.com/2009/07/08/bank-2-0-spanien-a-la-marcha-schlagt-german-angst/        

Spanien a la Marcha schlägt German Angst! – so habe ich am 8. Juli dieses Jahres auf meinem Weblog Social Banking 2.0 getextet. Das meine ich auch heute genau so: Ich habe viel von anderen Kulturen gelernt. Lass die Energie im Alltag fließen, auch oder gerade ohne Esoterikkurs. 

Womit wir beim eigentlichen Problem wären – der „deutschen Angst“ – nirgendwo auf der Welt sonst wird die soziale Dynamik des Mitmachwebs so zerredet wie bei uns. Wir lieben eben die reine Schwarz-Weiß-Malerei, denn solange wir noch ausgiebig diskutieren, brauchen wir ja nichts zu tun. Huch, das Internet ist böse. Sicher, aber es ist auch gut, manchmal sogar verdammt gut.

Ganz anders die Spanier: Sie sind „a la marcha“ – das heißt frei übersetzt so etwas, sie sind ständig unterwegs, auf dem Sprung, ausgehwillig und offen – ich gebe zu, auch ein bisschen vergnügungssüchtig, aber ist doch viel besser als nur gelangweilt unkreativ zu Hause (sorry für die leise Kritik an den sozial abgeturnten Computernerds) rumzuhängen, oder?

Das Entscheidende am Way of Life in Spanien: Kommunikation macht den Leuten Spaß und hat einen Eigenwert, während sie bei uns nur „effizient“, „zielgerichtet „und weitgehend uninspiriert statt findet. Bloß nicht zu viel über mich verrraten, lieber rauskriegen, was der andere will. Wie kann ich mir einen kleinen Vorteil verschaffen – das alltägliche Kommunikationsgeschacher, das mich oft ermüdet. 

Diese kleine „Nestbeschmutzung“ muss also an dieser Stelle leider mal abgesondert werden, denn sie hindert uns daran, in jeder Hinsicht besser zu werden. Zwischenmenschliche Töne dienen allenfalls als Kulisse fürs Geschäft. Warum ich all das erzähle? Weil uns Spanien irgendwie mal wieder die „Show“ gestohlen hat.

Heute hat mit der Noabank in Deutschland nämlich eine Bank begonnen, die von einem 36-jährigen Belgier gegründet wurde, der in Barcelona lebt (Katalonien gehört mittlerweile auch irgendwie zu Spanien), und den Schneid hat, hier durch zu starten. Kaum einer kennt ihn, er kennt kaum einen. Das ist mutig und kann nur uneingeschränkt begrüßt werden. A la marcha statt German Angst!  Die „andere Bank“ mit durchaus menschlichem Antlitz ist seit heute im Internet ansprechbar.

Ich hatte das Geschäftsmodell des Gründers Francois Nozic und das der Noa Bank zunächst kritisch beleuchtet. Ich lerne gerne dazu. Bei einem Gespräch in einem Berliner Cafe, bei dem ungewollt (kein Fake) Günter Schabowski – der Mann, der die Berliner Mauer am 9.11.1989 öffnen ließ – als Kulisse fungierte, überzeugte mich Francois von der Ehrlichkeit seines Ansinnens, eine Bank jenseits der spekulativen Geldströme zu gründen. So verlief unser Gespräch mit meinen Nachbetrachtungen:

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31456/1.html

Vertrauen ist die zentrale Währungseinheit im menschlichen aber auch im geschäftlichen Miteinander. Finden wir doch einfach selbst heraus, wieweit der Mensch als Banker selbst die Zukunft (mit)bestimmen kann. Die Mauer des Schweigens in der Finanzindustrie hat bis heute gehalten, mit einem Geld- und „Kleinanleger“, dem – wie in der früheren DDR – lediglich die Rolle als Statist in der Kulissse einer gefräßigen Geldvermehrungsmaschinerie vorbehalten war. 

Die „Finanzindustrie“ hat indes die Fundamente unserer „Realwirtschaft“ rund um den Globus an den Rande des Kollapses gebracht. Das seltsame Gebaren von den nicht mit dem Kunden auf gleicher Augenhöhe paarungswilligen Bankern muss nicht länger als bis zum 09.11.2009 anhalten. 

Kurzum: Solche Ideen wie jene der Noabank verdienen mehr als eine kleine Chance. Viele Menschen, die dort jetzt arbeiten, haben sich viele Tage und Nächte ins Zeug gelegt, dass die Plattform heute überhaupt das Licht der Welt erblicken kann. Das verdient Respekt. Jetzt kriechen bestimmt die ersten „Besserwisser“ und „Besserverdiener“ aus den Startlöchern, um gleich zu sagen: Das hat keine Zukunft, so funktioniert das nicht. Wirklich?

Keiner von uns hat ein Patentrezept in der Tasche, wie die „Bank der Zukunft“ funktionieren könnte. Aber: Wir sind oder sollten uns alle auf den Weg machen, oder wie man auf Spanisch sagen würde: Vamonos, a la marcha.  Join the Venture.

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Written by lochmaier

November 9, 2009 um 10:09 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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