Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Starker Tobak: Bankenberater ExPacto dämonisiert Social Lending

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Heute nachmittag hat mich – ausgerechnet zum geistig-moralischen Tiefschlaf nach dem Mittagessen – diese Nachricht kalt erwischt: Da zündet in einer aktuellen Pressemitteilung wieder mal ein so genannter Finanzdienstleister und Berater der angeschlagenen Branche ein kleines Manifest:  Mission Impossible -Delete Social lending:

http://www.openpr.de/news/366286/Keiner-will-Banker-sein.html

Wer dies gelesen hat, kann die These „Keiner will Banker sein“ wunderbar nachvollziehen. Nur, sie stimmt so pauschal abgeleitet nicht.  Sicherlich, im Web reproduziert sich die bunte Welt in all ihrer Vielfalt, das Internet und Social Lending sind kein Allheilmittel gegen die Finanzkrise. Mal abgesehen davon, dass man das Geschäftsmodell von Prosper in den USA durchaus diskutieren kann, was ich aufgrund des hohen Zinsniveaus bereits in einem früheren Artikel (3-teilige Serie auf Heise Telepolis) getan habe.

Ansonsten – so gut wie jede in der Pressemitteilung vorgetragene These ist jedoch voll von sozialen Klischees und falschen Behauptungen – einige Kostproben:

Da die Banken die bonitätsstarken Kunden grundsätzlich mit guten Konditionen versorgen, kommen für die Plattformen dann nur solche Kreditnehmer in Frage, die keinen Kredit bei den Banken bekommen haben. Im Vergleich zur bequemen Anonymität der Banken, wird der potentielle Kreditnehmer auf dem Internet Tablett präsentiert, was nicht Jedermanns Sache ist.


Ralph Duell, Gründer und Geschäftsführer der ExPacto: “Die Menschen sind nicht reif für ihre neue soziologische und wirtschaftliche Rolle als Banker, es ist und wird für die nächsten Jahre eine Utopie bleiben.

Die Presseinformation ähnelt übrigens einer Überschrift, die vor kurzem ein Fachartikel in der Zeitschrift „die bank“ trug: Dem Social Banking Paroli bieten – mehr dazu findet sich auf dem Weblog Finance 2.0:

http://electrouncle.wordpress.com/2009/07/17/mit-social-banking-paroli-bieten/

Fakt ist auch: Keiner unter den derzeitigen Verantwortlichen in der Finanzindustrie hat ein neues Bankenmodell in der Tasche, weshalb man oder frau nicht mit stumpfen Pfeilen auf möglicherweise künftig wichtige Spieler zielen sollte. Vor kurzem verglich sogar das Handelsblatt die Suche nach einem neuen Geschäftsmodell der Banken mit einem „Laufsteg“ in der Modebranche.

http://www.handelsblatt.com/finanzen/handelsblatt-kommentar/banken-auf-dem-laufsteg;2472624

Einige Zitate, die alles sagen:

Das Model „Zopa“ etwa, das wie eine Art „Ebay für Kredite“ funktioniert und Darlehensgeschäfte – unter Ausschaltung der Banken – direkt zwischen Privatleuten ermöglicht. Im China-Look kommt das Model „Qifang“ – eine Internet-Kreditplattform für chinesische Studenten.

Das Fachpublikum ist verdutzt: „Können solche Spielereien wirklich das bisherige Bankensystem ersetzen?“, fragen Experten. Sicher nicht. Aber die Beispiele zeigen, dass Banken in ihrem bisherigen Kleid nicht mehr Trendsetter sind. Sie sollten endlich anfangen, außerhalb ihrer bisherigen Denkmuster nach Innovationen zu suchen. Oder haben sie noch gar nicht entdeckt, dass sie im Moment recht nackt über den Laufsteg marschieren?

Derartige Presseveröffentlichungen, wie oben diese von ExPacto, bestätigen jedes Vorurteil über die Banker = Punker. Der Schuss bei dieser Art von selbst referenziellen PR geht sicherlich irgendwann nach hinten los.

Man möchte der Agentur Wacon Internet GmbH mal ans Herz legen, das Spiegel-Interview mit dem Kommunikationsprofi Michael Schröder zu lesen. Thema: Wir werden Echtzeit-Marketing lernen – oder untergehen?“ 

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,657867,00.html 

Nur: Gerade in der Welt des Echtzeit-Marketings kommt es besonders auf das sorgsame Reputationsmanagement an, wie ich bereits hier gezeigt habe. Die Meldung oben ist eindeutig unter der Gürtellinie positioniert, sprich, sie stammt aus der Welt des Reputationsmanagements 1.0:

https://lochmaier.wordpress.com/2009/10/24/reputationsmanagement-1-0-wie-die-hsh-nordbank-als-black-box-agiert/

Übrigens findet sich die Presseinfo von ExPacto mit gleichem Wortlaut schon einmal auf der Homepage des Anbieters, mit Datum vom 23.12.2008:

http://www.expacto.com/news.html?&cHash=38592d70ad&tx_ttnews[backPid]=8&tx_ttnews[tt_news]=6

Am Ende schlägt Geschäftsführer Ralf Duell von ExPacto dann doch noch eine versöhnliche Kompromisslösung vor, in der zumindest fiktiven Verschmelzung einer „Bank 1.0“ und den Anbietern von Social Lending. Er bezieht sich dabei auf die Kreditvergabe innerhalb von virtuellen sozialen Gemeinschaften:

Aber die Richtung ist korrekt. Wenn die Banken und deren Anleger die zugrunde liegenden Kredite hinter den verbrieften Papieren aus Amerika mit der Transparenz einer Peer to Peer Lending Plattform gesehen hätten, hätte die Finanzkrise nicht solches Ausmaß erreicht.

Zumindest der letzte Satz stimmt. Wer den Stein der Weisen kennt, der hebe die Hand und werfe ihn zu uns herüber. Das Web 2.0 bietet zahlreiche Möglichkeiten, bislang hierarchisch orchestrierte Produktlinien zu beeinflussen oder gar mitzugestalten. Risiken und Nebenwirkungen wie im richtigen Leben inbegriffen – Auch bei den Banken? – Gibt es dazu spontane Leserkommentare – Ist die Zeit doch noch nicht reif für „neue“ Banker nach dem Webcommunitiy-Prinzip?

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Written by lochmaier

November 2, 2009 um 2:02 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

3 Antworten

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  1. […] Diskussionen zwischen Banking 1.0 und 2.0 ablaufen, geben übrigens Lothar Lochmaier im Beitrag Starker Tobak: Bankenberater ExPacto dämonisiert Social Lending oder Boris Janek im Blog Finance 2.0 “Mit Social Banking Paroli […]

  2. […] Dort wird behauptet: “Die Menschen sind nicht reif für ihre neue soziologische und wirtschaftliche Rolle als Banker”. Tatsächlich? Das hat uns überrascht, weil wir jeden Tag genau das Gegenteil erleben. Das haben wir zum Anlass genommen, das Thema etwas genauer zu analysieren (eine weitere aktuelle Analyse zu dem Thema findet sich bei Lothar Lochmaier). […]


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