Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Wort zum Montag: Zinsverbot torpediert Social Banking

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Als ich am Samstag in Berlins Neuer Mitte am Hackeschen Markt durch die Straßen schlenderte, kam es an der Fußgängerampel zu einer kurzen Begegnung: Und zwar fuhr – natürlich bei grün -die Vorzeige-Kommunistin Sahra Wagenknecht von der Linken in einem schönen Daimler an mir vorbei. Elegant im Mercedes durch Berlins neue kapitalistische Mitte zu navigieren, das sei ihr natürlich gegönnt – aber wie man sieht: Auch vermeintlich ideologische Hardliner wissen eben die schönen Dinge des Lebens zu schätzen.

Ein durchaus geglückter Versuch, die Glaubwürdigkeit von ideologisch-moralischen Ikonen in unserer Gesellschaft zu persiflieren, findet sich hier bei Youtube, es stammt aus der Harald-Schmidt-Show in der ARD:

Wer mit Blick auf die gestrige Talkrunde bei Anne Will in der ARD nochmal bestaunen will, wie dampfplaudernde Möchtegern-Gutmenschen agieren, dem sei der unsägliche Auftritt des Publizisten Norbert Bolz ans Herz gelegt, der gerade zufällig ein Buch über den neuen „Sozialkapitalismus“ geschrieben hat (der eigentlich ohne jeglichen Esprit nur die neu verpackte Version der sozialen Marktwirtschaft darstellt):

http://daserste.ndr.de/annewill/videos/annewill1428.html

Das Prinzip einer gelegentlich doppelbödigen Moral gilt eigentlich auch für die Kirche, womit wir beim eigentlichen Thema wären. Denn jetzt schießt die Philosophie eines nur vordergründig uns aufgetischten „Gutmenschentums“ eindeutig übers Ziel hinaus. Derzeit ist viel davon die Rede, wie man die Geldgier im Kapitalismus bändigen kann, und da kommt die Rede immer öfters auf das Thema Zinsverbot. Eine „Schnapsidee“, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft nicht treibt, sondern lähmt.

Die Vermehrung und Wertschöpfung von Vermögen über spekulative Mechanismen jenseits der „Realwirtschaft“ war nicht nur in der Bibel oder bei griechischen Philosophen in der Antike ein Thema, sondern erlebt derzeit infolge der Finanzkrise gerade eine deutliche Renaissance.

Man kann das Kind aber auch mit dem Bade ausschütten, sprich eine gute moralische Absicht wird durch eine schlechte Umsetzung in ihr Gegenteil verkehrt – und so ist das auch mit dem Zinsverbot, das auch Teile der hiesigen katholischen oder evangelischen Kirche in die Diskussion einwerfen. So etwa mit einem „Thesenanschlag“ gegen das Zinsverbot an der Frankfurter Paulskirche, einem historisch bedeutsamen Ort – ganz im Stile Martin Luthers:

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/2046986_Thesenanschlag-an-der-Paulskirche-Mit-Luther-gegen-Zinsen.html

Social Banking 2.0 spricht das Wort zum Montag – und kommentiert das bunte Treiben wie folgt: Statt der Öffentlichkeit mit einer moralisch geführten Diskussion Sand in die Augen zu streuen, die Welt ließe sich mit Hilfe von oben verordneten Dogmen endgültig zu einem Besseren bekehren, wären wirtschaftlicher und finanzpolitischer Sachverstand gefragt.

Im Klartext: Neugier, Innovationsfreude und auch das Streben nach Glück, bei dem Geld eines der zentralen Antriebsfedern darstellen, sind die Fundamente, auf denen auch ein funktionierendes Bankensystem beruht. Über den Weg dahin lässt sich trefflich streiten, wenn möglich nicht nur mit Scheinargumenten und „Schein“-Lösungen.

Der einzige Weg, um die Exzesse einzelner Spieler oder eines ganzen Systems zu begrenzen, sind wirkungsvolle Rettungsfallschirme, an denen sich möglichst viele Menschen beteiligen. Und: Die Bankenindustrie hat die Aufgabe die Realwirtschaft zu unterstützen, und nicht umgekehrt.

Wir stehen jedoch erst am Beginn einer Entwicklung, in der der Mensch in seiner sozialen Organisation übers Internet selbst in die Wertschöpfungsmechanismen der Finanzindustrie eingreifen kann. Siehe dazu etwa mein früherer Beitrag auf Social Banking 2.0:

https://lochmaier.wordpress.com/2009/07/05/mensch-2-0-die-systemrelevanteste-aller-komponenten/ 

Ein klares Machtwort, dass das Zinsverbot übers Ziel hinaus schießt und nicht praktikabel sei, spricht jetzt auch in einem Interview mit dem Deutschlandfunk Leiter der Finanzabteilung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Thomas Begrich:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1061518/

Damit das Thema nicht vollends zur Steilvorlage für Selbstdarsteller in den unzähligen selbst referenziellen Fernsehshows mutiert, sei jedem noch dieser Linktipp mit an die Hand gegeben, der zeigt, dass die Kirche selbst zu den Protagonisten gehörte, die das Zinsverbot abschaffte:

http://www.tacheles.tv/rueckschau/geld-gier-gerechtigkeit/1255101415.html

Es gehört durchaus zum „Schick“ unserer modernen Gesellschaft, dass jene, die linksliberal oder sozial blinken, dann rechts überholen. Oder anders gesagt: Nicht jeder, der jetzt als „Guter Mensch“ auf der Bildfläche erscheint, ist es auch, geschweige denn sind die Argumente ein probater Lösungsweg zu einem nachhaltigen Kapitalismus.

Übrigens: Würde es ein Zinsverbot geben, gäbe es auch keine Kreditplattformen von Mensch-zu-Mensch wie Zopa, Prosper und unsere deutsche Smava. Und da wäre ein Zinsverbot doch mehr als schade. Wer soll denn ein Alternativmodell zu den hierarchisch durch organisierten Banken liefern, wenn nicht die über soziale Finanzgemeinschaften weitgehend selbstständig administrierten Netzwerke von Anlegern?

Zu wünsche wäre dem Social Banking 2.0, dass diese auch die Welt der Unternehmensfinanzierung jenseits von Mikrokrediten erreicht – gerade um die Wertschöpfung von Banken wieder in die Realwirtschaft zurück zu holen. So kann Zins seine produktive Wirkung jenseits reiner Spekulationsblasen entfalten.

Denn der übers Social Lending generierte und gebremste moderate Mix aus finanzieller, kultureller und sozialer „Extrarendite“ ist doch attraktiv, sofern die Betreiber das Geschäftsmodell transparent, fair und für alle Marktteilnehmer nachvollziehbar gestalten.

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Written by lochmaier

November 1, 2009 um 8:55 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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