Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

G-20-Gipfel in Pittsburgh: Social Banking ist der Gegenentwurf

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Während die Strippenzieher dieser Welt in Pittsburgh über die zukünftige Regulierung der Finanzmärkte diskutieren, fragt man sich, wo denn der Gegenentwurf zur bisherigen Bankenwelt bleibt. Denn im Grunde lässt sich die freie Finanzwirtschaft nicht an die Kandarre nehmen. Zu viel staatliche Regulierung ist genauso schädlich wie zu viel ungebremstes laissez-faire.

Wo also bleibt die Alternative? Denn mehr als illustre Zaungäste an den Bildschirmen dieser Welt sind die Menschen bei diesem Gipfel nicht, und jede Form von Protest wird als Akt von Vandalismus gebrandmarkt, siehe etwa die Vorberichterstattung von Spiegel online:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,651145,00.html 

Dabei haben die Menschen die Alternative selbst in der Hand – bzw. im eigenen Geldbeutel. Das Internet ermöglicht es, nicht nur neue Formen des Protestes wie das jüngst in Mode gekommene Flash-Mob zu erproben. Fazit: Über das Web lassen sich aber nicht nur neue Formen des Bürgerprotests erproben, sondern auch neue Spielarten der Bürgerbeteiligung ausloten und entwickeln.

Sogar die große Gruppe der „Nichtwähler“ könnte sich im Netz beteiligen. Das Mitmachweb kann demzufolge auch als kreatives Instrument dazu benutzt werden, zwar nicht die Spielregeln in der Bankenwirtschaft zu beeinflußen – doch aber in welche Kanäle die Gelder fließen. Stichwort „Social Banking 2.0“, der Titel dieses Weblogs. Was darunter zu verstehen ist,  das ist natürlich immer wieder in den unterschiedlichsten Einträgen erklärt und angedeutet.

Der Finanzwissenschaftler Sven Remer, der am Bochumer Institute for Social Banking unterrichtet, liefert hier eine ganz einfache Definition in einem Rundfunkinterview mit dem Deutschlandradio, das aber auch in Print-Form nachzulesen ist:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1034006/

Sven Remer: Social Banking ist natürlich auch ein Kunstbegriff… Wie passen diese beiden Begriffe „social“ und „banking“ zusammen? Die meisten denken, es passt nicht, wir gehen davon aus, dass es doch passt und wir würden, vereinfacht ausgedrückt, sagen: Social Banking ist ein Bankwesen, das den Menschen mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt stellt und sich als Bankwesen wiederum wirklich als Dienstleister versteht.

 Übrigens: Am Bochumer Institut lassen sich tatsächlich Banker bzw. Manager ausbilden, die  es etwas anders tun wollen, nämlich das Geldvermehren. Und zwar mit Hilfe einer nachhaltigen Unternehmensführung. Mehr Infos:

http://www.social-banking.org/ 

Bemerkenswert ist auch, dass es unter den jüngeren Bankmanagern, aber durchaus auch in der Regie der erfahrenen Profis nun doch einige gibt, die beruflich umsatteln – und ihren Job nicht nur von den nackten Zahlenspielen her begreifen. 

Zum einen sind das Leute, die durch die Finanzkrise in ihrer Bank als Mitläufer ausgespuckt wurden, also eher unfreiwillig auf die Verliererseite geraten sind, siehe den Erfahrungsbericht eines jungen ehemaligen „Lehmans“:

http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,649037,00.html

Aber auch auf den oberen Etagen herrscht Bewegung. So wechselte Georg Schürmann (47), bisher Mitglied der Geschäftsleitung Private Banking bei der Deutschen Bank, im Juli die Fronten. Jetzt arbeitet er bei der für ihr nachhaltiges Geschäftsmodell bekannten niederländischen Triodos Bank NV. Dort betreut er den Aufbau der deutschen Niederlassung im Privatkundengeschäft. Siehe die offizielle Meldung hier :

http://www.geldinstitute.de/data/beitrag/Artikel-_4043367.html

Vor der Finanzkrise hätte man sich für solch eine Meldung eher noch im Sandkasten für kleine Jungs verstecken müssen. Heute kann man damit schon mal in die Offensive gehen, und das als konsistent in der Gestaltung des eigenen Lebenslaufs verkaufen.

Bei allen übrigen, die sich um einen Job bei gleich welcher Bank bewerben, dürfen natürlich auch weiterhin keine großen Lücken im Curriculum Vitae vorhanden sein, wie ein Jahr zum bloßen Nachdenken, was die Welt im innersten zusammenhält. Eventuell ist das mehr als Geld. Aber lieber nicht auffallen – sonst wird einem im Assessment Center noch mangelnde Profitgier und ein sprunghafter Charakter nachgesagt.

Trotzdem, es tut sich nicht nur was auf der einen, der gefräßigen Seite, wo die Gewinne angeblich wieder wie Strom aus der Steckdose fließen. Man kann deshalb verstehen, dass einige Banker 2.0 den Sprung über den großen Ozean zwischen Social und Banking wagen, und mit Hilfe des Mitmachwebs die Brücke zwischen den unversöhnlichen Polen schlagen.

Denn vergnügungssteuerpflichtig sind die anderen Jobs bei den etablierten Platzhirschen kaum, wenngleich das Schmerzensgeld im einen oder anderen Fall stimmen mag. Aber es spricht sich auch das rum: Wer soziale, monetäre und ökologische Rendite unter einen Hut kriegen will, das einfache Grundprinzip von Social Banking, lebt vielleicht am Ende doch länger und intensiver. Nicht jedes Glückshormon im Lebenszyklus wird eben über die reine Geldvermehrung – gleich mit welchen Mitteln – ausgestoßen. 

Wer noch mehr darüber lesen will, was der Autor und die an der Zukunft in Deutschland beteiligten Akteure ganz konkret unter Social Banking plus Web 2.0 verstehen kann – – der kann sich hier in meinem Artikel „Außenseiter oder Avantgarde“ in der Fachzeitschrift GI Geldinstitute (September-Ausgabe) online umschauen:

http://www.geldinstitute.de/data/beitrag/Artikel-Aussenseiter-oder-Avantgarde-_4043493.html

Und wer jetzt noch zum Abschluß die offizielle Definiton von Social Banking 2.0 – analog zum Titel dieses Weblogs – nachlesen will, wird hier bei den Marktforschern von Gartner fündig, die das Thema in einer Studie „Das neue Zeitalter von Social Banking“ beleuchtet haben:

http://www.paymentsnews.com/2009/05/gartner-the-new-age-of-social-banking.html

Gartner definiert Social Banking als ein neues Konzept fürs Retail-Banking, das die Verbindungen zwischen Einleger, Kreditnehmer und Finanzinstituten transparent macht. Seine Wurzeln findet der Trend nicht nur im sozialen Konsum, sondern auch in der sozialen Verantwortung und der Netzwerkbeteiligung.

Somit ermöglicht es Social Banking 2.0, finanzielle soziale Netzwerke zu knüpfen, sich dort über die aktuellen Trends auszutauschen und seine Finanzen individuell zu verwalten.  Aber das ist nicht alles: Die Akteure können auch Mikrobörsen für die Kreditvergabe und die Geldanlage gründen, neue Geschäftsmodelle ins Leben rufen –  und somit die Bankenlandschaft der Zukunft maßgeblich beeinflußen und mitgestalten. 

Fazit: Mit Hilfe des Mitmachwebs und sozialen Gemeinschaften erhält das statische, weil weitgehend vom Staat geregelte Social Banking der ersten Generation weiteren Auftrieb. Und zwar, weil die Möglichkeiten, Bankprodukte vom Design bis hin zu den Vertriebsstrukturen zu beeinflußen, erheblich gewachsen sind.

Auch Brancheninsidern dämmert es langsam, wie die Bank der Zukunft aussehen müsste.

Kurzum: Beim Social Banking 2.0 wäre der Kunde tatsächlich zur Abwechslung mal der König. Beleibt bloß die Frage, ob die Banken diese Entwicklung aktiv mitgestalten oder eher an den Rand gedrängt werden.

Social Banking 2.0 bedeutet übrigens nicht, keine Gewinne zu machen und ausschließlich an andere zu denken – sondern ein Geben und Nehmen im gleichen Takt und zu ebenso fairen wie transparenten Austauschbedingungen.

Das wird auch das zentrale Kriterium sein, an dem die Betreiber und Akteure neuer Plattformen zu messen sind. Denn nur wenn sie keinen Etikettenschwindel mit dem Wort „social banking“ treiben und seriös agieren, kann der Trend mehr als eine kurzlebige Modeerscheinung sein.  

Wem das alles jetzt immer noch zu theoretisch war, der findet hier im Handelsblatt den Beleg, dass sich ethisches Banking durchaus in der Gesellschaft verbreitet.  Das Beispiel einer Volksbank in Thüringen zeigt, dass der Fisch vom Kopf her sauber sein sollte, sprich das Management sollte die richtigen Anreize für Mitarbeiter und Kunden setzen.

 

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Written by lochmaier

September 25, 2009 um 7:21 am

Veröffentlicht in Uncategorized

2 Antworten

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