Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Mikrokredite und Kapitalismus 2.0: Wer macht das Rennen?

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Wer arbeitet „effektiver“ bei der Finanzierung und Vergabe von Mikrokrediten, im Fachjargon als Microfinance bezeichnet? Da gibt es gleich mehrere Spieler am Markt, wie sich etwa im Blicklog nachlesen lässt, der das Metier anhand aktueller Neuigkeiten unter die Lupe genommen hat:

Da gibt es neben dem Staat, etablierten Fonds von Banken, neuen Spielern aus der ethisch-nachhaltigen Geldanlage, wie Triodos und die GLS Bank natürlich vor allem die weltweit bekannte und renommierte Grameen Bank

Doch ist sie tatsächlich so erfolgreich wie viele glauben? Eine Studie der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung legt jedenfalls durchaus gewisse Zweifel an einer übermäßigen Euphorie nahe.   

Einige Auszüge aus der Analyse von Autor Dr. Frank Gaeth:

Ein wesentlicher Teil der Kontroverse um die Grameen-Bank gilt der Frage der Nachhaltigkeit des Grameen-Konzepts und der damit verbundenen Fähigkeit des Unternehmens, aus eigenen finanziellen Mitteln bestehen zu können.

David Hulme stellt in einem 2009 erschienenen Beitrag die These auf, dass die Grameen-Bank in den 1990er Jahren unmittelbar vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch gestanden hätte. Als Beobachter vor Ort hätte er festgestellt, dass in den 1990er Jahren die Rückzahlungsquoten der Kreditnehmer kontinuierlich fielen. Kredite seien nicht konsequent für Investitionen genutzt worden, sondern auch für Konsum und sogar für die Zahlung von Mitgift.

Die Schwierigkeiten, die sich aus einer derartigen Refinanzierung ergeben, verstärken sich zur Zeit der Finanzkrise, die auch an der Mikrofinanzbranche nicht spurlos vorübergeht. Der ECONOMIST berichtet von einem Milliarden-Defizit durch steigende Refinanzierungskosten bzw. ausbleibendes neues Kapital. Hier seien die Mikrofinanzinstitute (MFI) gerade deshalb betroffen, weil die Laufzeiten ihrer Kredite sehr kurz sind und eine Anschlussfinanzierung wesentlicher Teil des Kreditprozesses ist. Die Grameen-Bank sieht sich hier nach eigener Darstellung in einer Stellungnahme jedoch nicht betroffen und verweist darauf, dass die Kreditnehmer der Bank umfangreiche eigene Rücklagen gebildet hätten und unabhängig von Geldgebern seien.

Mikrofinanz bedeutet heute schon einen erheblichen Umsatz für eine Vielzahl der Anbieter. Die Kreditvolumina wachsen exponentiell und die Liste der Unterstützer des Mikrofinanzgedankens ist lang. Beispielsweise kooperiert das MFI KIVA mit PayPal, Youtube, Google, Yahoo, Intel, Facebook, Microsoft, Starbucks, MTV, MySpace und weitere Unternehmen. Experten gehen davon aus, dass bis 2010 rund 20 Mrd. Dollar weltweit in Mikrokrediten angelegt werden, 2007 waren es 4,4 Mrd. Dollar. Es sollte nicht übersehen werden, dass Mikrokredite für die oft privaten Kreditgeber beim Peer to Peer Lending nicht unbedingt risikolos sind, wie von MFIs und Medien oft behauptet.

Grameen bietet keine schnelle und billige Vergabe von Kleinkrediten, denn weder lässt sich innerhalb weniger Tage eine geeignete Gruppe zusammenstellen noch wären der Aufwand der Bank und die Ausfallquoten so gering, dass niedrige Zinshöhen zu erwarten wären. Auch das bestätigen Vertreter des Grameen-Projekts in Deutschland. Hier ist eine Vielzahl der Mikrofinanzierer sicherlich im Vorteil, die zum Teil in wenigen Tagen ihre Kreditentscheidungen treffen bzw. private Kreditgeber den Kredit mit dem Kreditnehmer online aushandeln lassen. Es ist erheblich schneller und kostengünstiger, Individualkredite etwa über eine Internetplattform wie Smava, Kiva, Zopa oder Betterplace zu organisieren. Für die Betroffenen aus der Langzeitarbeitslosigkeit wäre auch der Start in eine Vollerwerbsgründung mit Hilfe der Bundesagentur für Arbeit deutlich weniger risikobehaftet und dessen Beratung ist umfassend und kostenlos bzw. stark gefördert.

Quelle: http://www.politik-poker.de/mikrokredite.php

Fazit: Im Kern sind es drei unterschiedliche Gruppen, die sich um Marktanteile und Kunden bemühen, jedoch sind die Schwerpunkte recht unterschiedlich, um einen einfachen Vergleich zuzulassen. Erfolgversprechend erscheinen alle Varianten trotz gewisser Schwächen allemal.

Beim privaten gewinnorientierten Anbieter Smava sollte der Kunde natürlich wissen, dass er als Existenzgründer – um einen Kredit von anderen Nutzern zu erhalten – über zwei Jahre seine Selbständigkeit erprobt haben muss, um eine ausreichende Bonität erhalten, zumindest wenn er angibt, das Darlehen für betriebliche Zwecke nutzen zu wollen.

Bei den Mikrofinanzorganisationen sind die rechtlichen Hürden zwar etwas einfacher, das formale Prozedere jedoch gegenüber einer internetbasierten Peer-to-Peer-Kredit-Plattform erheblich bürokratischer. Außerdem sind die Zielgruppen nicht unbedingt identisch.

Dass Mikrofinanzinstitutionen ebenfalls von der Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen sind und in deren Strudel geraten, auch dafür gibt es gewisse Indizien. Nichts ist ein Selbstläufer, und schon gar nicht der Markt für Mikrokredite.

http://www.handelszeitung.ch/artikel/Finanz-Kredit-fuer-die-aermsten-in-Gefahr_605838.html

http://www.microfinancefocus.com/news/2009/09/16/the-pain-of-failure-liquidation-lessons-in-microfinance/

Insofern wäre noch weiter zu präzisieren, was denn zu verstehen wäre unter dem Schlagwort „Kapitalismus 2.0“, bei dem die Vernunft der Menschen und die Verantwortung gegenüber der Umwelt über das Prinzip der nackten Geldvermehrung dominieren.  

Die begrenzte Trennschärfe der Wortschöpfung „Capitalismus 2.0“ – wieder mal eine Kopfgeburt aus dem (leider nur) von den USA geprägten interaktiven Gemischtwarenladen im Mitmachweb – ist dennoch eine erste Diskussionsgrundlage, um über die künftigen Kernaufgaben von Banken und deren „dünnen Beitrag zum Wohle des Kunden (Thin Value) nachzudenken, das merkt auch das Weblog Finance 2.0 an.

Sicherlich, einige gute Ansätze stehen drin, aber das vom Vordenker Umair Haque entworfene „Finance 2.0 Manifesto“ bräuchte doch etwas mehr deutsche Gründlichkeit, um als würziges Substrat in einer ansonsten ziemlich drögen Suppe zu wirken.

Ziehen wir also eher mal nüchtern Bilanz: Es wird künftig keine „magische Erfolgsformel“ für Mikrokredite in welcher Form auch immer geben, sondern eine ganze Reihe von komplementären Marktmodellen und Zugängen zu den Mikrofinanzmärkten.

Erfolgskritisch für alle Modelle sind möglichst geringe Ausfallraten von knapp unter fünf Prozent. Ansonsten besteht das Risiko, dass ein externer Spieler die erhöhten Risiken auffangen müsste, wie wohl bei der Grameen Bank ab und an der Fall gewesen. Aber auch die privaten Plattformen wie Prosper kämpfen damit, ihre Kredite nicht optimal weiter verwerten zu können.

Und der Gegenwind verschärft sich – Eine Herausforderung angesichts der ökonomischen Rahmenbedingungen, denn Wirtschafts- und Finanzkrise werden noch ihre Opfer fordern, sowohl bei den privaten Insolvenzen als auch bei den Betrieben, wo der eine oder andere die nächsten zwei Jahre nicht überleben wird.

Ein Beleg für diese These ist eine Ertragsanalyse, die das Privatkundensegment des deutschen Bankgewerbes unter die Lupe nimmt. Der Befund für die nächsten beiden Jahre fällt ausgesprochen negativ aus, schreiben die Autoren der Unternehmensberatung Innovalue (also kein neutraler Beitrag, aber dennoch im Detail ganz interessant zu lesen) in der Fachzeitschrift die bank:

Von der Entwicklung sinkender Margen und steigender Kosten im Privatkundengeschäft der etablierten Banken werden die neuen Spieler von Grameen bis Smava auf dem Markt für Mikrokredite einerseits profitieren. Andererseits aber müssen diese darauf achten, nicht in den Sog des wirtschaftlichen Abwärtstrends in den kommenden Jahren gerissen zu werden.

Schaut man sich jedenfalls vom Blick des professionellen Risikomanagements aus gesehen so manches doch relativ simpel gestrickte Community-basiertes Einlagensicherungsmodell an, wie ROSCA (Rotating Savings and Credit Association), so ist eine gesunde Skepsis statt einer überbordenden Euphorie gegenüber der uneingeschränkten Funktionstüchtigkeit von Microfinace-Organisationen durchaus angebracht:

http://en.wikipedia.org/wiki/Rotating_Savings_and_Credit_Association

Auf der anderen Seite darf man mit ein bisschen Humor anmerken, dass wir alle nur Einäugige unter Blinden sind. Denn schaut man sich nämlich die in der industriellen Finanzwirtschaft über Jahrzehnte entwickelte top-professionellen Methodiken zur voraus schauenden Risikobewertung an, wie Value-at-Risk   … so wird deutlich, dass die hoch polierte Fassade der gläsernen Bankentürme einen nur blenden kann, vor allem, wenn dahinter die nackte Geldgier wütet. Wie morsch das Gebälk bei Value-at-Risk ist, dazu siehe den folgenden Report:

http://democrats.science.house.gov/Media/file/Commdocs/hearings/2009/Oversight/10sep/Taleb_Testimony.pdf

Hier das wichtigste in Kürze:

Let us move voluntarily into Capitalism 2.0 by helping what needs to be broken break on its own, converting debt into equity, marginalising the economics and business school establishments, shutting down the “Nobel” in economics, banning leveraged buyouts, putting bankers where they belong, clawing back the bonuses of those who got us here, and teaching people to navigate a world with fewer certainties.

Then we will see an economic life closer to our biological environment: smaller companies, richer ecology, no leverage. A world in which entrepreneurs, not bankers, take the risks and companies are born and die every day without making the news.

… und meinen Fachartikel auf Heise Telepolis zum Thema Wie teuer ist der Finanzmarkt-Tsunami für die Umwelt?, der abgesehen von ein paar Kleinigkeiten kaum etwas von seiner Aktualität eingebüßt hat:

Einige Zitate aus dem Beitrag von Lothar Lochmaier:

Ein nur statisch verfolgter Value-at-Risk-Ansatz führt jedenfalls nicht dazu, das gesamte vorhandene Risiko bei einer Bank bestimmen zu können. Und was die Banken nur allzu gerne bei der Kreditvergabe von ihren Kunden verlangen, sollten sie natürlich auch auf sich selbst anwenden. Sprich: Statt erhöhte Konditionen und Risiken jetzt nur mit Aufschlägen an die Kunden weiter zu reichen, wäre es besser, endlich angemessene Kontrollprozesse zu implementieren. Jedoch dürfe das freie Spiel der Märkte dadurch natürlich nicht tangiert sein, so das Credo aus der Finanzindustrie.


Hat das Marktbewertungsmodell „Value at Risk“ ausgedient?

Mit dem Begriff „Wert im Risiko“ oder englisch Value at Risk (VaR) bezeichnet die der realen Industrie quasi vor gelagerte Finanzindustrie auf breiter Front das angewendete gültige Risikomaß. Es gibt an, welchen Wert der Verlust einer bestimmten Risikoposition – z. B. eines Portfolios von Wertpapieren – mit einer gegebenen Wahrscheinlichkeit und in einem gegebenen Zeithorizont nicht überschreiten darf.

Das von Investmentbanken wie J.P. Morgan maßgeblich beeinflusste „Value at Risk“ gilt auch nach der Krise an den internationalen Kapitalmärkten noch als das Standardrisikomaß im Finanzsektor. Mehr noch: Längst setzen auch Unternehmen aus Industrie- und Handel diese Methode bei der Quantifizierung von bestimmten meist finanzwirtschaftlichen Risiken ein. Experten kritisieren an dem Value-at-Risk-Ansatz, dass dieser per se nicht geeignet sei, den (extremen) „Maximalverlust“ zu bestimmen.

Brancheninsider aus der Finanzindustrie halten dem entgegen, dass das Ziel der Risikomessung gar nicht darauf ausgelegt sein kann, den „theoretisch möglichen Maximalverlust“ zu bestimmen. Diese Aufgabe verbleibe letztlich bei jedem einzelnen Unternehmen. Schon einmal in der Geschichte musste Sisyphos ganz alleine einen Stein den Berg hinauf rollen, der diesen bekanntlich auch erschlagen kann.

Eine vollkommene planbare Sicherheit könne es somit also überhaupt nicht geben. Ein rentables Unternehmen trage quasi in Eigenregie das „Mindestmaß an Risiko“. In der Praxis hat sich deshalb bei den meisten Unternehmen eine Art individueller Methodenmix durchgesetzt, meist im Rahmen einer Szenarioorientieren Wahrscheinlichkeitsbetrachtung.

Fazit: Menschen kommen und gehen auf dieser Welt – die Umwelt gibt es aber nur einmal, und dafür gibt es noch kein geeignetes Risikomaß (Value-at-Risk). Nun aber von der grauen Theorie der Finanzmathematik, die unser aller Leben auch nicht wirklich beflügelt – wieder zurück ins wirkliche Leben.

Die zehn von Nassim N. Taleb aufgestellten Prinzipien für eine robustere (Finanz)Welt gibt es hier nachzulesen.

Nun abschließend ein Ausblick zu den Microkrediten und Mikrofinanzinstitutionen (MFI): Gerade wenn die Neuanträge nach Peer-to-Peer-Krediten wie in den vergangenen Monaten weiter zulegen, könnte dies zu mehr Bewertungen mit niedriger Bonität führen, und damit die Ausfallraten der Betreiber in die Höhe treiben – unabhängig davon, ob es sich um Entwicklungs-, Schwellen- oder Industrieländer handelt.

Wie dem auch sei, das spannende Wettrennen um neue Märkte ist eröffnet, und es gibt durchaus interessante neue Biographien auf diesem sehr lebendigen Markt zu bestaunen.

Zum Beispiel den erfolgreichen österreichischen Unternehmer Karl Rabeder, der seine Bergvilla verlosen möchte, um sich nachhaltigen Geschäftsideen wie seiner neuen Plattform zu widmen, berichtet jedenfalls das Nachrichtenmagazin Focus. Fazit: Es bleibt spannend, wie sich die Alternativen nach oben schrauben.

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Written by lochmaier

September 21, 2009 um 7:15 am

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3 Antworten

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