Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Umbruch: Wie das Mitmachweb die Bankbilanzen bedroht

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Der Begriff „Bank“ stammt aus dem Italienischen (banchi) und bedeutet tatsächlich so etwas ähnliches wie eine „Parkbank“. Denn die ersten Deals im Mittelalter wurden draußen im Freien gemacht – damals sahen sich die Menschen in den aufblühenden Handelsstädten in Genua oder Venedig meist noch direkt in die Augen, wenn sie miteinander verhandelten.

Und damals ging es an der Schwelle zum neuzeitlichen Frühkapitalismus im 12. und 13. Jahrhundert noch um ein Geldsystem auf Basis von unterschiedlichen Münzgeldern.  Nicht unkompliziert – aber im Vergleich zur heutigen Finanzarithmetik mit Baueropfern und vielen trojanischen Pferden lagen die Karten meist auf dem Tisch – zumindest hatte man noch eine theoretische Chance, einige „Hütchenspieler“ sozusagen Auge-in-Auge an ihrem seltsamen Geschäftsgebaren zu erkennen.

Heute ist alles unsichtbar, vor allem die grauen Eminenzen in der interaktiven Finanzwelt. Harry Potter ist leichter zu verstehen als die von Geisterhand um den Globus manövrierten Geld- und Kapitalströme. Was eine Bank heutzutage so alles  treibt, beziehungsweise wovon sie betriebs- und volkswirtschaftlich gesehen ganz konkret lebt, das lässt sich im Fachjargon mit drei Kernelementen wie folgt definieren:

Erstens: Risikotransformation

http://de.wikipedia.org/wiki/Risikotransformation

Zweitens: Fristentransformation

http://de.wikipedia.org/wiki/Fristentransformation

Drittens: Losgrößentransformation  

http://de.wikipedia.org/wiki/Losgr%C3%B6%C3%9Fentransformation

Und wer grundsätzlich wissen will, was eine Bankbilanzierung ausmacht:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bankbilanzierung

Alles klar? Wenn nicht, dem erklärt in ruhigem, leicht schweizer-deutsch eingefärbtem Dialekt, der Bankenexperte Konrad  Hummler, worum es betriebswirtschaftlich konkret geht – und vor allem wie das Internet die Bankenlandschaft in den nächsten Jahren umkrempeln wird. 

Das Video ist  knapp 5 Minuten lang, sorry, da gibts eine kleine Werbeeinblendung vorab. Hier gehts zum ansonsten Spam-freien Video der Neuen Züricher Zeitung (NZZ):

http://www.nzz.ch/finanzen/impulse_archiv_juni09/impulse_juni_2009_1.2656628.html?video=1.2673974

In Ruhe angesehen? Empfehlenswert ist der Beitrag vor allem deshalb, weil das Video-Interview in der Schweizer Online-Präsenz der Neuen Züricher Zeitung  nicht von einem hippen-coolen-lässigen und euphorischen Mitmach-Nerd stammt, sondern von einem unverdächtigen konservativen Marktbeobachter bzw. Branchen-Insider.

Denn Konrad Hummler ist Privatbankier und war bis vor geraumer Zeit eine Art „graue Eminenz“ in der Branche, aber durchaus anerkannt, wenn auch nicht von allen. Denn er hat sich in den Augen so manches Platzhirsches eher als Netzbeschmutzer einen Namen gemacht, manche nennen ihn sogar „Bankieranarchist“, ein von einer Novelle des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa entlehnter Begriff. 

So ähnlich sieht Konrad Hummler durchaus auch sich selbst – mehr über die Vita von Konrad Hummler (Wochenzeitung vom 07.07.2005):

http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2005/nr27/Schweiz/12026.html

Dr. Hummler: «Ich bin mitnichten Establishment. Obwohl ich viele Leute kenne, die es sind. Wenn Sie mehr wissen wollen, dann lesen Sie Fernando Pessoas Essay vom Bankieranarchisten. Das ist der Bankier, wie ich es sehe: Er ist allein, also der wahre Anarchist. Er hat Abstand zu allen, auch zu den Kunden. Er ist nicht Teil des Ganzen. Ich habe in den Banken einen Haufen Kollegen: Fast alle von ihnen sind geldgeil. Solche Leute können nicht beraten, weil sie persönliche Interessen haben. Ich hingegen bin nicht Teil des Ganzen.»

Übrigens definiert Fernando Pessoa den anarchistischen Bankier so: Der wahre Anarchist muss Banker werden; der wahre Bankier ist konsequenter Anarchist. Brandneu ist dieser Artikel bzw. das Portrait über den Querdenker Konrad Hummler in der Süddeutschen Zeitung vom 07.09.09

http://www.sueddeutsche.de/I5f38O/3037087/Raus-aus-Amerika.html

Es tut sich doch was in der Szene – Hier etwa kündigt der Teilhaber der Privatbank Wegelin sogar den vollständigen Rückzug seines Instituts aus dem USA-Geschäft an, aus dem Ursprungsland des „Finanzimperialismus“ sozusagen. Wenn das Beispiel Schule macht! Siehe den Artikel in der Basler Zeitung vom 27.08.09:

http://bazonline.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Bankieraerger-ueber-die-USImperialisten/story/20527707 

.Den ausführlichen Anlagekommentar zum USA-Geschäft der Privatbank Wegelin v. 24.08.09 gibt es hier: 

http://www.wegelin.ch/download/medien/presse/kom_265de.pdf

> Wieder zurück von der Literatur und den USA zum klassischen Bankenalltag – Der Experte stellt  sämtliche Kernfunktionen, die ein Geldinstitut bislang exklusiv dominiert und verwaltet hat, unisono zur Disposition.

Am derzeitigen Widerspruchspegel lässt sich ablesen, dass die Branche noch nicht reif für einen Umbruch ist. Wer nochmals die Selbstherrlichkeit in der Chefetage im Stile der Lehman Brothers nachvollziehen möchte, wird an dieser Stelle ein gutes Jahr später in der derzeit allerorts grassierenden Retrospektive fündig:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,648788,00.html

Kommentar: Die Lehman Brothers waren wie eine Rakete – leider stürzen Raketen irgendwann alle aufgrund der Schwerkraftgesetze und mangelndem Treibstoff wieder ab. Und eine neue „Lehman-Akte“ ist jederzeit möglich, prognostiziert der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson:

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken-versicherungen/ein-neuer-fall-lehman-ist-jederzeit-moeglich;2456472

Die triste Realität, mit der Anleger – wie die immer noch auf Entschädigung harrenden Lehmann-Investoren – derzeit konfrontiert sind, sieht ohnehin eher so aus:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,647502,00.html

Fazit: Nicht in allem muss man dem Privatbankier Konrad Hummler recht geben – Aber wer das Interview oben genauer liest, wird feststellen, dass der Umbruch in eine neue Bankenökonomie 2.0 doch in irgendeiner Form kommen wird…fragt sich bloss wie.

Und Hummler stellt fest, dass sich die Banken massiv gegen diesen Trend zu mehr Mitbestimmung seitens der Kunden sträuben werden, durch den Internet-Plattformen die Bankbilanzen bedrohen oder zumindest deren Gewinnmargen schmälern.

Auch ein anderes Szenario wäre denkbar, falls die Finanzindustrie die neuen Spieler beim Social Banking 2.0 nicht mehr in der kleinen kuscheligen Nische in Schach halten kann: Dann werden sie versuchen, diese entweder „freundlich zu umarmen“ – oder gleich ganz zu schlucken und in ihr eigenes Portfolio zu integrieren. Ablehnen – ausgrenzen – umarmen – und schlucken – oder kopieren, und das Original hernach vernichten.

Aber auch bei diesem Versuch der freundlich-unfreundlichen Übernahme könnten unterschiedliche Welten aufeinander prallen, einerseits die um Autonomie und seriöse Information bemühten finanziellen Gemeinschaften und Individualisten, und auf der anderen Seite, die vor allem um ihr eigenes Profitinteresse besorgten Finanzhäuser.

Wie das Rennen ausgehen wird, bleibt spannend, aber das kreative Wettrennen um die an der richtigen Stelle der Wertschöpfungskette transformierte „Bank der Zukunft“ scheint eröffnet. Wird die interaktive Finanzwelt wie das Suchmaschinenmonopol von Google wieder von den USA dominiert werden? Noch sind all dies hoch spekulative Fragen.

Wer jetzt bis hierher durchgehalten hat, neugierig geworden ist, und sich von den Niederungen des grauen Bankalltags in der nur äußerlich aufgepeppten Bankfiliale abheben will, dem empfehle ich den ausführlichen Anlagenkommentar zu „beflügelnden Strukturveränderungen“ in der Branche – von Konrad Hummler am 11.05.09 (Seiten 6-8):

http://static.nzz.ch/files/2/1/0/anlagekommentar263_1.2751210.pdf

Keine Lösung für den Punkt „Risikotransformation“ dürfte allerdings ein Vorschlag sein, der nicht von Hummler stammt, den aber die Schweizer Handelszeitung präsentiert, nämlich, dass man riskante Bankstrategien für das teuerste Regulierungsversagen der Menschheitsgeschichte mit einer zusätzlichen „Risiko = Versicherungsprämie“ belegt, also das Eingehen von Risiken seitens der Banken quasi zusätzlich zu besteuern, siehe:

http://www.handelszeitung.ch/artikel/Unternehmen-SDA_Teuerstes-Regulierungsversagen-der-Menschheitsgeschichte_604277.html  

Schlußfolgerung: Im Wahnsinn der nicht-staatlichen und staatlichen Regulierungswut wäre mehr konstruktiver Durchblick gefragt, statt immer mehr unpraktikable Vorschläge en gros zu produzieren. Hören wir dazu nochmals Konrad Hummler in seinem Anlagenkommentar:

Alles sieht zudem nach noch mehr, noch komplexerer Regulierung aus, nach noch grösseren Horden letztlich unproduktiver Auditoren, Anwälte und Aufsichtsorgane, nach immer neuen und noch raffinierter ausgelegeten Stress- und anderen Test, nach Schikanierung der Manager zum populistischen Zweck der Bonusbeschränkung.

Aber auch das mangelnde Greifen von Regulierungen oder der Selbstkontrolle durch die Akteure ist ein Argument mehr, warum Kredit-Plattformen wie Smava, Zopa und Prosper sich nennenswerte Marktanteile sichern werden, aber auch Personal Finance 2.0 aus dem Boden sprießen, sofern die neuen Mitspieler und Wettbewerber seriös und transparent aufgestellt sind.

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Written by lochmaier

September 17, 2009 um 12:48 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

7 Antworten

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  1. Hallöchen, Gut geschrieben. Kann gar nicht genug von Harry Potter bekommen.

    Ines, Harry Potter Fan

    September 18, 2009 at 6:26 am

  2. Hallo,

    sehr guter Artikel. Gefällt mir. Und man kann es ja auch nie oft genug sagen

    Boris

    September 18, 2009 at 1:33 pm

  3. […] meine früheren ausführlichen Analysen zu dessen “freigeistigem” Gedankengut, etwa hier auf diesem […]

  4. […] allzu sehr aus den Augen zu verlieren. Aber das ist schwierig, wie ich es schon mal in einem früheren Beitrag zum Thema „Wie das Mitmachweb die Bankbilanzen bedroht – und anhand der Analogie zum […]

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