Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Archive for September 2012

Facebook-Banking (Teil I): ASB Bank

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Ob das Facebook-Banking zwischen Datenschutz und den hippen neuen Möglichkeiten im Web 2.0 auch in finanziellen Dingen Schule macht, das entscheiden ganz allein die Nutzer.

Oder wie es mein “Kolumnisten-Kollege” Dirk Elsner auf Wallstreet Journal Deutschland so pointiert: Die Like Bank sei noch nicht erfunden

In einer mehrteiligen Serie beleuchte ich einige konkrete Ansätze von Banken, sich diesem Thema mit mehr als einer bloßen Unternehmenspräsenz zu stellen vermögen, oder dies zumindest beabsichtigen.

Statt einer langatmigen Einführung empfehle ich eingangs meinen längeren Überblicksartikel auf Heise Telepolis:

“Social” Media Banking: Werden Nutzer ihre Geldgeschäfte via Facebook abwickeln?

Beginnen wir konkret am anderen Ende der Welt, in Neuseeland, dort gibt es die gerade in sozialen Netzwwerkfragen recht innovative ASB Bank, über die ich schon berichtet habe.

Simone McCallum ist bei der neuseeländischen Bank als Corporate Social & Communications Strategist aktiv. Sie gewährt nun einige Einblicke in die Gedankenwelt der ASB, über den Status Quo zum “Facebook-Banking (der Einfachheit halber in englischer Sprache): 

Social media and banking may appear to be an unlikely match, but at ASB Bank we have embraced this new way of communicating with our community. Our social media presence has become an integral part of how we speak to, and listen to, our customers and the community. ASB aims to be where our customers are, to ensure that we understand what is important to them both in banking and their every day lives.

ASB offers two different banking services via Facebook. Our Facebook Virtual Branch, launched in September 2010, allows customers and non-customers to web chat securely and privately in real time with a banking specialist. This could be anything from customers wanting advice in the steps towards getting a home loan, how to change money for an overseas trip, how to set up an automatic payment, or just for some simple savings tips.

In May 2012, we updated our Apple iOS and Android ASB Mobile app to allow customers to make payments to their friends using just a mobile phone number or active email address. In July 2012, we added to ability to pay a Facebook friend, making it simpler and easier to make payments without requiring a bank account number.

ASB strives to integrate banking into the slip stream of everyday life, and we know that over 60 percent of New Zealanders active on Facebook return every day so it makes sense for us to continue to be present there. Facebook is a golden opportunity for brands to engage with this community. Banks and financial institutions can easily reach out to customers to provide updates on relevant and useful products and services, gather feedback as part of the customer journey for product development, provide social customer support, and deliver secure, frictionless banking services such as ASB’s Mobile Facebook payments.

For Facebook friend payments, the payment is made via ASB’s Mobile app and collected through the ASB Social Collect app on Facebook. The ASB Social Collect app is hosted and secured by ASB.

Using the Mobile app, customers send their Facebook friend a private notification as part of creating the payment. When the friend clicks on the notification in Facebook, they will be prompted to install the ASB Social Collect app, if they haven’t already installed it before to collect a payment. The friend can then enter a New Zealand bank account number into the Social Collect app to collect the payment.

Within the ASB Mobile app customers can view accounts, transfer money between accounts, make one-off payments and bill payments to existing bill payees as well as persontoperson payments via a mobile number, email address or Facebook friend. Customers can also set up a PIN for easy access and an optional quick balance prelogin. Persontoperson payments are a particularly good fit with Facebook as many people choose to mange their lives and communicate with their friends using this social network.

Security is always a top priority for ASB and ASB Mobile uses the latest in encryption technology to minimise security threats such as malware, phishing and hacking. Receivers of payments are also protected with all unretrieved funds being credited to the payer after 14 days.

ASB is the most active New Zealand bank on social media - we are on Facebook, Twitter, YouTube, LinkedIn, Pinterest and Instagram, and launched the world’s first Virtual Branch on Facebook in 2010. We were also the first New Zealand bank on Google+ when it was launched in 2011.

We have a dedicated social media team that engages with these communities, looks for opportunities to help prospective or existing customers, provides social customer service, supports marketing and sponsorship campaigns, gathers customer insights, and shares new product developments, breaking news or important banking updates that are relevant, timely and useful.

Social media and financial services are constantly evolving and changing and we will continue to design the customer’s banking experience to be relevant, personalised and useful. Our ongoing dialogue and engagement with our community through our digital and social channels will be a key factor in the innovation and design process.

Das Gespräch aufgezeichnet hat Lothar Lochmaier

Written by lochmaier

September 24, 2012 at 12:04 nachmittags

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Offshore-Windenergie: Wer investiert in die Top-Risikoklasse?

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Die Energiewende schreitet trotz vieler Diskussionen voran. Aber einer der als Eckpfeiler proklamierten Technologien – die Nutzung der Windkraft auf dem Meer zur Stromgewinnung – hat immer noch den Makel eines Großprojektes, bei dem die Kosten rasch aus dem Ruder laufen. Kein Wunder also, dass die Verantwortlichen den Schwarzen Peter hin und herschieben. Letztlich dürfte sich die Technologie trotzdem bei schwerem Seegang durchsetzen, jedoch erst nach einer harten finanziellen und technologischen Lernkurve.

Lesen Sie den ganzen Beitrag in meiner neuen Kolumne Stromzähler [image]auf den Online-Seiten vom Wallstreet Journal Deutschland:

Windkraft aus dem Meer: Ein Poker mit maximalem Risiko

Written by lochmaier

September 18, 2012 at 8:40 vormittags

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Schattenbanken: Randthema gerät in mediales Gewitter

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Als ich vor einem Jahr meinen Roman Schattenbanken schrieb, war das Thema noch gar nicht richtig angekommen. Jetzt ist der Begriff fast am Stammtisch gelandet. Dies ist der Anlass, gegen Ende der Sommerzeit auf diesem Weblog einige Auszüge zu veröffentlichen. Schließlich habe ich einen kreativen Blickwinkel auf die Schattenbanken gewählt, statt theoretisch-langatmiger Definitionen.

Zunächst zur Einführung die übliche Portion an medialer Zuspitzung, ein Video vom ARD-Magazin Plusminus, das die Thematik insbesondere am Beispiel der Deutschen Bank kurz anreißt – Pikanterweise ist man dort in der Chefetage gerade heute öffentlich endgültig vom Renditeziel “Plus 25 Prozent” abgerückt und möchte andere Zielstellungen nicht mehr vernachlässigen – warten und schauen wir, was da bei der “Revolution light” (siehe Handelsblatt online) vor sich gehen wird:

Aus meiner Sicht benötigen wir zur Aufhellung des Schattenbankenphänomens neben harter Analyse von Zusammenhängen auch kreative Erklärungsansätze, die jenseits von Schwarz-Weiß-Kontrasten weiter in die Gesellschaft hinein reichen.

Lange Rede, kurzer Sinn – hier ein etwas ausführlicher Buchauszug aus meinem “Hackerroman” Schattenbanken:

Bertolt Brecht hat einmal sinngemäß gesagt, warum eine Bank überfallen, wenn man eine gründen kann. Erst recht nach der Finanzkrise, im grellen Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit, schien dieses Ansinnen eine Karikatur seiner selbst. Das Leitmotiv hing bei Virology in der Größe eines Posters direkt zwischen den beiden Fensterflügeln im Altbau. Noch reizvoller als eine Bank zu überfallen, war es Mitglied in einer besonderen Aktivistengruppe zu sein, die sich erdreistete, den Großen in Wirtschaft und Politik auf Augenhöhe gegenüber zu treten.

Es handelte sich um ein Dutzend junger Männer und zwei Frauen, die sich regelmäßig in diesem verruchten, wenig einladenden Berliner Hinterhof trafen. Der miefige Standort in dem von Massenmedien zur Problemzone deklarierten Bezirk Neukölln wurde von Touristen oder Geschäftsleuten gerne gemieden, außer wenn diese ihr Nachtquartier gerade in einem nahe gelegenen großen Tagungshotel aufgeschlagen hatten, das sich inmitten dieses unwirtlichen Kiezes befand. Offiziell war das nicht ganz legale Treiben von Virology als Verein zur Förderung der barrierefreien Internetkommunikation e.V. deklariert.

Mit einer Hacker-Aktivistengruppe früherer Generationen hatte dies freilich nur wenig zu tun. Zwar gehörte es zum guten Ton, zwischen Hacker und Cracker zu unterscheiden. Letzt genannte, die aus der reinen Profitgier handelten, wurden von den Virologen geächtet. Man hielt sich stattdessen an den üblichen Ehrenkodex, bei dem es jedem Mitglied zur Ehre gereichen sollte, eine ausgenutzte Schwachstelle oder Lücke in einer mangelhaften Software den betroffenen Unternehmen oder Behörden sofort zu melden.

Es war politisch korrekt, daran zu glauben, dass sie zuerst die Chance erhalten sollten, ihre Schlupflöcher zu stopfen, noch bevor richtige Kriminelle dort ihr Unwesen treiben konnten. Doch seit der Finanzkrise war gerade den Neuankömmlingen in der Gruppe klar geworden, man könnte doch auch globalen Konzernen mit kreativen Mitteln einheizen, die sich keinen Deut um Umwelt oder Arbeitsplätze scherten.

Im Fachjargon bezeichneten Experten diese Kulturtechnik als Social Engineering. Im übertragenen Sinne bedeutete dies für Virology so etwas, als mit bloßer Hand gegen das subjektiv als ungerecht empfundene Establishment vorzugehen, das mit großen Kanonen auf die Spatzen zielte.

Das Feindbild, das sich die Virologen zu Recht gelegt hatten, war so gestrickt, dass man sich klar machte, dass die berechtigten Anliegen der kommenden Generation bei den derzeitigen Eliten keine Rolle spielte. Dazu waren sie zu selbstverliebt, sie bemerkten noch nicht einmal, dass da draußen im weit verzweigten Netz jemand seine Stimme gegen sie erhob. Und das schloss natürlich ein, nicht jede entdeckte Sicherheitslücke gleich brav an die willfährigen Staatsorgane der Eliten oder direkt an die Konzerne zu melden, in deren Netzwerke man nachts eingedrungen war, wenn der Apparat auf Hochtouren lief. Manche Virologen waren trotzdem in der Zwickmühle, denn sie schielten neben dem Hackerruhm auf lukrative Berateraufträge. Schließlich hatte auch ein kreativer Hacker seine Brötchen irgendwie zu schmieren.

„Viroloy goes luna“

Einige Aktivisten unterfütterten ihr idealistisches Weltbild, in Abgrenzung zum gefräßigen Treiben auf der Erde, freilich mit der Aura von Weltraumpionieren. Vielleicht war es auch nur eine schöne Idee, in die man sich verliebte. Man träumte von eigenen Nachrichtensatelliten, die sich zu einem intergalaktischen Hackernetzwerk verbanden. Man malte, gestärkt durch die Texte russischer Science Fiction Helden, die Vision einer eigenen Mondlandung an die Wand. Virology goes luna, was für ein Poster an der Wand. Ein kleiner Schritt für uns, ein großer für die Menschheit.

Dann würde ein Satellitennetzwerk um die Erde kreisen, das die Vision eines freien demokratisch organisierten Internets verbreitete. Und die Hackergemeinde aus aller Welt, sie waren die Macher dieser utopistischen Vision. Nichts schien in der Phantasie unmöglich zu sein, wenn die Menschheit damit begänne, ihr Geld und Wissen in vernünftige Dinge zu investieren, statt Massenvernichtungswaffen und umweltfeindliche Technologien zum Schaden Vieler zu konstruieren.

Im Zeitalter der dezentralen Kommunikationseinheiten durfte man davon träumen, eine eigene Insel der Glückseligkeit auf diesem dekadenten Planeten zu erschaffen. Manche Erdenbewohner hatten demgegenüber ziemlich handfeste Probleme, jenseits von Zensur oder staatlicher Überwachung der Datenkommunikation. Denn der tägliche Überlebenskampf für die Mehrzahl der Menschen drehte sich seit Jahrhunderten nur um sauberes Wasser, ausreichend Nahrung und ein bewohnbares Dach über dem Kopf, einen Zusammenhang, den die verschrobenen Phantasien der intergalaktischen Sternendemokraten geflissentlich ausblendeten.

Dabei gab es auch hier unten genug Herausforderungen. Die hinter verschlossenen Vereinstüren geäußerten operativen Ziele von Virology waren bereits konkret fixiert. Ins Visier rückte dabei das Establishment der Banken, das man ebenso in Frage stellte wie den militärisch-industriellen Machtkomplex, die Pharmaindustrie oder die großen Energiemonopole, die ausschließlich um ihren eigenen Profit besorgt waren. Die Festungen der übermäßig vom Schicksal Privilegierten, so die allgemeine Stimmungslage, sie seien mit kreativen Mitteln anzugreifen.

Die Virologen empfanden, dass sie in der großen Vertrauenskrise gegenüber einem als ungerecht empfundenen Kapitalismus nicht untätig bleiben durften. Es waren junge Männer und Frauen mit einer klaren Mission. Es war Zeit, etwas gegen das graue Establishment zu unternehmen. Wenn sich die Schwarmintelligenz der Vielen nur ernsthaft zusammen täte, dann könnte die Peanuts-Ökonomie trotz ungleicher Waffen die Oberhand gewinnen, sofern sie die Großen mit ihren eigenen Mitteln aushebelte.

Der Klassenkampf hatte sich direkt ins Netz verlagert. Das Selbstverständnis im Umgang mit dem Geld war ebenso in Frage gestellt wie dasjenige der Banker. Wie der kreative Umsturz des Bestehenden genau vonstatten gehen sollte, das blieb freilich etwas nebulös. Aber die Virologen fassten sich wenigstens ein Herz. Denn den anderen da draußen war das akkurat sitzende Businesshemd sowieso viel zu tief in die Hose gerutscht, weil sie sich nichts zutrauten oder zu bequem waren, irgend etwas an den Verhältnissen zu ändern. Die meisten begnügten sich damit, ihre latente Unzufriedenheit gegenüber den Banken mit einem lästigen Achselzucken zu artikulieren. Alle schienen zu akzeptieren, dass das bis zur Besinnungslosigkeit geschulte Finanzabverkaufspersonal die Masse in ihr selbst geschaufeltes Grab hinein trieb.

Zwanzig Quadtratmeter für Hacktivisten  

Aber auch der Begriff Hacker war zweifellos in die Jahre gekommen und taugte kaum mehr als prägnantes Unterscheidungsmerkmal. Das illegale Eindringen in fremde Computersysteme war ein soziales Klischee, ein billiger Abklatsch, hinter dessen Fassade sich reichlich unterschiedliche Gruppierungen versammelten.

Die geistigen Grenzziehungen verliefen auf der einen Seite zwischen billigen Nachahmern und Script-Kiddies. Im Zentrum der Szenerie befand die um mediale Aufmerksamkeit buhlende Schar von politischen Hacktivisten, deren genaue Zusammensetzung freilich ein buntes Völkchen darstellte. Und auf der anderen Seite gab es die professionellen Hacker mit klaren Grundsätzen und Zielen. Was unabhängig davon in der Szene am äußeren Rand heute mehr denn je als jede private Ruhmestat zählte, war es, etwas zu bewirken mit jeder durchgeführten Aktion. Eine erfolgreiche Begehung des Tatorts bestand darin, der Gesellschaft eine zukunftsweisende Denksportaufgabe zu geben.

Insofern arbeitete sich eine neue, auf den ersten Blick undogmatisch auftretende Generation, allmählich an die Neudefinition eines computerbasierten Gemeinschaftsmodells im Netz heran. Wobei jeder der bunt zusammen gewürfelten Virologen darunter vermutlich etwas anderes verstand, was dem Ganzen den Anstrich eines vielstimmigen Chors verlieh. Kurzum, es gab Anarchisten, Sozialisten, Utopisten und paramilitärisch gedrillte Operationalisten. Sie alle mussten irgendwie miteinander klar kommen, in dem engen, abgehalfterten Kabuff, das gerade einmal zwanzig Quadratmeter groß war. Eine um die Sauberkeit bemühte Putzfrau hätte bei diesem Anblick vermutlich sofort das Weite gesucht oder die Ärmel hoch gekrempelt.

Als das Vereinsmitglied mit dem Decknamen Vibr13ator37 den schmuddeligen Hinterhof betrat, in dem es gewöhnlich nach verfaultem Fastfood roch, zog sich die Sonne gerade in ihr nächtliches Ruhekissen zurück. Es war das Startsignal für den Erkundungstrip in intergalaktische Planetensysteme, wie das Eindringen in Firmennetzwerke bei Virology elegant umschrieben wurde.

Mit dem Rauchverbot war es hier so eine Sache. Man hatte es heiß diskutiert, es waren immerhin eine Handvoll Nichtraucher in der Gruppe vertreten. Aber mit den basisdemokratisch auferlegten Regeln haperte es an der einen oder anderen Stelle.
Und so kamen die gesundheitsbewussten Nichtraucher nicht darum herum, zwischen dem ausgiebigen Nachtflug durch die Sternenstraße gelegentlich die Fenster zur Frischluftzufuhr aufzureißen, selbst bei dicken Minusgraden im Winter. So blieb es allen erspart, eine langatmige Grundsatzdebatte ins Horn zu stoßen. Die war jetzt sowieso nicht mehr notwendig, denn es war Anfang Juni und da standen die Türen zur nächsten intergalaktischen Sternenmission weit offen.

Einer der Virologen hatte eine heiße Fährte aufgenommen. Nimm die Hintertüre, wo dich keiner sieht, lautete die Devise beim Eindringen in ein betriebliches Netzwerk. Greife dort an, wo die Abwehrreihen es am wenigsten erwarten.

Die Umsetzung dieser schlauen Bauernregel war allerdings kein Selbstläufer. Man brauchte als virtuelle Kavallerie trotz der allerorts im Netz bereits verfügbaren Standardbaukästen schon ein gewisses Geschick und Fachwissen, wollte man sich Zugang zu den Daten in einem gut abgesicherten Unternehmen verschaffen. Geduld und Standfestigkeit waren die Voraussetzungen, um als Hacker erfolgreich zu sein. Auf der anderen Seite war die klischeehafte Schilderung in den Massenmedien maßlos übertrieben, die den Hackern eine Aura von genialen Computerkindern andichtete.

Frauenquote 2.0: Die Hackse

Die meisten Angriffswerkzeuge waren alles andere als etwas Besonderes. Es waren Produkte einer durchschnittlichen Programmierleistung. Die Baukästen beschränkten sich meist darauf, durch automatisches Abtasten nach Schwachstellen in schlecht konfigurierten und mangelhaft gewarteten Systemen zu fahnden. Und die gab es reichlich. Wer sich hingegen über längere Zeit als Spion unbemerkt in einem Netzwerk tummelte, um Daten von dort abzusaugen oder zu manipulieren, der brauchte schon mehr Können, als ein Standardtyp mit ein paar Taschenspielertricks.

Mittlerweile schauten in der Gruppe ab und an zwei bis drei Hacksen vorbei. Gemeint damit waren weibliche Hacker, die sich erfolgreich in dieser Männerdomäne einnisten wollten. Für die Virologen schien mittlerweile vieles überholt, auch das Image der weltabgewandten Nerds, die nach dem gängigen Zerrbild allesamt so aussahen, als stellte soziale Kompetenz für sie ein Buch mit sieben Siegeln dar. Man war im Prinzip durchaus fähig, mit anderen Menschen normal und vernünftig zu reden, sofern man Lust dazu hatte.

Eine dieser neuen weiblichen Frischlinge war wingqueen, die Flügelkönigin. Sie beherrschte jenseits der gängigen Hackerbaukästen bereits das ganze Waffenarsenal an technischen Bauelementen, von Sicherheitslücken wie dem Buffer-Overflow in der Software, bis hin zum Design von Stealth Viren, die sich tief ins Computersystem einfraßen und dort völlig unerkannt ihr Unwesen trieben. Ganz nebenbei studierte sie noch Informatik, vorausgesetzt sie hatte ein bisschen Zeit für langweilige Uni-Seminare.

Denn sie hasste nichts mehr als den Bückling vor den allmächtigen Uniprofessoren zu machen, oder den ausufernden Small Talk mit angepassten Kommilitonen einzugehen.
Den politisch korrekten aber geflügelten Begriff Kommilitoninnen nahm sie erst recht nicht in den Mund. Es erschien ihr sinnlos, mit rhetorischen Nebenschauplätzen bei der akribischen Gender-Rechthaberei kostbare Zeit zu verschwenden. Viel lieber tummelte sie sich auf der Hauptstraße, der Datenautobahn.

Was die Flügelkönigin an der Akademie überhaupt noch reizte, war die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit professionellen Werkzeugen zur Code-Analyse bei Softwareanwendungen für das Internet. Der Grat zwischen Sicherheits- und Hackertool war wie bei einem löchrigen Schweizer Käse ausgesprochen schmal. Das schien ihr die ideale Voraussetzung dafür zu sein, um wirklich zu verstehen, was sich da draußen in der Netzwelt ereignete und was Otto-Normalverbraucher nur als die dröge Mattscheibe wahrnahm, die nur zu funktionieren hatte. Keiner da draußen sezierte wie sie die Spielregeln im Netz.

Der User war ein mit Null-Intelligenz ausgestattetes treudoofes Interface. Die Surfer auf der dümmsten Welle waren eben ohne Sinn und Verstand. Es handelte sich um „Bunti-Klickis“, die das Internet so unkreativ behandelten wie ihren Zweitfernseher, in den sie täglich völlig apathisch bis zum bitteren Sendeschluss hinein starrten.

»Es sind mal wieder jede Menge Idioten unterwegs, nur das übliche Grundrauschen,« rief die Flügelkönigin leicht unterkühlt den anderen zu. Aus der Weite des Raumes rührte sich wenig, außer einem Kopfnicken und Rascheln. Nach einer andächtigen Kunstpause ergriff Vibr13ator37 das Wort und gab per Mausklick eine neue Losung aus, die für den Rest der Nacht Bestand haben sollte. »Ich hätte da eine interessante Einflugschneise.« Die stoischen Blicke der anderen auf ihre Monitore richteten sich plötzlich nach oben.

Zurzeit standen diverse, weltweit organisierte Hacker-Gruppen in den Startlöchern, um nach frischem Ruhm in der einschlägigen Szene Ausschau zu halten. Mit den freiheitlichen Zielen, die ob ihres naiven humanistischen Weltbilds manchmal ziemlich blauäugig daher kamen, hatten diese Protagonisten wenig gemein. Aber der gemeinsame Nenner war zumindest der Grundgedanke des freien Meinungsaustausches, also vollständig offene Kommunikationssysteme ohne jegliche Zugangsbarrieren. Diese Kompromisslinie zumindest bestand als Treibsatz bei den bunt zusammen gewürfelten Teams der neuen Hackergeneration ohne klares gesellschaftliches Leitbild weiter fort.

Die Masse im Hamsterrad 

Wo aber war nach so manch gescheiterter Revolution das globale Feindbild geblieben? Seitdem Protestbewegungen wie Occupy Wall Street existierten und sich über den Globus verbreiteten, waren die Kinder des Kapitalismus aufmüpfig geworden. Sie suchten sich scheinbar – auch ohne die Banker als gesellschaftliches Feindbild anzusehen – als Freibeuter im Netzuniversum ein lohnendes Ziel, statt sich darauf zu beschränken, wie die Masse im Hamsterrad zu funktionieren, um sich dort mit anderen um jeden kleinen Brotkrümel zu streiten. Zumindest taugte der Finanzmarktkapitalismus in seiner Turbovariante dazu, von vielen als etwas wahr genommen zu werden, das es sehr wohl zu bekämpfen galt, weil er die grimmige Fratze der um reinen Systemerhalt bemühten Eliten verkörperte.

Die Old School war zweifellos privilegiert, deren Exzesse hinderte die jüngere Intelligenzija sich zu entfalten. Das war ideologische Rechtfertigung zum Handeln genug. Im Prinzip ließ sich mit dieser Begründung alles attackieren, was in den weit verzweigten Machtapparaten als Herrschaft stabilisierend empfunden wurde und die blanke Aggression der Aktivisten schürte. Besonders ins Blickfeld rückten natürlich die Infrastrukturen in Politik und bei Behörden, die für den Fortbestand des Hamsterrades unverzichtbar waren.

Aber auch die großen Tanker in der Wirtschaft waren nicht zu verachten, allen voran die Energieversorger, die aus Sicht von Virology eine Wende zur dezentralen Strom- und Wärmeversorgung massiv behinderten, durch die kleine Piranhas neben den Haifischen im Becken ein friedliches Auskommen hätten finden können. Und wem es gar gelang, einen Rüstungskonzern oder ein ähnlich glasklares Feindbild ins Visier zu nehmen und dort unbemerkt das kleine Chaos anzustiften, der stand ganz oben in der virtuellen Ruhmeshalle, von der die Weltöffentlichkeit freilich nicht allzu viel mitbekommen sollte.

Dreamteam Energiekonzern und Pharmaindustrie 

Wer etwas zu verlieren hat, der unterdrückt das Neue mit allen Mitteln, sagte sich Vibr13ator37. Dies gelte nicht nur für Diktaturen, die jeglichen Protest niederwalzten, sondern auch in den vermeintlich so liberalen und aufgeklärten Demokratien. Es existierten dreierlei Navigationssysteme oberhalb den Normen der Vernunft begabten Gesellschaft, so legte sich der junge Aktivist seine Gedankenwelt sorgfältig zurecht. Diese zeichneten sich dadurch aus, dass sie gegenüber den normalen Menschen, die täglich noch einer regulären Arbeit nachgingen, gar nicht mehr „rechenschaftspflichtig“ waren. Sprich, sie konnten tun und lassen, was sie wollten, es konnte ihnen keiner was am Zeug flicken. Und Vibr13ator37 war sich sicher: Die Schlimmsten in diesem seltsamen Triumvirat, das waren neben den Banken die Energiekonzerne und die Pharmaindustrie.

Dieses so diskret hinter den Kulissen agierende Dreamteam, so kalkulierte der Aktivist vor seinem geistigen Auge durch, brauchte sich nicht durch den Dienst am Kunden zu beweisen.
Es besaß das ultimative Schutzdekret eines Freibeuters. Es existierte wie von Gotteshand eingesetzt, per staatlich sanktionierter Verfassung, ganz souverän von oben herab.

In heiklen Momenten geriet Vibr13ator37 bei internen Diskussionen in Rage. Gelänge es die wirtschaftlichen Schlüsselsektoren zu demokratisieren und produktiv zu restrukturieren, die jenseits der Gesellschaft operierenden Festungsmauern einzunehmen, dann hätte die Menschheit eine kleine Chance, aus ihrem ewigen Schlamassel herauszukommen.
Die trübe soziale Suppe in der Gesellschaft bestand freilich aus zwei unvereinbaren Gegensätzen.

Die einen waren Leitwölfe, die anderen Schafe, die nur hinterher trotteten, bis sie irgendwann zur Schlachtbank geführt wurden. Die beiden Extreme blieben historisch gesehen in der wohl habenden westlichen Welt nur notdürftig durch die Mittelschicht zusammen gekittet. Der soziale Interessenausgleich war kaum mehr als eine Erfindung aus der Zeit des großen Aufbruchs in den sechziger und siebziger Jahren. Heute schien das Wirtschaftswunder des vergangenen Jahrhunderts weiter denn je von der Realität entfernt. Die breite Achse der Gesellschaft in der Mitte, sie machte es sich bequem, sie igelte sich ein und hatte dadurch wenig zu melden.

Davon war der soziale Visionär zutiefst überzeugt. Die braven Funktionsnachahmer waren entweder zu bequem oder kümmerten sich, bar jeder tieferen Moral, ausschließlich um ihr tägliches Brot. Die Zukunft spielte kaum eine Rolle bei all dem aufgehäuften Wohlstand.

Das deutsche Volk: Eine willfährige Herde

Der junge Aktivist hatte viel gelesen und so schmökerte er gelegentlich in einem der klassischen Werke herum, etwa bei Gustave Le Bon, der sich mit der Psychologie der Massen auseinandersetzte. Die große Triebkraft der Völkerentwicklung sei niemals die Wahrheit gewesen, sondern der Irrtum, war dort zu lesen: Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.

Das deutsche Volk stufte Vibr13ator37 im Sinne einer willfährigen Herde als besonders prädestiniert ein, um lieber einem falschen Leitwolf zu folgen, als selbst einen eigenen klaren Gedanken zu fassen. Man musste zum historischen Beweis dieser These sich nur ein weiteres aufschlussreiches Buch vorknöpfen, verfasst vom Börsenguru André Kostolany. Der echauffierte sich bereits in seinem 1972 verfassten Werk „Geld das große Abenteuer“ über eine eigenartige Mentalität, die so nur die Deutschen kennzeichne. Denn völlig unnütze Investmentfonds, initiiert durch eine erfolgshungrige Finanzindustrie, gab es bereits zu dieser Zeit, die ausschließlich nach satten Provisionen gierten. So schrieb Kostolany: In keinem anderen zivilisierten Land außerhalb der Bundesrepublik wurde dieser Unfug zugelassen.

Deshalb waren die Offshore-Investment- und Immobilienfonds nur auf das Ausplündern des deutschen Publikums aus. Sie trugen alle das Etikett: ‚Made for Germany’. Geändert hatte sich freilich daran bis heute nichts. Der Börsenguru verlieh zwar seiner Verwunderung Ausdruck, warum der deutsche Staat schon damals so willfährig mit der Finanzindustrie paktierte. Aber drucken wollte diese reife Frucht der Erkenntnis schon damals in den sechziger Jahren kein vom Wirtschaftswunder berauschter Zeitungsverleger.

Ein Grund für die unreflektierte passive Empfängerhaltung der Finanzverbraucher mag seit der Zeit des Nationalsozialismus darin gelegen haben, dass Deutschland von den großen Kapitalströmen abgeschnitten blieb. Vielleicht arbeitete sich die Nation seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute an ihrem moralischen Schuldkomplex ab. Möglicherweise tat sie das, um sich dadurch von der schweren Last der Judenpogrome zu befreien, indem sie ein giftiges Anlageprodukt nach dem nächsten stumm leidend abnickte, schoss es dem jungen Aktivisten durch den Kopf.

Aber woanders in dieser Welt lief das Spiel auch nicht nach anderen Regeln. Der zu lösende Widerspruch war doch heutzutage ein anderer, jenseits der verkappten deutschen Angstbefindlichkeit, davon war Vibr13ator37 zutiefst überzeugt. Auf der einen Seite gab es die im Luxus schwelgenden Reichen, und auf der anderen, der schmutzigen Straßenseite, verharrten regungslos die im Dreck um ihre Würde beraubten Armen, die sich vom kargen Lohn ihrer Arbeit nicht mal neue Schuhe leisten konnten.

Der junge Aktivist war sich sicher: Würde man an dieser Stellschraube der krassen sozialen Ungerechtigkeit etwas drehen, dann gelänge auch die Bewältigung von anderen Zukunftsaufgaben.

Das Internet: Die scharfe Waffe der Unterdrückten 

Manchmal ertappte sich der Student der Wirtschaftsinformatik und Philosophie als phrasenhafter Weltverbesserer. Doch einer musste der Masse ja die Gehirnwindungen wieder durchspülen, wenn die sich nur mit Unterhaltung auf dem seichten Niveau zudröhnte. Der Wandlungsprozess zur indirekten Demokratie, die alsbald die kollektive Schwarmintelligenz ans Machtruder brächte, er würde allerdings nicht schmerzfrei erfolgen. Diesen Umstand machte der querköpfige Jungakademiker unter anderem an den aktuellen Geschehnissen in den arabischen Staaten fest, wo die Diktaturen mächtig unter Druck geraten waren.

Das Internet entpuppte sich dabei nicht nur als kreatives Werkzeug, um Protestversammlungen spontan auf irgendwelchen Plätzen anzuberaumen. Nein, das Netz hatte sich zu einer stummen, gleichwohl umso schärferen Waffe der Unterdrückten gegen ihre übermächtigen Herrscher entwickelt.

Doch war die kreative Gewalt der Straße wirklich so groß? Man musste die Masse nur hierzulande kräftig aufrütteln. Er blickte in den Kreis seiner Familie und Verwandtschaft und sah ein, dass die meisten Onkels und Tanten mehr Zeit mit dem Urlaubsschnäppchen oder einem neuen Flachbildfernseher verbrachten, als sich zu überlegen, was sie mit ihrem Geld denn Vernünftiges anstellten.

Jetzt lief sein innerer Motor in höchster Drehzahl: Die künftigen Entscheidungsträger in Wirtschaft und Gesellschaft, so sprach sich Vibr13ator37 vor dem geistigen Spiegelbild selbst Mut zu, sie würden deutlich mehr vernetzt und dezentral aufgestellt sein. Man brauchte gar kein hoch dekorierter großer Wirtschaftstheoretiker zu sein, um das leise aber stetige Aufkommen der menschlichen Schwarmintelligenz als Schlüsselkriterium für neue kooperativ geprägte Wirtschaftsmodelle zu werten. Dort war das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Ironisch beendete Sebastian Heilfrisch dann seinen inneren Monolog mit einem richterlichen Spruch: Gott habe diesen Entwicklung so voraus geplant, bilanzierte der Atheist.

Letzte Zweifel konnte natürlich auch er nicht ausräumen, bei seinem Höhenflug in die kollaborative neue Geistesepoche.

Würde kreative Anarchie einen Bruch mit dem alten System herbeiführen? Natürlich waren die Aktivisten bei Virology klug genug, sich einen formalen Ehrenkodex aufzuerlegen, der ihrem Handeln einige demokratische Fesseln auferlegte. Nicht alles war erlaubt, schon gar nicht, wenn durch ein Vereinsmitglied eine entdeckte Schwachstelle dazu ausgenutzt wurde, einen größeren wirtschaftlichen Schaden anzurichten. Das verführerische Katz-und-Maus-Spiel einiger Protagonisten, die sich am Rande der Gruppe bewegten, es glich einem Formel-Eins-Rennen, bei dem sich der Erstplatzierte und sein Verfolger bedrohlich nahe kommen. Es gab eine letzte Barriere von Anstand und Moral, die selbst eine zur latenten Anarchie neigende Gruppe nicht einfach überqueren durfte. Zumindest, wenn dabei einer über die Schulter blickte.

Hackseneroberung 

Vibr13ator37 ergriff kurz nach Mitternacht in der schläfrig vor sich her dümpelnden Runde das Wort: »Was geht ab, warf er der Flügelkönigin zu.« Die ließ nicht lange mit der Retourkutsche auf sich warten: »Blödmann, was soll schon abgehen,« wies sie den verbalen Annäherungsversuch barsch in seine Schranken. Als Tochter aus reichem Hause bemühte sie sich um eine proletarische Tonlage, die bei den anderen etwas gekünstelt herüberkam. Die wingqueen tat alles, um in der Gruppe nicht als verwöhntes Girlie von Besserbetuchten verspottet zu werden. So wirkte sie dem Image entgegen, sie habe die Weisheit von Geburt an mit goldenen Löffeln gefressen und entfliehe hier nur ihrem gläsernen Käfig der edel ausstaffierten inneren Langeweile. Dies würde den anderen in der Gruppe fälschlicherweise den Eindruck vermitteln, dass sie es gar nicht nötig habe, irgendeinen konkreten Lebensplan ins Auge zu fassen, da sie ohnehin später viel Geld erbte.

Vibr13ator37 ließ nicht locker, denn er hatte sich insgeheim bereits in die ein Jahr jüngere, optisch aber ein paar Zentimeter größere Flügelkönigin verguckt. Noch versuchte er seine latente Nervosität geschickt zu überspielen. »Ich bin da auf eine Bank mit einer interessanten Schokoladenseite gestoßen« legte er ihr den nächsten Köder zum Flirten bereit. Es schien zu klappen, das rebellische Luxusgirl erhob sich von ihrem Sperrmühlsitzgerät und näherte sich ihm mit raumgreifenden Schritten.

Vibr13ator37 hieß eigentlich Max und war der unbequeme Sprössling von Sebastian Heilfrisch. Dass er ausgerechnet der Brut eines IT-Security-Fritzen entstammte, der noch dazu in einer Frankfurter Großbank arbeitete, diesen Umstand kreidete ihm die Gruppe zwar nicht direkt an. Aber er musste sich als waghalsiger Ritter mehr als die anderen ins Zeug legen, wollte er deren gnädige Gunst behalten. Jetzt aber waren ihm die anderen Virologen vollkommen egal. Er wusste, wollte er bei der Flügelkönigin erfolgreich landen, musste er volles Risiko gehen. »Ich habe da eine Hintertreppe in die Frankfurter Handelsbank gefunden« stieß er mit lässigem Unterton in Blickrichtung zur Hackse aus.

Das weibliche Objekt der Begierde nahm den Spielball auf und schob ihr abgehalftertes Sitzgerät direkt neben seines: »Echt, das musst du mir mal genauer zeigen« Jetzt wusste Max, er hatte zumindest ihre intellektuelle Aufmerksamkeit erregt. Sein Herz schlug schneller, denn wenn er in den nächsten Minuten nichts zu bieten hatte, dann hatte er es bei der Flügelkönigin endgültig vergeigt. Er pokerte weiter, wohl wissend, dass sein Vater, mit dem ihn ansonsten die beiderseitige Sprachlosigkeit verband, bereits die eine oder andere Spur ins Unternehmen hinein gelegt hatte.

Während der Arbeitswoche weilte Sebastian Heilfrisch in seiner Parallelwelt in der Mainmetropole. Das gab Max genug Zeit, sich in den beruflichen Unterlagen des Vaters genauer umzusehen, die dieser ziemlich achtlos zu Hause liegen ließ. Für den Vater war die Familie ein sicherer Ort, dem er in seinem bisherigen Leben ohnehin nicht übermäßig viel Bedeutung einräumte. So nur war es zu erklären, dass die höchste Sicherheitsstufe, die der Chief Security Officer sonst überall so routiniert walten ließ, gerade in seinen eigenen vier Wänden ausgeblendet blieb.

So übersah Heilfrisch, dass sein Sprössling mittlerweile durch die Hilfe einiger fähiger Computerfreaks, die er zu Beginn seiner Hackerkarriere auf den üblichen clandestinen Szeneparties kennen gelernt hatte, zu einer beachtlichen Kunstfertigkeit beim Schreiben von Schadsoftwareprogrammen gelangt war. Max war nicht nur ein bereits erprobter Virenschreiber. Er konnte auch wie ein weiser Indianer in einem alten Hollywoodwestern an den Gleisen horchen, um den sich nähernden Zug frühzeitig zu hören. Er verfügte über eine intuitive Schnittstelle, um diverse Spuren in der Systemkonfiguration einer IT-Architektur zu entschlüsseln.

Mal hatte er die eine oder andere Homepage im Netz kreativ verunstaltet. Oder er startete eine kleine Denial-of-Service-Attacke, um mit einer künstlich generierten Flut an Seitenaufrufen die Serverparks einer größeren Firma zu fluten und diese kurzzeitig in die Knie zu zwingen.

Im Fachjargon benutzten die Security-Experten dafür den bürokratisch verklausulierten Begriff ‚Betriebsunterbrechung’. Derartigen Schäden beugten die Betroffenen durch ein ausgefeiltes Business Continuity Management in der gesamten Unternehmenskultur vor, so das Credo der professionellen Abwehrreihen. Aber derartige Fachausdrücke klangen nach einem Marketingprospekt, der nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte, dem gerade deshalb niemand wirklich Glauben schenkte.

Die ersten kleinen Nadelstiche in fremde Netzwerke hatten Max zwar bereits den Respekt der anderen eingebracht, den ganz großen Coup aber konnte er bis dato nicht landen. Jetzt sah Vibr13ator37 die Stunde der Wahrheit gekommen. Er musste vor der Flügelkönigin die Hosen runterlassen. Es dämmerte ihm, der Preis dafür war hoch, er hatte seinen Vater ans Messer zu liefern. Er verdrängte den Gedanken eines virtuellen Fernduells mit seinem Erzeuger, zu dem er eine Art Hassliebe empfand.

Er hatte einerseits dessen analytischen Sachverstand geerbt. Wozu sein Erzeuger diesen in der Frankfurter Handelsbank einsetzte, das rief in ihm jedoch die pure Verachtung hervor. Er tat schließlich alles, um ein unmenschliches Bollwerk vor der legitimen Revolution von unten zu schützen. Er sah seinen Vater im Spiegel der französischen Revolution von 1789, in der der französische Landadel versucht hatte, den Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen. Der Computerhacker vermied zwar den Begriff Schweinesystem. Für solch eine plumpe Wortwahl war Max schlicht zu intelligent. Aber dass die Menschheit der Finanzindustrie letztlich wie eine dumme Melkkuh folgte, deren frische Milch man ständig abzapfte, das musste doch jedem nur halbwegs gebildeten Menschen einleuchten.

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Schattenbanken (pdf-Format). Zur Kindle-edition bei Amazon geht es hier. Und auf iTunes (optimiert für das iPad) finden Sie das Buch hier.

Written by lochmaier

September 11, 2012 at 3:23 nachmittags

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Zehnte Killerapp: Mobiles Peer-to-Peer-Bezahlen stärkt Nutzerautonomie

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Wie sieht das Mobile Banking der Zukunft aus? Dazu war ich gerade auf einer Auslandsrecherche in Spanien unterwegs – denn es gibt dort nicht nur den Bankia-Turm, der zum Symbol des maroden Finanzsystems geworden ist, sondern auch innovative Ansätze, wie man die Kundenkommunikation neu beleben kann. Spanische Banken machen hier auch einmal positiv von sich reden. Mehr dazu im Lauf der nächsten Wochen.

Sicherlich sind innovative technische Tools von großer Bedeutung. Banking übers iPhone oder iPad, interessante Apps und mobile Anwendungen sind aber nur die eine Seite der Medaille. Es dürfte von Vorteil sein, sich statt der technischen Spielwiese auch verstärkt um die Inhalte zu kümmern, die letztlich den nicht leicht austauschbaren Mehrwert im Sinne der Markt- und Markendifferenzierung erst erbringen.

Um als gewichtiger Spieler in der Branche ein konkretes Unterscheidungsmerkmal aufzuweisen, sind also kreative Ideen gefragt, die vor allem dem Kunden einen Nutzen bieten, und nicht nur oder vor allem der Bank.

Dies kann beispielsweise durch fachlich fundierte graphische Aufbereitung zu den eigenen Produkten, Chancen- und Risikoklassen geschehen, durch ungeschönte Einblicke in den Alltag der Kundenberater – und natürlich durch zahlreiche Möglichkeiten für Feedback-Schleifen, die jedoch nicht als vordergründig getarnte unidirektionale Einbahnstraßenkommunikation zu gestalten sind. All dies natürlich mobil und in Echtzeit.

Wir stehen hier am Anfang einer spannenden Entwicklung, und ich bin mir sicher, dass in einer Branche, die sich über Jahrzehnte kaum durch Neuerungen in den Geschäftsmodellen ausgezeichnet hat, sich in diesem Jahrzehnt am „Frontend“ der realen oder virtuellen Ladentheke vieles bewegen und verändern wird.

Wie könnte die Bank der Zukunft also aussehen? Aus meiner Sicht wäre es ein Geld- oder Kreditinstitut, das nach innen effizient arbeitet und keine unnötigen Kosten produziert, also ein schlanker Verwaltungsapparat und eine am Kundennutzen orientierte nachweisbare Produktgestaltung mit sinnvollen Messkriterien. Nach außen ist es eine hybride Bankfiliale mit dem Komfort und der Leichtigkeit der sozialen Netzwerkkommunikation, die zudem mit dem Kunden keine irreführenden Spiele spielt, indem sie das „Big-Brother-Prinzip“ auf das Web 2.0 überträgt.

Aber auch hier kann sich die Internetgemeinde Trost spenden: Wo sich gute Ideen hinter der Bank 2.0 verbergen, wird sie im globalen Dorf ein positives Votum über deren weiteres Schicksal abgeben. Wo nur Etikettenschwindel und dreiste Anmache dahinter steckt – vermeintlich auf Augenhöhe mit dem Kunden, jedoch unterhalb der Gürtellinie lanciert – dann lässt sich diese Praxis zumindest über direkte Kommentare auf einschlägigen Blogs und über Twitter, Facebook & Co. rasch entlarven. Ein Mausklick von der nächsten Straßenecke reicht.

Mehr dazu in meinem Buch, das jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei 10 killerapps als disruptives Element im neuen Bankenpuzzle auflistet. Oder: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. 

Die gedruckte Version können Sie hier erwerben: Bank 2.0: Die Killerapp (morebooks) oder direkt hier bei Amazon bestellen. Auf iTunes (optimiert für das iPad) finden Sie das Buch hier.

Written by lochmaier

September 7, 2012 at 8:43 vormittags

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