Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie

Wall Street und Community Banks: Teil des Problems, Teil der Lösung

with one comment

Es gibt nirgendwo auf dieser Welt ein Land, in dem ein den Menschen eher “freundlich” verbundenes Bankensystem – “Community Banks” – derart verbreitet ist wie in den USA. Der Sektor mit seinen dezentral aufgestellten Banken beeinflußt zwar nicht die große Welt von Wall Street & Co. Schaut man aber auf die Zahl und Volumina, so verwundern die Maßstäbe doch ein wenig, wie sich auf den Internetseiten der Independant Community Bankers of America (ICBA) nachlesen lässt:

With nearly 5,000 members, representing more than 20,000 locations nationwide and employing nearly 300,000 Americans, ICBA members hold $1 trillion in assets, $800 billion in deposits, and $700 billion in loans to consumers, small businesses and the agricultural community.

Quelle: http://www.icba.org/aboutICBA/index.cfm?ItemNumber=527  

Und noch etwas ist erstaunlich: Von den insgesamt 8.195 Banken in den USA seien fast 8.000 Community Banks, berichtet ICBA. Wer genauer wissen will, wie die regionale und monetäre Verteilung in den USA ausfällt, wird hier fündig:

http://www.icba.org/aboutICBA/index.cfm?ItemNumber=527

Erst kürzlich hat das ICBA sogar ein “Lending Community Bank Programm” ins Leben gerufen, das auf “low cost” Studentenkredite abzielt:

http://www.icba.org/news/newsreleasedetail.cfm?ItemNumber=65029&sn.ItemNumber=1733

Hier erläutert ICBA die Vorteile bzw. Grundcharakteristika von den landesweit verstreuten “Community Banks”:

  • Community banks focus attention on the needs of local families, businesses, and farmers. Conversely, many of the nation’s megabanks are structured to place a priority on serving large corporations.
  • Unlike many larger banks that may take deposits in one state and lend in others, community banks channel most of their loans to the neighborhoods where their depositors live and work, helping to keep local communities vibrant and growing.
  • Community bank officers are generally accessible to their customers on site. CEOs at megabanks are often headquartered in office suites, away from daily customer dealings.
  • Community bank officers are typically deeply involved in local community affairs, while large bank officers are likely to be detached physically and emotionally from the communities where their branches are located.
  • Many community banks are willing to consider character, family history and discretionary spending in making loans. Megabanks, on the other hand, often apply impersonal qualification criteria, such as credit scoring, to all loan decisions without regard to individual circumstances.
  • Community banks offer nimble decision-making on business loans, because decisions are made locally. Megabanks must often convene loan approval committees in another state.
  • Because community banks are themselves small businesses, they understand the needs of small business owners. Their core concern is lending to small businesses and farms. The core concern of the megabank is corporate America.

Quelle: ICBA

———————————

Die Schattenseiten von Community Banks

Das klingt alles gut – soweit also die positive Seite der Medaille. Die Kehrseite: Auch Community Banks sind in den Strudel der Finanzkrise geraten. So haben sich in diesem Jahr etwa, um nur zwei Beispiele zu nennen, nicht ganz ohne Grund, wie die Community Bank of Arizona oder die Community Bank of Nevada, in die Reihe der US-Bankenpleiten eingereiht. Das zeigt: Auch sie sind nicht nur ein Teil der Lösung, sondern gelegentlich auch ein nicht ganz unbeträchtlicher und darum ebenso verletztlicher Teil des gesamten Finanzsystems.

Kurzum: Wie so oft, hilft auch hier eine Schwarz-Weiß-Brille nicht weiter. Ein durchaus komplexes Beispiel wird hier in einem Fachbeitrag im Handelsblatt skizziert, der Autor Professor Harald Uhlig, der ein Experten-Weblog für das Wirtschaftsmedium führt, skizziert dabei seine Bedenken vor einer Überregulierung der Finanzmärkte:

http://blog.handelsblatt.com/oekonomie/2009/11/28/warnung-vor-uberregulierung-der-finanzmarkte

Spannend mit Blick auf die oben skizzierten “Community Banks” in den USA ist vor allem die folgende Passage:

Nehmen wir den Markt für Hypotheken an Haushalte mit geringen Einkommen und hohen Risiken in den USA, möglicherweise der Auslöser für die “subprime crisis” und die Weltfinanzkrise von 2008. Interessanterweise gibt es seit 1977 in den USA den “Community Reinvestment Act”, der Banken dazu anhält, Hypotheken an solche Haushalte zu vergeben! Die “CRA-Performance” wird regelmäßig überprüft etc etc. Das ist sicher nicht die ganze Geschichte – aber wenn hier mit dem Finger gezeigt wird, dann muß man auch auf diese Regulierungen zeigen.  

Quelle: Handelsblatt

Es zeigt sich einmal mehr: Die Dinge in der Bankenwelt sind kaum mit einer schwarz-weiß-gemalten Sicht der Welt zu erfassen. Es gibt überall graue Pastelltöne. Wenn Community Banks mit dazu beigetragen haben, dass blindlings Kredite an nicht rückzahlungsfähige Haushalte in den USA vergeben werden, dann muss auch hier rejustiert werden. In diesem Beitrag habe ich bereits die Bedeutung des Community-Reinvestment-Aktes für die Entwicklung von Social Banking aufgezeigt:  

http://lochmaier.wordpress.com/2009/11/25/diskussion-wie-aus-social-banking-2-0-common-banking-werden-konnte/

Interessant ist auch dieser Leserkommentar zum von mir im Banken-Manifest angeregten Begriff eines neu definierten Social Bankings = “Common Banking”:

Common Banking: “Freundliches Banken-Manifest”: Übernahme der allzu gefräßigen großen Finanzindustrie durch die niedere menschliche Schwarmintelligenz

Das mit der Übernahme der “niederen Schwarmintelligenz” hat natürlich eine etwas undeutsche, feine Brise von ironischem Humor. Hoffentlich ist das im Land der (oft nur formal) politisch Korrekten überhaupt erlaubt. Hier also der Kommentar von Leser Andreas Mankel zum freundlichen Banken-Manifest: 

Irgendwie fühle ich mich ins Jahr 1866 zurückversetzt. Damals schrieb Friedrich-Wilhelm Raiffeisen das Buch “Die Darlehenskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung” Ich besitze die überarbeitete Auflage aus dem Jahr 1966.

Das Prinzip ist immer das Gleiche:

- Menschen glauben si sind in einem System gut aufgehoben

- sie sind damit überfordert es zu druchschauen, glauben aber daran das es für sie gut ist

- kommen in eine Situation die sie nicht mehr selbst bewältigen können

- benötigen fremde Hilfe, z . B. von einer Bank

- werden dann vom System im Stich gelassen

- die scheinbar funktionierenden Netzwerke oder Dienstleistungen erweisen sich als nicht tragfähig und wenden sich auch noch gegen die Hilfsbedürftigen

Fazit: wenn man funktioniert ist man gut genug Geld in die Kassen zu spülen, wenn amn Hilfe braucht und ein Risiko darstellt ist man allein Um dieser Fehlentwicklung entwas entgegen zu setzen muß man wieder kleine, regionale Systeme einführen die unabhängig von den großen Unternehmen funktionieren – die Mikrofinanz in der dritten Welt macht es vor.

Fazit: Auch in einer kleinen Dorgemeinschaft steht nicht alles zum Besten, und es wird einige Anstrengungen erfordern, den Gedanken eines sozial- und ökologisch auch nur einigermaßen gesellschaftskonformen Bankwesens institutionell zu verankern, als auch die Menschen aktiv in die nachhaltig repositionierten Geldströme einzubinden.

Aber das “globale Internetdorf” lebt, wie das Beispiel Fidor Bank  auch in Deutschland belegt, und derartige Internetplattformen sind dazu da, dem Gedanken der Community Banks oder genauer jenen des Community Bankings frisches Leben einzuhauchen. 

Natürlich ist dies ein kommerzieller Ansatz, aber auch das gehört dazu, warum soll man unten “in der niederen Schwarmintelligenz” nur zuschauen, wie oben das große Geld im virtualisierten Geldkreislauf verdient wird. Cloud Computing at it’s best. Die Wertschöpfung findet nur noch “in der Wolke” statt.

Das Verlangen der frustrierten Bankkunden ist Ausdruck, auch an der Wertschöpfungskette in Gesellschaft und Wirtschaft zu partizipieren, und es ist nicht nur die äußere Form der reinen “Renditegier”.

Und hier geht’s zum Interview mit Fidor-Geschäftsführer Matthias Kröner, der erläutert, was er unter “Community Banking” versteht, und das ist schon etwas anders, sprich marktwirtschaftlicher, akzentuiert, als das staatliche Modell der Community Banks. “Am Markt” bewähren müssen sich indes beide Varianten:

http://lochmaier.wordpress.com/2009/11/19/fidor-interview-was-ist-eigentlich-community-banking/  

Fragt sich bloß am Ende noch, was der “Markt” künftig ist, denn soviel Spielgeld wie derzeit in die falschen Kanäle fließt, lässt sich nur durch konsequentes Umsteuern der Geldströme in die – auch lokaler geprägte – Realwirtschaft wieder in einen nützlichen Verwendungszweck zurückführen. Ich drücke dies bewusst so formalistisch aus. Denn Common Banking mit einem soliden “Rettungsfallschirm” für die Realökonomie hat nur eine Chance, wenn sich ein breites Umdenken in der Gesellschaft ergibt.

Oder – wie “Electrouncle” Boris Janek es in einem Interview mit Social Banking 2.0 hier zu seiner Vision einer “Genossenschaftsbank 2.0″ beschreibt:

Diese zweite Seite der Medaille zeigt, dass durch die Digital Natives nicht automatisch Social Banking in die Welt gebracht werden wird. Wenn man Social Banking ernsthaft betreiben möchte, muss man tiefer, muss man institutionell, gesellschaftlich und wohl auch kulturell ansetzen.

Wer darf Finanzprodukte entwickeln?

Wer  bietet  Finanzprodukte an?

Welchen persönlichen Lebenszielen dienen diese Finanzprodukte?

Welche Produkte muss ich unbedingt haben, welche soll oder kann ich haben?

Mit wem spreche ich über Finanzen?

Welchen Stellenwert haben Finanzen?

Quelle: Social Banking 2.0

 

About these ads

Written by lochmaier

Dezember 3, 2009 at 7:08 vormittags

Veröffentlicht in Uncategorized

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 136 Followern an

%d Bloggern gefällt das: